24. April 2026
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Die AfD zwischen Moskau und MAGA

Von Frank-Christian Hansel, MDA

Was sich in den Auseinandersetzungen um Torben Braga und Rüdiger Lucassen, aber auch in den Konflikten um Mosdorf, Frohnmaier und deren außenpolitisches Umfeld zeigt, ist nicht bloß ein Streit zwischen Personen oder Temperamenten. Sichtbar wird vielmehr ein tieferliegendes Problem der AfD selbst: die noch immer nicht überwundene mentale und politische Differenz zwischen Ost und West.

Diese Differenz ist real. Sie ist weder eine Erfindung der Medien noch bloß eine andere Bezeichnung für Flügelkämpfe. Sie geht auf unterschiedliche historische Erfahrungen, politische Sozialisationen und Instinkte im Umgang mit Macht, Staat, Souveränität, Sicherheit und außenpolitischer Bindung zurück. Die Ostdeutschen reagieren aufgrund von DDR-Erfahrung und Nachwendezeit oft sensibler auf Fragen der Fremdbestimmung, der ideologischen Dressur und des geopolitischen Missbrauchs. Zugleich ist im Osten auch das Verhältnis zu Moskau und Russland vielfach anders codiert: historisch anders gelagert, oft nüchterner und weniger emotional aufgeladen als im westdeutschen Mainstream. Im Westen dagegen ist die politische Sozialisation stärker durch die alte, die „Bonner“ Bundesrepublik geprägt: durch Westbindung, Transatlantismus, institutionelle Loyalität und die Einübung in ein System, das Außenpolitik lange als delegierte Ordnungspolitik verstand. Beide Prägungen sind legitim. Keine ist der anderen moralisch überlegen.

Der Konflikt hat sich genau an dieser Naht entzündet. Sichtbarer Auslöser war der Antrag auf Wiedereinsetzung der Wehrpflicht, den Lucassen als verteidigungspolitischer Sprecher programmkonform in den fraktionsinternen Prozess eingebracht hatte — und den Teile der ostdeutsch geprägten Landesgruppen blockieren wollten, weil das Thema „im Osten schwierig“ sei, zunächst im Sinne nachvollziehbarer Parteitaktik.

Dahinter aber liegt eine tiefere Ebene: ein anderes Verhältnis zur Bundeswehr, zum westlich gebundenen Sicherheitsverständnis und letztlich zur Bundesrepublik selbst. Hier traf ostdeutsch grundiertes Souveränitäts- und Distanzdenken auf ein westlich sozialisiertes Staats- und Bündnisdenken, hinter dem bei Lucassen die Institutionentreue einer gedienten Nachkriegsbiographie und ein soldatischer Begriff von Kameradschaft steht. Der Konflikt war nie nur Personalstreit, sondern die Frage, ob die Partei als Instrument zur Erringung politischer Macht oder als Milieu mit eigenen Treuepflichten verstanden wird.

Die Wiederkehr derselben Grundspannung ergab sich im Feld praktischer Außen- und Geopolitik, in der sich zwei legitime Linien begegnen: eine westlich-transatlantisch offene, die zugleich Anschluss an die neue amerikanische Rechte im Zeichen von MAGA sucht, und eine nüchterner kalkulierende, die den amerikanischen Sog ebenso kritisch sieht wie den russischen. Öffentliche Verwerfungen über despektierliche Wortwahl oder unvermittelte Reisediplomatie sind dabei nicht wirklich Personalkritik, sondern Symptom eines latenten Richtungsstreits um analytische Präzision, diplomatisches Gespür und historische Erfahrungen — Qualitäten, die eine Partei mit Regierungsanspruch von sich selbst erwarten muss.

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Hier lauert eine doppelte Versuchung. Die eine: sich amerikanische Diskurse zueigen zu machen und den kulturkämpferischen Impetus mit der geopolitischen Dimension zu verweben. Die andere: die Russlandfrage zu einem Bekenntnis zu machen und jede nüchterne Betrachtung russischer Interessen reflexhaft als Putin-Nähe zu diffamieren. Beides wäre falsch. Trump und MAGA können analytisch gelesen, aber nicht politisch angeeignet werden. Deutsche Souveränität bedeutet nicht, eine Abhängigkeit durch eine andere zu ersetzen, sondern aus eigener deutscher Achse zu denken. In der Sicherheitspolitik ist die Ablösung amerikanischer Präsenz ein langwieriger Prozess, an dessen Ende deutlich mehr deutsche und europäische Handlungsfähigkeit stehen muss.

Alexander Gauland hat als seltene ost-westdeutsche Synthese diesen Realismus stets präzise benannt: Deutschland bleibt in der NATO, aber ohne Sentimentalität in die eine wie in die andere Richtung. Das ist Bismarcksche Einsicht — deutsche Außenpolitik ist stabil, wenn sie weder auf automatische Feindschaft noch auf naive Freundschaft setzt. Dieser Realismus, westlich gebunden und historisch wach, ist der eigentliche innere Konsens der Partei.

Es wäre verhängnisvoll, wenn sich ein Muster verfestigte, in dem der Osten die Westdeutschen pauschal als „Transatlantiker“ etikettiert, während der Westen die Ostdeutschen als „russlandaffin“ oder „putinnah“ überschreibt. Beide Seiten tragen etwas bei, das die andere nicht ersetzen kann. Der Osten bringt das stärkere Gespür für Souveränität, Freiheitsverlust und ideologische Herrschaft ein. Der Westen bringt institutionelle Erfahrung, strategische Formdisziplin und Verständnis für sicherheitspolitische Realitäten.

Was die AfD deshalb vor sich hat, ist eine doppelte Herausforderung: Es bedarf einer verständigen Versöhnung und zugleich einer versöhnenden Verständigung. Verständig muss die Versöhnung sein, weil sie nicht im Verschweigen der Unterschiede bestehen darf, sondern im nüchternen Ernstnehmen der je anderen Prägung. Versöhnend muss die Verständigung sein, weil sie ohne den guten Willen, den anderen politisch gelten zu lassen, in bloße Machtarithmetik verkümmert. Das eine bewahrt vor Harmonisierung, das andere vor Spaltung.

Die eigentliche Bewährungsprobe der AfD liegt nicht nur im Kampf gegen das herrschende Kartell, sondern in der Fähigkeit, die weiterhin bestehende mentale deutsche Teilung auch im eigenen Inneren zu überwinden, nicht durch Beschwichtigung, sondern durch wechselseitige Anerkennung sozialisationsbedingt legitimer Anschauungen, nicht durch Entweder-Oder, sondern durch ein neues Sowohl-als-auch.

Wenn das gelingt, könnte aus der „verspäteten Nation“ (Plessner) zum ersten Mal eine rechtzeitige werden. Und aus der AfD Partei, die heute um ihre Ost-West-Naht ringt, die erste wirklich gesamtdeutsche Kraft auf dem Weg in die Dritte Republik.

Frank-Christian Hansel

Jahrgang 1964, in Wiesbaden geboren, in München aufgewachsen, seit 1986 in Berlin verschollen – was nüchtern betrachtet lebenslänglich bedeutet, nur ohne Hafturlaub. Der Diplom-Politologe leitet nach der "Treuhand" eine eigene kleine Wirtschaftsberatung für Kuba-Investitionen , dann Deutschland-Geschäftsführung eines spanischen Immobilienkonzerns. 2013 war er Mitbegründer der Berliner AfD und ihr langjähriger Schatzmeister, seit 2016 sitzt er im Abgeordnetenhaus, zuständig für alles, was Berlin nicht hinbekommt: Wirtschaft, Tourismus, Luftverkehr, Energie und Klima.

7 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Gefühlt ist die AfD die einzige große Partei in Deutschland, in der offen über die Position Deutschlands im Zentrum Europas gerungen wird. Dafür gilt ihr mein Dank. Es ist gelebte Realität, für meine Generation und älter, dass die deutsche Einheit nur durch die Bereitschaft der damaligen sowjetischen Regierung möglich wurde. Ich höre im Westen immer noch (leider zu oft) die Mauer wäre gefallen, weil Kohl dies erkauft hätte. Solche Aussagen beschleunigen regelmäßig meinen Puls, denn es waren wir, die mutigen Bürger (und wir allein) die dies möglich machten. Wer etwas anderes behauptet, redet unsere historische Rolle klein! Deshalb tut es gut, wenn so junge Menschen hier eine differenzierte Betrachtung an den Tag legen.

    Dieser alte Kontinent Europa, hat im Laufe von vielen Jahrhunderten genug Kriege gesehen. Und meine Hoffnung nach 1990 war, Deutschland wird auf Grund seiner einzigartigen Konstellation der neue Mittler zwischen Ost und West. Ich kann sagen, das ich bei der Rede von Wladimir Wladimirowitsch Putin im Bundestag 2001 den Eindruck hatte, Russland ist dazu bereit.

    Auch die Männerfreundschaft zwischen ihm und unserem Alt-Kanlzer Gerhard Schröder machten Hoffnung. Die Russen sagten einst, sie würden niemals vergessen, was damals im 2. Weltkrieg geschehen ist, 26 Mio. tote Russen kann man auch schwerlich vergessen. Aber es würde nichts bringen zurück zu schauen, wir müssten gemeinsam nach vorn blicken. Und uns auch an die guten Zeiten erinnern, an Zeiten in denen Deutschland und Russland Hand in Hand und nicht gegeneinander gearbeitet haben. Ich finde, diese Aussage zeigt wahre Größe.

    Persönlich muss ich sagen, als Sohn als auch als Enkel eines Staatsgegners in der DDR hatte ich nie sonderlich viel Sympathie für die Sowjetunion in ihrer kommunistischen Prägung. Ich war ein Fan von Gorbatschow, so wir es wohl alle damals in meiner Generation waren. Und selbst mein Vater, der die Russen wirklich nicht mochte, sagte mir immer wenn „die Russen“ bei der Verlegung mal wieder einen Posten vergessen hatten: „Junge, da oben an der Straße liegt ein Mensch im Straßengraben. Geh bitte zum Bäcker, kauf ein Brot, kaufe 3 Fl. Selters (Wasser) und bring es bitte hoch zu diesem armen Schwein. Sprich ihn nicht an, leg es ein paar Meter neben ihm ab, sag nichts und geh. Er darf das zwar nicht annehmen, aber der arme Kerl hat Hunger und Durst!“. Und das war auch so!

    Nach 1990 war ich den Russen wirklich dankbar für die deutsche Einheit. Sie taten mehr, als alle anderen Alliierten zusammen. Sicherlich in der Hoffnung, die ehemaligen DDR Bürger könnten dieses Land mehr prägen und etwas Neues erschaffen. Ein neues, ein freies Deutschland, ein Deutschland welches Mittler zws. Ost und West sein wird. Die Polen, so sehr ich sie auch mag, sind auch Grund ihrer eigenen leidvollen polnisch-russischen Geschichte dazu nicht in der Lage. Doch die Stimmen der Ostdeutschen wurden nicht gehört, wurden ignoriert, ihre Argumente verlacht und man hat uns in Teilen sogar lächerlich gemacht und tut es bis heute. Damit spricht man unserer Generation ihre Lebensleistung ab. Wir, die wir den Weg der Vernunft und des Patriotismus gehen wollten. Ich kann mich noch erinnern, wie befremdlich die Reaktionen vieler „Wessis“ waren, auf unsere Eigenschaft an Feiertagen z.B. unsere Nationalfarben sichtbar zu präsentieren. Etwas, was in Tschechien, der Slowakei, Polen und vielen anderen Ländern, auch im Baltikum als völlig normal empfunden wird. Wir und unsere „Deutschtümelei“ aber genau das ist es, was die Russen wollten, ein neues deutschen Selbstbewusstsein, eine Identifikation mit der eigenen Geschichte, auch im Westen. Gräben zuschütten, nicht ausheben. Mauern einreissen, nicht neue Wälle schanzen.

    Schöne aus Mitteldeutschland, der Herzkammer der Demokratie seit 1989.

    • Vielen Dank für den differenzierten und interessanten Kommentar.
      Kurze randständige Nachfrage: Gab es in der DDR Selters? Oder war das ein fester Begriff für Sprudel? Selters kommt ja aus dem Taunus.

  2. Insgesamt, denke ich „wir Ostdeutschen“ sind den konservativen Amerikanern vielleicht ähnlicher, als wir es uns oftmals selbst eingestehen wollen. Wenn der libertäre Geist irgendwo in Deutschland zu Hause, dann in „Ostdeutschland“. Wir sind auf Grund unserer Geschichte mit einem gesunden Mißtrauen gegenüber Apparaten und Institutionen versehen. Während im Westen die Bereitschaft „dem Staat“ nur die besten Absichten zu unterstellen, deutlich höher ist. Auch unser ausgeprägter Patriotismus, ist den Amerikanern nicht unähnlich. Dies scheint ein Dauerkonflikt zws. Ost und West zu werden. Wir fühlen uns als Nation auf Augenhöhe mit allen anderen Nationen in Europa. Wir schauen nicht auf Polen, Tschechen, Ungarn herab, wir halten uns nicht für besser oder schlechter.

    Ich habe den Eindruck, im Westen hadert man bis heute mit dem Wort „deutsch“ und versucht sich selbst häufig als kosmopoliten EU Bürger zu sehen. Ich denke die Mehrheit der stolzen Spanier, Italiener, Griechen, Franzosen kämen nie auf die Idee!

  3. Ein erster Schritt wäre die falsche Dichotomie zu überwinden.
    In den Köpfen und Herzen und damit den erregten Debatten muss die Frage ob „Russland oder USA“ zumindest auf Platz zwei der Prioritätenliste rutschen. Auf Platz eins kann es nur „Deutschland zuerst“ geben.
    Alles hat sich dem unterordnen und ist lediglich ein Mittel zum Zweck um Prio 1 zu realisieren.

    Leider wird sich immer wieder in endlosen und unnötig hitzigen Debatten verloren, nur um die Frage zu klären wem man sich lieber anbiedern sollte. Es fehlt eindeutig an startegischer Kühle.

    • Selbstverschuldete Unmündigkeit ist nun einmal bequem. Zumindest für den Moment.
      Und so hoffen fast alle weiter auf die große Rettung von außen, ohne sich je die Frage zu stellen warum sich jemand anderes überhaupt einen unselbstständigen Klotz ans Bein nageln sollte.

  4. Liebe Redaktion, vielen Dank für Euren Kommentar und ja, hab ich gern gemach!!!

    Auch Menschen Ü50 folgen Euch und finden viele Beiträge gut. Um auf die ominöse Selters zu antworten. Ja die gab es, als Selterswasser, es gab damals viele Brauereien die nicht nur Bier sondern auch andere Getränke produzierten.

    Die Regionalwirtschaft war viel verwurzelter als heute. Wir hatten in unserem 2.000 Seelen Ort ne Molkerei, die die Region versorgte und ne Sektkelterei gab es auch. Ich sehe hierin eine Form der Resilienz einer Gesellschaft. (Wäre das nicht mal ein Thema in solchen Zeiten???)

    Übrigens, der Hot Dog war die Ketwurst und der Burger die Grilettta. Und ich persönlich sage heute noch Broiler anstatt Grillhähnchen.

  5. Der Artikel ist Feindpropaganda und sein Autor ein Feind, deshalb wurde mein Kommentar nicht gepostet!

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