Ja, was gilt denn nun? Einerseits erschien dieser Tage ein Buch mit dem Titel „Wenn China angreift“. Darin zeichnet der Politologe Andreas Fulda ein düsteres Szenario:
„In der Straße von Taiwan könnte sich auch Deutschlands Zukunft entscheiden. Sollte Taiwan zum Beispiel fallen, wäre das nicht nur eine Katastrophe für die Taiwanesen, sondern würde auch unsere Welt verändern. Wir hätten es dann mit einer Pax Sinica zu tun, also einer Hegemonie unter Herrschaft der KP Chinas. Das wäre nicht gut für Deutschland und für die Welt.“
Andererseits traf nahezu zeitgleich Taiwans Oppositionsführerin Cheng Li-wun in Peking Staats- und Parteichef Xi Jinping und warb für gemeinsame Friedensbemühungen, während Xi die Wiedervereinigung einen „unvermeidlichen Teil der Geschichte“ nannte. „Wir haben volles Vertrauen darin“ – schließlich, so Xi, werde sich der allgemeine Trend von Landsleuten auf beiden Seiten der Straße von Taiwan, sich anzunähern und zu vereinen, nicht verändern. In der Tat könnte Chengs Partei, die Kuomintang (KMT, Nationale Volkspartei), eines Tages in Taipeh wieder an die Macht kommen und die Annäherung beider Seiten vertiefen.
Im Westen, nicht zuletzt in Deutschland, wo ständig von der „regelbasierten Weltordnung“ die Rede ist, wird Taiwan unverdrossen eine „demokratische Inselrepublik“ genannt, die Peking als „abtrünnige Provinz“ einstufe und andere stets davor warne, sich in Innerchinesische Angelegenheiten einzumischen. Kein Wort davon, daß das bis heute noch immer als „Republik China“ firmierende Taiwan am 25. Oktober 1971 gemäß Resolution 2758 aus den Vereinten Nationen ausgeschlossen wurde. Als Gründungsmitglied der UNO hatte die Republik China seit 1945 einen Sitz im Weltsicherheitsrat inne. Erst 1971 gelang es Albanien und einigen anderen Staaten, in der Vollversammlung obige Resolution durchzusetzen und das mittlerweile groteske Repräsentationsverhältnis umzukehren: Mit 76 Ja-Stimmen, 35 Nein-Stimmen und 17 Enthaltungen wurde die nur noch auf die Inselprovinz Taiwan reduzierte Republik China aus allen Organisationen der Vereinten Nationen zugunsten der 300fach größeren Volksrepublik ausgeschlossen.
Damit hatte sich die Ein-China-Politik, die sowohl von der nach ihrer Niederlage auf dem Festland 1949 nach Taiwan geflohenen Kuomintang als auch von den in Peking herrschenden Kommunisten vertreten wurde, den realen Machtverhältnissen entsprechend durchgesetzt. Entgegen allen Behauptungen wurde damals nicht Taiwan ausgeschlossen, sondern die Insel war und blieb ein integraler Bestandteil Chinas – bis heute. Da das Völkerrecht nur Staaten kennt und nicht Regierungen, spielt es auch keine Rolle, daß die Insel nie vom jetzigen Pekinger Regime regiert wurde. Die diplomatische Schlappe in der UNO führte dazu, daß die USA ihre China-Politik radikal änderten und Präsident Nixon im Februar 1972 nach Peking reiste, um dem Erzfeind von gestern in Gestalt Mao Zedongs die Hand zu schütteln. Heute vertreten nahezu alle Staaten, auch Deutschland, die Ein-China-Politik.
Als Mao am 1. Oktober 1949 die Gründung der Volksrepublik verkündete, schien der Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Nationalisten beendet zu sein. Doch wegen der jahrzehntelangen Einmischung der USA dauert er im Prinzip bis heute. Zwar erkennt Washington Peking als einzig legitimen Vertreter ganz Chinas an, unterstützt aber die zu China gehörende Insel Taiwan mit Waffen, um eine gewaltsame Übernahme durch die Volksrepublik zu verhindern.
2008 gewann die KMT bei der taiwanesischen Parlamentswahl 71 Prozent der Sitze, ihr Kandidat Ma Ying-jeou wurde zum Staatspräsidenten gewählt. Ma betrieb eine Politik der Annäherung an die Volksrepublik. Bereits beim „Konsens von 1992“ hatten KP und KMT die Ein-China-Politik bekräftigt und alle Unabhängigkeitsbestrebungen entschieden abgelehnt. 2012 konnte die KMT ihre absolute Mehrheit behaupten; Ma wurde als Präsident wiedergewählt. Doch in den Folgejahren sank die Popularität der KMT so stark, daß 2016 und 2020 die Demokratische Partei (DPP) triumphierte und ihre Kandidatin Tsai Ing-wen die Präsidentschaft übernahm. Bei den Wahlen 2024 begann sich das Blatt offenbar wieder zu wenden. Zwar wurde der DPP-Kandidat Lai Ching-te zu Tsais Nachfolger gewählt, erhielt aber nur noch 40 Prozent. Für die DPP noch fataler ist, daß sie die Mehrheit im Parlament verlor, so daß ihr Präsident ohne Zustimmung der Legislative viele Reformen nicht mehr durchsetzen kann. Während Ma Ying-jeou, der als KMT-Politiker zweimal Präsident war, erstmals 2012 eine zwölftägige Reise durch die Volksrepublik machte, besuchte auf Einladung Xi Jinpings jetzt Cheng Li-wun als erste taiwanesische Oppositionschefin Festlandchina. Die Fäden zwischen KP und KMT werden, so scheint es, immer fester, auch wenn sich die Insel noch immer „Republik China“ nennt.


Deutschlands Freiheit wird ja immer da verteidigt, wo es den USA gerade einfällt: Afghanistan, Ukraine, Taiwan… Der Politologie Fulda schreibt zu Taiwan möglicherweise im US-Interesse. Da China das größte geopolitische Hassobjekt von Donald Trump ist und Taiwan eine globale Rolle in der Halbleiterproduktion einnimmt, könnte er sich animiert fühlen, Taiwan „präventiv zu retten“, China mit seinem Raketenarsenal zu drohen und die westlichen „Partner“ aufzufordern, es ihm gleich zu tun. Diese Lage wäre dann noch einmal bedrohlicher als der Iran-Krieg, der „nur“ die Weltwirtschaft beschädigt.
Ohne das destruktive Potenzial der USA würden China und Taiwan über wirtschaftliche und politische Kooperation im Zeitablauf möglicherweise immer enger zusammenwachsen.