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Der Layla ihre Metaebene

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Um an Layla vorbeizukommen müsste man sich wohl in ein georgisches Kloster oder den südamerikanischen Dschungel zurückziehen. Kein Mobiltelefon, kein Internetz, kein Radioempfang. Leider keine Option für uns Redakteure und kurz vor dem letzten Wochenende kam es dann, wie es kommen musste: Die Gretchenfrage „Wie hälst Du’s mit Layla“ entfachte in der Redaktion beinahe eine handfeste Auseinandersetzung. Damit das direkt klar ist: Natürlich sind Malle-Hits degenerierter Abfall, aber wir werden im Laufe des Artikels noch feststellen, dass selbst diese Gewissheit auf einem sandigen Fundament steht.

Die kulturpolitische Elite der Bundesrepublik hat sich spätestens seit dem propagandistisch inszenierten Auftritt des Travestiten Thomas Neuwirth auf dem Eurovision Song Contest 2014 offen zum Kulturmarxismus bekannt. Was noch an persönlicher Scham bestand, was als gesellschaftliches Tabu das jahrzehntelange Dauerfeuer aus Pornographie und „Sex-sells“-Logik überstanden hatte, wird seitdem endgültig eingerissen. Eine klebrige Mischung aus exzessiver Zuschaustellung von Perversion und verbissener Humorlosigkeit beherrscht seit Jahren den kulturpolitischen Betrieb. Wer hätte es vor noch zehn Jahren für möglich gehalten, dass die Art, wie wir sprechen und schreiben (und damit natürlich auch denken) einem matriarchalen Diktat unterworfen wird? Wer hätte einem Zeitreisenden geglaubt, dass es bald ein drittes Geschlecht geben würde? Es ist, als ob eine Rakete ihre nächste Stufe gezündet hätte. Aber statt rauf, geht es runter. Akzelerierende Degeneration, sozusagen.

Es sind verrückte Zeiten und der Verfallsprozess ist nicht leicht in Worte zu fassen. Auch aus diesem Grund hat sich das Meme etabliert. Hier lässt sich noch als popkulturelles Gleichnis das ausdrücken, was auf anderem Wege nicht mehr artikuliert werden kann. Kein Wunder also, dass die Meme-Kultur in erheblichem Maße von rechter und reaktionärer Ideologie geprägt ist.

Und es war dann auch eine Meme, an dem sich die Meinung unserer Redaktion spaltete. Denn lässt sich der Streit rund um Layla wirklich so leicht mit dem beliebten „IQ Bell Curve“-Meme ikonisieren? Reichen sich hier wirklich der Low-IQ-Partypöbel und der reaktionäre Einsiedler über den kreischenden Midwitt hinweg die Hände? Feiert der Eine also in Ruhe seine Fete und der Andere seinen metapolitischen Erfolg? Ist das Abfeiern eines obszönen Schlagers überhaupt ein Erfolg? Oder müssten die Rollen nicht eher vertauscht werden – gebt dem Low-IQler blaue Haare und lasst den Midwitt weinen, weil man ihm seine geliebte Party versauen will.

Ja, wahrscheinlich muss man einen am Keks oder im Tee haben, um diese Debatte derart aufzuladen – aber hey, genau dafür sind wir da! Ein Teil der Redaktion pflegte am Wochenende deutsches Brauchtum, ließ sich also im Bierzelt volllaufen und hörte – sehr, sehr oft – Layla. Warum auch nicht? Deutsches Liedgut dreht sich nicht erst seit diesem Sommer um Schweinekram, und da nimmt sich der Text von Layla noch nicht mal so viel heraus.

Die Sache ist die: Wir Deutschen sind ein komisches Volk. Wir machen in der Regel alles, was man uns sagt – vor allem dann, wenn es zu unserem Schlechtesten ist. Das zeigt die Migrationspolitik, die Energiepolitik, die Europolitik, die Coronapolitik sowieso. Die meisten Leute, die laut Layla grölen, haben das alles entweder aktiv oder passiv mitgetragen. Aber mit dem angedachten Abspielverbot des Liedes wurde dann einer dieser undefinierbaren Grenzen überschritten. Plötzlich ist dagegen sein wieder cool. Der DJ wird zum Einpeitscher. Seht her, wir lassen uns nichts verbieten.

Damit kommt Layla eine Ventil-Funktion zu: Was sich an Ärger im Zuge der letzten Jahre oder an Ängsten mit Blick auf die nächste Zeit angestaut hat, das kann bei wummenden Boxen endlich herausgebrüllt werden. Wir sind jetzt in den seichten Gewässern der “Staatsdelegitimierung” angekommen. Da landet man dieser Tage schnell, denn dafür sorgt die Ampel-Koalition vehement. Sie hat dafür auch ihre guten Gründe, denn anders, als mit massiver Repression, lässt sich die angestrebte Transformation der restdeutschen Gesellschaft hin zur klimaneutralen, durchgeimpften und geschlechtsfluiden Verfügungsmasse nicht bewerkstelligen. Das ist ein Thema, dass sich in den Bierzelten der Republik bei steigendem Alkohol- und konstantem Lärmpegel erübrigt. Es ist heiß, da soll man viel trinken. Jaja, die Layla – ungeimpft noch geiler…

Warte, was?

Was?

Ach, nichts.

2 Comments

  1. So ist es wohl. Das Layla-Grölen ist ein Ventil. Damit zeigt man „denen da oben“, dass man sich nichts vorschreiben lässt. Jaja, klar, für einen Moment, einen Abend. Um sich dann wieder folgsam einzureihen und auch noch den irrsinnigsten Bullshit schweigend, oder allenfalls leise murrend, zu erdulden. Und wenn es dann wieder zu viel wird, findet sich ein weiteres Ritual zum Druckausgleich, und sei es nur länger zu duschen als es Habeck empfiehlt.

    • Widerstand gibts hierzulande nur solange er harm- kosten- und folgenlos bleibt. Alles andere wär zuviel verlangt.

      Ach so, scham-, niveau- und hirnlos passt auch noch in diese Aufzählung.

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