Anything Goes With James English, CC BY 3.0, Wikicommons

Der Fall Andrew Tate

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Das alte Jahr 2022 hielt einige Absurditäten und Überraschungen bereit, und auch gegen Ende wurde es nicht langweilig: Am 29. Dezember verhafteten rumänische Behörden den ehemaligen Kickboxer und „polarisierenden“ TikTok-Star Andrew Tate wegen Menschenhandels – weil sie angeblich aufgrund eines in einem Antwortvideo auf Greta Thunberg (die auf Twitter behauptet hat, Tates Gemächt sei klein, tja, das war 2022, Loide…) zu sehenden Pizzakartons einer ausschließlich in Rumänien tätigen Pizzakette seinen Standort feststellen konnten. Klingt nachvollziehbar, ja?

Okay, der Pizzakarton war nicht wirklich für die Verhaftung ausschlaggebend, da die Rumänen eh wussten, wo Tate dort wohnt und wie es bei ihm zu Hause aussieht. Und wer weiß, was an den Vorwürfen bezüglich Menschenhandel alles dran ist. Bei „polarisierenden“ Personen wird ja gern mal was hinzugedichtet, um sie zu diskreditieren. „Polarisierend“, das heißt übersetzt nichts anderes, als dass das linksliberale Establishment ihn nicht ausstehen kann. Und weshalb mag es Tate nicht? Ganz einfach: weil er „Redpills“ verteilt.

In seinen Videos stellt er einen Gegenentwurf zum feministischen Männer- und Männlichkeitsbild vor, das vor „toxischer Maskulinität“ nur so strotzt. Er gibt dabei nicht nur Ratschläge für die generelle Lebensweise eines Mannes, sondern auch Tipps zum Umgang mit Frauen. Ziele seiner Botschaften sind vor allem folgende: junge Männer, die ein sinnentleertes Leben in der Moderne führen und ein Ziel suchen, Herren, die sich durch den Zeitgeist angewidert fühlen und diesem zu entkommen versuchen, und Gentlemen, die vom anderen Geschlecht bis jetzt nur Zurückweisung erfahren haben und das endlich ändern wollen. Seinen größten Gegnern auf linker Seite gilt Tate als der größte Frauenhasser unserer Zeit; die Adjektive, mit denen er beworfen wird, sind altbekannt: Er sei sexistisch, misogyn und homophob (wobei ich noch keine Aussage von ihm kenne, in der er sich über Homosexualität äußert…). Seine Bekanntheit hat durch die Angriffe der Linken bestimmt alles andere als Schaden genommen; jedenfalls war er auf TikTok und vielen anderen sozialen Medien eine große Nummer, so dass Tate auch in rechten Kreisen allmählich Bekanntheit erlangte.

Und da stellt sich die Frage: Nützt Andrew Tate der rechten Sache? Denn unter Rechten ist er nicht unumstritten: Die einen sehen in ihm jemanden, der einer Vielzahl junger Männer die Wahrheit sagt und ihnen rote Pillen verteilt, den anderen ist er ein einfältiger Proll, der seinen Reichtum für Autos und Villen verschwendet, anstatt etwas Sinnvolles zu tun. Zweifellos gibt Tate gute Ratschläge: Geht trainieren, seid selbstbewusst (oder werdet es), lasst euch nicht von Feministen und Frauen verarschen und schon gar nicht despektierlich von denselben behandeln, baut ein gewisses Vermögen auf, et cetera. Und er erreicht damit ein wirklich großes Publikum (seine Videos haben teilweise mehrere Millionen Aufrufe), und vor allem erreicht er Zuschauer, die diese Ratschläge bitter nötig haben und Tate ob dessen Reichtum und Erfolg mehr Glauben schenken mögen als manchen Internet-Rechten.



So wichtig das auch sein mag, dürfen die Schattenseiten nicht unbeachtet gelassen werden. Denn Tate selbst führt leider kein sinnhaftes Leben. Es gibt keinen übergeordneten Sinn in seinem Leben, sein Ziel heißt schlicht: viel Geld, viele Frauen, viele Autos; das klassische Playboy-Leben eben. Sein Weltbild ist rein materialistischer Natur, sein Bild von Männlichkeit beruht allein auf Dominanz über Frauen und materiellem Erfolg in Form dekadenter Villen und über 30 schnellen Autos. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Dominanz und materieller Erfolg sind nicht unwichtige Teile eines guten Lebens, gerade als Mann, nur: Bei Tate ist das eben alles. Da kommt nicht mehr viel, und da liegt das Problem.

Tate erzieht Männer zum Teil zu geldversessenen Hurenböcken und Fuckboys. Was nützen uns solche Kerls? Nicht viel. Klar, sie sind immerhin keine Cucks, keine Feministen mehr, aber es ist trotzdem nicht möglich, eine gute Welt – das heißt, eine Welt, in der ich als Rechter zufrieden und glücklich leben will und kann – mit ihnen aufzubauen. Ich will keine Gesellschaft mit prahlerischen Lüstlingen, sondern eine mit bodenständigen Patriarchen. Nicht möglichst viele Geschlechtspartnerinnen sollten im Fokus stehen, sondern möglichst viele Kinder. Nicht möglichst viele Lamborghinis, sondern möglichst viele kulturelle Erzeugnisse wie Bücher, Musik und Kunstobjekte sollten erworben werden. Und: Nicht das proletenhafte Verschwendertum eines Andrew Tate sollte das Ziel sein, sondern ein sinnhaftes Leben mit guten Geboten ist das Maß der Dinge.

Gewiss, welches übergeordnete Ziel nun wirklich das Leben ausmachen soll, darum streiten sich die Geister; ob Volk, Familie oder Gott, gewiss ist eins: Tate vermag kein Ziel, keinen Sinn zu geben. Er mag für viele ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung sein, doch um zu einer wahrhaftigen Glückseligkeit zu finden, muss auch er überwunden werden. Und dafür sollten die Rechten mit Freuden bereitstehen.

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