Cem Özdemir – Stille Nacht im Görlitzer Park

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Cem Özdemir gehört für mich schon seit Langem zu den wichtigsten Sympathieträgern der Grünen auf Bundesebene. Spätestens nachdem er sich 2017 darüber echauffierte, dass ihm Unbekannte sein E-Bike aus dem eigenen Hausflur in Berlin-Kreuzberg geklaut hatten und das Geschehene als „Riesenschweinerei“ bezeichnete, hatte er sich erfolgreich in mein Herz geschimpft. Doch Gott sei Dank, sein monatliches Einkommen reichte aus, um sich alsbald ein neues Fahrrad anzuschaffen. So fuhr er 2021 ganz unkonventionell und bodenständig mit dem Elektrorad beim Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier vor, um sich im Schloss Bellevue zum Minister für Ernährung und Landwirtschaft ernennen zu lassen. Während all seine Ministerkollegen sich damals in Limousinen hin und zurück chauffieren ließen, transportierte er seine Urkunde heil und sicher auf dem Gepäckträger nach Hause. Das nenne ich mal bürgernah.

Kein Wunder also, dass Cem laut einer Umfrage des INSA-Instituts für die „Bild“-Zeitung aus dem Jahr 2022 zu den drei beliebtesten Politikern der Bundesrepublik gehört, direkt hinter Robert Habeck und Annalena Baerbock. Nach dem Wärmepumpeneklat lässt sich nur mutmaßen, wie viel Sympathie der einfache Bürger tatsächlich noch für Robert Habeck hegt. Doch am Verhältnis zu Özdemir dürfte sich wenig verändert haben. Laut einer Erhebung von YouGov haben seine Fans außerdem das Glück, wenig mit Agrarwirtschaft oder Ernährung am Hut zu haben. Ganz im Gegenteil, sie arbeiten meist in der IT- oder Tourismusbranche, fahren Citroën und sind jung, weiblich und links. Die Distanz macht es eben aus. Doch der Grünen-Politiker glänzt nicht nur durch sein freundliches Auftreten, sondern auch durch seine messerscharfen politischen Analysen. 

Der Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg ist aktuell in aller Munde. Immer wieder kommt es in der Grünanlage zu schweren Gewalt- und Drogendelikten. Im Juni wurde dort eine 27-jährige Frau Opfer einer Gruppenvergewaltigung. Anfang August stand der Görlitzer Park erneut in den Schlagzeilen, nachdem ein 26-Jähriger mit Schreckschusspistole bewaffnet und „Allahu akbar“ rufend an jenem Ort für Angst und Schrecken sorgte.

Nachdem die Polizeipräsidentin Barbara Slowik sowie die Berliner SPD-Vorsitzende Franziska Giffey bereits Sicherheitskonzepte oder aber die Schließung des Parks in der Nacht gefordert hatten, meldete sich nun auch der grüne Bundesminister Özdemir zu Wort. 


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Zusammen mit seiner Familie lebt er schon seit einigen Jahren in Berlin-Kreuzberg. In einem Podcast verlautbarte er kürzlich, dass sich seine 17-jährige Tochter nicht mehr in den Görlitzer Park traue. Selbst in männlicher Begleitung wolle sie sich dort nicht mehr aufhalten, aufgrund von Drogendealern und anderen Kriminellen. Seine Tochter habe außerdem Angst, zu bestimmten Uhrzeiten alleine Bus und Bahn zu fahren. Ein Schicksal, das sicherlich Tausende andere junge Frauen in Deutschland mit ihr teilen. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass die meisten jungen Frauen und Mädchen keinen Fahrrad fahrenden Minister zum Vater haben, der ihnen im Zweifel ein sicheres Taxi nach Hause spendieren kann.

Sicherlich haben die meisten jungen Frauen, die abends um ihre Sicherheit bangen, auch keinen Grünen-Politiker zum Vater, der eben diese Zustände maßgeblich mit befeuerte. Cem Özdemir hingegen ist beides zugleich. Während er über die mögliche Lösung des Problems spekuliert und die Verantwortung ganz einfach auf die Stadt Berlin abwälzt, die – oh Wunder – jahrelang von seiner Partei mitregiert wurde, unterstützt er im Bund all jene Maßnahmen, die das Sicherheitsproblem für Frauen und damit auch für seine Tochter weiter verschärfen. 

Er lobt die Polizei, und trotzdem engagiert er sich in einer Partei, deren Mitglieder die Behörden nur zu gern attackieren und verunglimpfen. Die Doppelmoral bleibt eben auch bei „bodenständigen“ Grünen nicht fern. Da hilft nur Distanz.