Jeremy Clarkson ist das, was man landläufig „ein Original“ nennen würde. Der 1960 im englischen Doncaster geborene TV-Moderator moderiert zusammen mit Richard Hammond und James May das Auto-Magazin „Top Gear“, das – bis zum Rauswurf Clarksons wegen Handgreiflichkeiten mit einem Produzenten und dem sich daran anschließenden Rückzug von Hammond und May – die erfolgreichste Sendung der BBC war. Clarksons Popularität, die weit über die Sendung „Top Gear“ hinausreicht, fußt auf einer Mischung aus boomeresker Tappsigkeit und seinem großen Einfühlungsvermögen gegenüber jenen, für die es ebenfalls einen landläufigen Begriff gibt: den einfachen Leuten.
Clarkson hat Geld, er hat Einfluss und er hat die Aufmerksamkeit der Presse. Reißt er in „Rechter Onkel“-Attitüde einen Witz über Minderheiten, muss er sich um seinen Job keine Gedanken machen. Er hat seine Schafe im Trockenen – wortwörtlich! –, denn ihm gehört ein großer Bauernhof in den Cotswolds. Seit 2021 steht dieser Hof im Mittelpunkt der Sendung „Clarkson’s Farm“, denn die Moderatorenlegende hat sich zusammen mit seiner Lebensgefährtin vorgenommen, den bis dahin von seinem Gutsverwalter bewirtschafteten Betrieb in die eigenen Hände zu nehmen. Dass zum Bauernleben aber etwas mehr gehört, als große Traktoren zu fahren und Kühe zu streicheln, muss Clarkson rasch auf die harte Tour lernen.
„Clarkson’s Farm“ ist vieles: Reality-TV, Stand-up-Comedy, Dokumentation, aber auch Drama. Dicke Regenwolken verhängen das, was man in anderen Ländern einen Sonnenaufgang nennen würde. Clarkson lässt sich gähnend und ächzend auf dem Sitz seines geliebten, aber technisch unzuverlässigen Lamborghini-Treckers nieder, verbeult beim Wenden sein Hoftor, pflügt, säht oder mäht – je nach Jahreszeit – eines seiner vielen Felder und darf sich im Nachgang vom jungen und erfahrenen Landwirt Kaleb Cooper eine Tirade über die extrem schiefen Ackerfurchen anhören. Bauernromantik trifft hier auf einen etwas plumpen, aber dennoch liebenswürdigen Humor. Das ist die eine Facette von „Clarkson’s Farm“.
Die andere ist der tägliche Kampf gegen eine wahnwitzige Bürokratie, die – etwas überraschend für den deutschen Zuschauer – auch in anderen Ländern die Arbeit erschwert, behindert, blockiert. Clarkson beugt sich stirnrunzelnd über irgendein unverständliches Formblatt, das geradezu aus der managerialistischen Hölle zu kommen scheint und ihm – genau wie Tausenden anderen Landwirten – minutiös vorschreibt, wie Saatgut X, Feld Y oder Rind Z zu verwalten sei. Humor schlägt hier schnell in die bittere Erkenntnis um, dass der postdemokratische Managerstaat dem primären volkswirtschaftlichen Sektor die Lebensgrundlage entzieht. Und in der Tat kommt Clarkson – auch im Gespräch mit anderen Landwirten – immer wieder darauf zurück, wie viele Bauern das Handtuch schmeißen, wie viele Schlachtbetriebe aufgeben und wie viele Pubs dichtmachen.
Die große Verödung Englands – sie ist ein geteiltes Schicksal, hängt doch in der echten Wertschöpfungskette ein Beruf am anderen. Sie ist aber auch das geteilte Leid aller Volkswirtschaften im Westen. Während sich der Staatssektor immer weiter ausdehnt, wird die produktive Arbeit zwischen dem harten Brett der Regularien und dem weichen Kissen der Subventionsverordnungen erstickt.
Aber Clarkson ist nicht der Typ, der aufgibt – außerdem würde das dem Konzept der ganzen Sendung entgegenstehen. Er ackert also, packt an, baut einen Hofladen auf und kauft sogar einen alten Pub. Das erweitert zum einen das thematische Repertoire der Sendung, zum anderen lenkt es aber auch das geweckte Problembewusstsein des Zuschauers auf die geteilte Erkenntnis, dass der wirtschaftliche und soziale Niedergang unseres Gemeinwesens Gründe hat und – was noch viel wichtiger ist – sich etwas dagegen tun lässt.
Es gibt also viele gute Gründe, „Clarkson’s Farm“ zu schauen. Von mir bekommt die Serie eine klare Empfehlung!

