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Souveränität im Schatten der Pax Americana

2. April 2026
in 3 min lesen

Im Februar habe ich in Berlin einen Vortrag über Javier Mileis libertäre Schocktherapie gehalten – und die Frage, was die AfD daraus lernen kann. Im Zentrum stand neben der wirtschaftspolitischen Radikalität vor allem ein in rechten Kreisen kontrovers diskutierter Punkt: Mileis bewusste strategische Anbindung an die USA.

Milei verfolgt eine klare außenpolitische Linie. Argentinien hat sich von den BRICS distanziert, positioniert sich eindeutig pro USA, pro Israel und pro Ukraine und pflegt enge Beziehungen zu Donald Trump. Diese Ausrichtung ist Teil einer realpolitischen Strategie: Reformen werden nicht im luftleeren Raum umgesetzt, sondern im Schutz eines mächtigen Partners.

Kritiker sehen darin eine gefährliche Abhängigkeit. Sie verweisen auf die Dollarisierung der Wirtschaft, den Verzicht geldpolitischer Souveränität und finanzielle Verflechtungen wie den 20-Milliarden-Euro-Swap-Kredit aus den USA. Diese Kritik greift zu kurz. Argentinien war bereits seit Jahrzehnten faktisch dollarisiert und wirtschaftlich abhängig von den Vereinigten Staaten. Milei hat diese Realität nicht geschaffen, sondern formalisiert und strategisch genutzt.

Der Unterschied zeigt sich im Ergebnis: Während peronistische Regierungen unter Perón und den Kirchners auf eine multipolare Außenpolitik mit Annäherung an China und Russland setzten, blieb der wirtschaftliche Fortschritt aus. Milei erhält konkrete Unterstützung aus Washington – politisch, finanziell und wirtschaftlich – und erzielt damit spürbare Verbesserungen für sein Volk. Die zentrale Erkenntnis lautet: Souveränität entsteht nicht durch bloße Distanzierung vom Hegemon, sondern durch die gezielte Nutzung seiner Machtstrukturen in dessen Schatten.

Deutschland hat seit 2019 rund 400.000 Industriearbeitsplätze verloren. Die wirtschaftliche Entwicklung ist negativ. Wer über Souveränität spricht, muss die eigenen Voraussetzungen benennen. Deutschland fehlen zentrale Grundlagen staatlicher Handlungsfähigkeit in vier Bereichen.

Erstens: Energieversorgung. Der Ausstieg aus der Kernkraft, der Verzicht auf günstiges russisches Gas und die unzureichende Nutzung eigener Ressourcen haben unserer Industrie das Lebensblut genommen.

Zweitens: Digitale Infrastruktur und künstliche Intelligenz. Ohne eigene Digitalkonzerne, führende KI-Kapazitäten und ausreichende Rechenzentren bleibt Deutschland technologisch abhängig.

Drittens: Verteidigungsfähigkeit. Trotz leistungsfähiger Rüstungsindustrie bleibt die Bundeswehr strukturell unterausgerüstet, unterbemannt und kaum einsatzfähig.

Viertens: Demografie. Ein Geburtenrückgang und Überalterung haben dazu geführt, dass Deutschland seit 1960 rund 13 Millionen Deutsche ohne Migrationshintergrund verloren hat, während Masseneinwanderung die Bevölkerungsstruktur radikal verändert.

Vor diesem Hintergrund ist eine abrupte geopolitische Neuausrichtung, etwa hin zu China oder Russland, kaum realisierbar. Deutschland verfügt weder über die ökonomische noch militärische Kapazitäten um einen solchen Kurs durchzusetzen. Gleichzeitig würden die USA als dominante Ordnungsmacht einen plötzlichen Richtungswechsel nicht hinnehmen. Eine abrupte Abkehr von der transatlantischen Linie würde massive Gegenreaktionen auslösen – diplomatisch, wirtschaftlich und nachrichtendienstlich.

Deutschland sollte seine Abhängigkeit nicht leugnen, sondern pragmatisch nutzen – ähnlich wie Milei. Der bestehende Status gegenüber den USA wird vorübergehend akzeptiert, um Vorteile zu gewinnen. In Bereichen wie Migrationspolitik, Meinungsfreiheit und kulturellen Konflikten bestehen Überschneidungen mit politischen Kräften in den USA, insbesondere im Umfeld von Donald Trump und JD Vance. Diese Schnittmengen sind die natürlichen Grundlagen für eine engere Kooperation.

Gleichzeitig eröffnet die Partnerschaft Handlungsspielräume. Deutschland kann versuchen, gezielt Zugeständnisse auszuhandeln – etwa beim Zugang zu günstiger Energie, beim Wiederaufbau industrieller Kapazitäten oder beim Aufbau eigener digitaler Infrastruktur, einschließlich Rechenzentren und KI-Systemen.

Souveränität entsteht schrittweise durch den Aufbau eigener Stärke in zentralen Bereichen: Energie, Technologie, Verteidigung und Demografie. Besonders entscheidend ist die militärische Dimension. Eine glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit lässt sich realistisch nur im Zusammenspiel mit den USA entwickeln. Ein deutscher Alleingang würde in Europa Misstrauen auslösen, insbesondere in Polen und den baltischen Staaten. Ein militärischer Aufbau ist daher nur tragfähig, wenn er in ein von den USA unterstütztes Sicherheitsgefüge eingebettet ist.

Zugleich fordern die USA seit Jahren mehr europäische Eigenverantwortung in Sicherheitsfragen. Deutschland sollte hier eine Führungsrolle übernehmen – im Rahmen der bestehenden Ordnung, nicht gegen sie.

Die globale Dominanz der USA wird sich nicht abrupt, sondern schrittweise über Jahrzehnte verändern. In diesem Übergang liegt eine strategische Chance: Eigene Strukturen können aufgebaut werden, ohne direkte Konfrontation zu riskieren. Ein überhasteter Bruch mit den USA würde Gegenreaktionen provozieren und die eigene Position schwächen. Der Weg zur Souveränität führt daher nicht über ideologische Reinheit, sondern über nüchterne Interessenpolitik.

Das Ziel bleibt ein starkes, eigenständiges Deutschland mit stabiler Energieversorgung, wettbewerbsfähiger Industrie, eigener technologischer Basis, militärischer Handlungsfähigkeit und tragfähiger demografischer Grundlage. Perspektivisch kann auch ein eurasischer Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok an Bedeutung gewinnen, gestützt durch Ressourcen, stabile Handelsbeziehungen und eine gemeinsame Sicherheitsarchitektur mit Russland.

Eine solche Ordnung entsteht jedoch nicht kurzfristig, sondern setzt den systematischen Aufbau innerer Stärke voraus. Solange die globale Ordnung unter Führung der USA besteht, bietet sie den stabilen Rahmen für diesen Prozess. Der langsame Rückgang amerikanischer Dominanz eröffnet ein strategisches Zeitfenster. Ein überstürzter Bruch würde die eigene Position schwächen. Entscheidend ist ein langfristiger Ansatz, der Souveränität vorbereitet statt erzwingt.

5 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Und kämpft Ihr Herr Milei auch selbst an vorderster Front für Groß-Israel und sollen wir Deutschen (wegen unserer Vergangenheit natürlich) da mithelfen?

    • Wenn man nur bedeutend einsatzfähig wäre läge auch dies absolut in unserem Interesse. Wegen der Gegenwart und Zukunft natürlich!

  2. Anstatt die angesprochenen Probleme zu beheben, sollen wir uns also in eine noch größere Abhängigkeit begeben. Dies natürlich alles zu unserem Schutz.
    Zum Schutz vor wem?
    Wollen wir uns wirklich einer mafiösen Ordnungsmacht unterstellen um uns im Schatten ihrer zerfallenden Weltordnung ein kümmerliches Dasein zu sichern? Einer Ordnungsmacht, die selbst von vielen der aufgezählten Probleme befallen ist und sich sowohl militärisch als auch wirtschaftlich an Schwellenländern die Zähne ausbeißt?

Antworte auf den Kommentar von Hans S. II Antwort abbrechen

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