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Dunkles oder strahlendes Mittelalter?

14. Mรคrz 2026
in 3 min lesen

Es ist eine dieser Grafiken aus der Hรถlle, die schon seit den Urzeiten des Internets kursiert: Auf einer Zeitlinie zwischen der Antike und dem Jahr 2000 zeigt sie ein Diagramm von โ€žwissenschaftlichem Fortschrittโ€œ, dieser beginnt im alten ร„gypten anzuwachsen, beschleunigt sich in Griechenland und dem Rรถmischen Reich, und setzt dann wรคhrend des โ€žchristlichen dunklen Zeitaltersโ€œ bis zur Renaissance aus.

https://twitter.com/BlueRepublik/status/2024604915524350150?s=20

Das ist keine wirkliche Statistik, hier steht keine Quelle oder Studie dahinter. Es ist wenig mehr als ein Witzbild, wie es sich dazumal die neunmalklugen Halbschlauen zuschickten, um sich in ihrer pubertรคren Naseweisheit rebellisch zu geben. Doch die Vorstellung einer sich beschleunigenden zivilisatorischen Entwicklung, die im โ€ždunklen Mittelalterโ€œ von der kirchlichen Bigotterie zum Stillstand gebracht wurde, ist tatsรคchlich noch verbreitet und hรคlt sich hartnรคckig.

Die Idee ist nicht neu; sie erlangte schon um die Zeit der Franzรถsischen Revolution Verbreitung. Das Denken der Aufklรคrung griff massgeblich auf eine Wiederentdeckung der Antike zurรผck, und dies wiederum wurde in Form eines Trugschlusses instrumentalisiert, wonach die Kirche einen voranschreitenden Fortschritt unterdrรผckt hรคtte. Ziel war es, die Kirche als politischen Widersacher der Revolutionรคre anzugreifen. Diese plumpe Darstellung zerschellt allerdings bereits an der einfachen Tatsache, dass es die von der Kirche gegrรผndeten Universitรคten waren, die die Aufklรคrung รผberhaupt ermรถglichten.

In einem klassischen Beispiel dafรผr, wie das Pendel bei solchen ideologischen Narrativen zurรผckschwingt, breitet sich derzeit eine Gegendarstellung aus, dass der Zerfall des rรถmischen Reiches und das finstere Mittelalter gar keinen Rรผckschritt bedeuteten, sondern in Wirklichkeit eine Blรผtezeit waren โ€“ bloss eine schlecht dokumentierte. Das โ€žfinstereโ€œ Mittelalter beziehe sich ja schliesslich nur auf die lรผckenhafte Quellenlage.

Doch auch diese Ansicht ist utopisch. Der zivilisatorische Rรผckschritt war offensichtlich, schliesslich war mit dem Ende des rรถmischen Reiches eine dominante Hochkultur komplett in sich zusammengefallen. Dieser Aspekt ist nicht vรถllig falsch, bloss war dies keineswegs Schuld der Kirche โ€“ ganz im Gegenteil, die Kirche war gerade zu jener Zeit von politischen und kriegerischen Wirren eine der stabilsten Institutionen in Europa. Und die Kirche, trotz all ihrer Verfehlungen, war auch wesentlicher Treiber der europรคischen Hochkultur der Neuzeit. Die Kirche war nicht anti-intellektuell, sie war das letzte Reduit von Wissenschaft und Humanismus!

Um das Jahr 1969 produzierte die BBC anlรคsslich der Einfรผhrung des Farbfernsehens eine Dokumentationsreihe, einfach betitelt โ€žCivilizationโ€œ.

Es scheint heute schwer zu glauben, doch tatsรคchlich produzierte damals ein รถffentlich-rechtlicher Sender in Europa einen solchen hochintellektuellen Inhalt, ohne die heute allgegenwรคrtige links-woke Gehirnwรคsche, in der Kunsthistoriker Kenneth Clark auf die Bedeutung und Entwicklung der europรคischen Zivilisation eingeht, beginnend mit ihrem einstigen Zerfall in Form des Zusammenbruchs des Rรถmischen Reiches. Dieser fรผhrte dazu, dass โ€žwรคhrend zweier Jahrhunderte das Herz der europรคischen Zivilisation beinahe aufhรถrte zu schlagenโ€œ, bis sich anschliessend jedoch eine neue Blรผtezeit ausbildete.

Ein einprรคgsames Beispiel fรผr jenes Zeitalter des รœbergangs ist im Baptisterium von St-Jean de Poitiers zu finden, dem wohl รคltesten erhaltenen christlichen Bauwerk Frankreichs. Die teils recht erbรคrmlich anmutende Architektur zeugt davon, wie im 4. Jahrhundert die rรถmische Architektur wiederverwertet โ€“ sofern noch erhalten โ€“ und sonst krude nachgemacht wurde, ohne wirklich verstanden zu werden. Es ist ein Zeitzeugnis einer Zivilisation, die buchstรคblich in den Ruinen einer hรถheren Zivilisation hauste.

Die Behauptung, das Ende des rรถmischen Reiches und damit der Antike sei kein zivilisatorischer Rรผckschritt gewesen, ist bestenfalls naiv, schlimmstenfalls demagogische Irrefรผhrung. Den historischen Revisionismus, der einst den hartnรคckigen Mythos der antiintellektuellen, zivilisationsfeindlichen Kirche hervorbrachte, mit einem neuen, entgegengesetzten Revisionismus zu kontern ist gerade in einem Zeitalter, das gefรคhrlich viele Symptome eines einsetzenden erneuten zivilisatorischen Zerfalls vorweist, nicht zielfรผhrend, um dieses mรถgliche Schicksal abzuwenden. Es ist gerade die Art von Antiintellektualismus, die es zu vermeiden gilt.

Weltanschauungen sind am stรคrksten, wenn sie ehrlich mit sich selbst und mit der Realitรคt sind; sie werden nicht immer allen vollends gefรคllig sein, aber sie kรถnnen sich auf der Stรคrke ihrer Standpunkte halten. Wenn man hingegen Weltanschauungen in Mรคrchenerzรคhlungen einwickelt, die schamlos das Blaue vom Himmel versprechen, kรถnnen sich kurzzeitig grosser Beliebtheit erfreuen, werden aber unweigerlich an ihren eigenen Widersprรผchen untergehen.

Letzteres ist genau das, was derzeit in Europa gesellschaftspolitisch markante Anfรคnge zeigt, indem die dominanten โ€“ wenn nicht politisch dann zumindest kulturell โ€“ links-progressivistischen Ideologien nach und nach mit den Realitรคten konfrontiert werden, die sie selbst heraufbeschworen haben und mit aller Kraft der Manipulation und Zensur zu verbergen versuchen.

Es ist in diesem Moment, wo die Reaktion auf diese dahinsiechende Strรถmung vor einem Scheideweg steht, ob man jenes zutiefst makelbehaftete Vorgehen auf gleiche Weise kontern und damit denselben Lastern, vor der Realitรคt in die bequeme Phanstasie zu fliehen, verfallen will, oder ob man den anfangs schwierigeren aber nachhaltigeren Weg gehen will, die Realitรคt zu konfrontieren. In Paraphrasierung des biblischen Gleichnisses ist es der Moment der Entscheidung, ob man das Haus genauso auf Sand baut oder doch lieber auf einem Felsen.

3 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Wenn man mal mit so einem konfrontiert werde der meint dunkles Mittelalter, weil Christliche Kirche, einfach fragen wie er es sich dann erklรคrt das nicht andere Erdteile in dieser Zeit den wissenschaftlichen Fortschritt gezogen haben. Arabien, Indien, China. Da kann die Kirche wohl schlecht Schuld sein ๐Ÿ˜‰

  2. Geschichte ist natรผrlich immer auch Deutung. In sie lรคsst sich ein immerwรคhrender „Fortschritt“ (in was auch immer) genauso hineindeuten wie ein stรคndiges Erblรผhen und Vergehen von Kulturen, wie es Oswald Spengler getan hat. Fรผr ihn hat sich im Mittelalter die geistig-seelische Substanz der abendlรคndischen Kultur ausgeprรคgt, die in ihrem organischen Verlauf schlieรŸlich zu Erstarrung und Absterben fรผhrt (auch wenn unermรผdlich weiter geforscht und entwickelt wird).

    So haben wir heute den interessanten Zustand, dass unsere Kultur lรคngst den Sterbeprozess angetreten hat, wir aber durch technische Entwicklungen in Unterhaltung, Kommunikation und Medizin immerhin bei Laune gehalten werden.

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