Im Westen, allen voran in Deutschland, stoรen die Moraltrompeter wieder einmal die schrillsten Tรถne aus. Putin, so hรถrt man und so heiรt es landauf, landab, sei ein โKriegsverbrecher“, ein โMonster“, ein โirrsinniges Ungeheuer“. Wer sich diesem Urteil nicht anschlieรt, wird sofort geรคchtet und vom โherrschaftsfreien Diskurs“ (Habermas) ausgeschlossen. In der Ukraine-Frage geht es nicht mehr um richtig oder falsch, sondern allein um gut oder bรถse. Und das abgrundtief โBรถse“ haust in Gestalt Wladimir Putins hinter dรผsteren Kreml-Mauern.
Bereits am 6. Mรคrz wuรte EU-Kommissionsprรคsidentin Ursula von der Leyen, was in Wahrheit seit dem 24. Februar der Fall ist. Nach einem Treffen mit Bundeskanzler Olaf Scholz erklรคrte sie gegenรผber dem US-Sender CNN:
โDas ist nicht nur ein Kampf der Ukraine gegen Ruรland. Es geht auch um den Kampf der Demokratien gegen die Autokratien.“
Deutlicher ist der Staatsrechtler Carl Schmitt (1888-1985) nur selten bestรคtigt worden. In seiner Schrift โDie Wendung zum diskriminierenden Kriegsbegriff“ konstatierte Schmitt 1938, die รra des modernen gerechten Krieges habe nach dem Ersten Weltkrieg mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrages (1919) begonnen โ mit der alleinigen Schuldzuweisung an Deutschland und dem Wunsch der alliierten Siegermรคchte, Kaiser Wilhelm II. wegen des Kriegsbeginns vor Gericht zu stellen und wie einen Verbrecher zu verurteilen.
Durch die Dรคmonisierung des Gegners, so Schmitt, werde die Vernichtung des Feindes zu einem moralischen Imperativ. Der Feind, dem die Eigenschaft eines menschlichen Wesens abgesprochen wird, werde zum โUnmenschen“ erklรคrt, der aus der Menschheit ausgestoรen werden mรผsse. Diese Dichotomie von gut und bรถse, diese auf die Spitze getriebene Moralisierung vertritt auch SZ-Redakteur Bastian Brinkmann, wenn er in seinem Leitartikel vom 23. Mรคrz die โwestliche Werteallianz“ auffordert, sich gegen die Autokratien Ruรland und China nicht nur ethisch und politisch, sondern auch รถkonomisch in Stellung zu bringen.
Nรผchterne Realpolitik sieht anders aus. Bereits 2014 hatte der amerikanische Politologe John J. Mearsheimer vorhergesagt, durch die Schuld des Westens werde die Ukraine eines Tages โzertrรผmmert“ werden. Damals hatte er, wie auch der frรผhere Auรenminister Henry Kissinger, der Washingtoner Regierung empfohlen, der Ukraine keine Versprechen zu machen, sondern ihr eine vรถlkerrechtlich abgesicherte Neutralitรคt anzuraten. Eine Ukraine als NATO- und EU-Mitglied vor der eigenen Haustรผr wรผrde Ruรland als existentielle Bedrohung empfinden, was eine entsprechende Reaktion provozieren kรถnne.
Eine Woche nach Putins รberfall betonte Mearsheimer im Magazin New Yorker, es gebe keinen Grund, zu befรผrchten, Ruรland werde eine regionale Hegemonie in Europa anstreben. Somit stelle es auch fรผr die USA keine ernsthafte Bedrohung dar. Aber:
โWenn man in einer Welt lebt, in der es drei Groรmรคchte gibt โ China, Ruรland und die Vereinigten Staaten โ und eine dieser Groรmรคchte, China, ein wirklicher Konkurrent ist, dann mรถchte man als USA Ruรland an seiner Seite haben. Statt dessen haben wir mit unserer tรถrichten Politik in Osteuropa die Russen in die Arme der Chinesen getrieben. Das ist ein Verstoร gegen das Einmaleins der Politik des Gleichgewichts der Krรคfte.โ
Und die Chinesen? Sie unterhalten gute Beziehungen sowohl zu Ruรland als auch zur Ukraine. Im Weltsicherheitsrat haben sie sich โ wie Indien โ der Stimme enthalten, als Moskaus รberfall verurteilt werden sollte. Am 22. Mรคrz wurde Qin Gang, Chinas Botschafter in den USA, von der Kommentatorin Margaret Brennan in der CBS-Nachrichtensendung โFace the Nation“ regelrecht โgegrillt“.
Qin: โChina ist ein friedliebendes Land. Wir hassen es, daร sich die Situation in der Ukraine gegenwรคrtig so zugespitzt hat. Wir fordern einen sofortigen Waffenstillstand, fรถrdern Friedensgesprรคche und senden humanitรคre Hilfe.“
Brennan: โWerden Sie trotzdem Geld und Waffen nach Ruรland schicken?“
Qin: โChina schickt keine Waffen und Munition an irgendeine Partei. Wir sind gegen einen Krieg, wie ich schon sagte. Wir werden alles tun, um die Krise zu deeskalieren. China hรคlt die Ziele und Prinzipien der UN-Charta aufrecht, einschlieรlich der Achtung der nationalen Souverรคnitรคt und territorialen Integritรคt aller Lรคnderโ auch jener der Ukraine. Andererseits sehen wir, daร die Geschichte der Ukraine-Frage komplex ist.“
Da China, so der Botschafter abschlieรend, enge Kontakte zu den USA, zu Europa, zu Ruรland und zur Ukraine unterhalte, kรถnne Peking auf alle Parteien zugehen. Erforderlich sei eine gute Diplomatie, um die Sicherheitsfrage in Europa dauerhaft zu lรถsen. Drei Tage zuvor hatten die Prรคsidenten Biden und Xi Jinping ein lรคngeres Videogesprรคch mit einem รคhnlichen Ergebnis gefรผhrt. Dabei kam nicht nur der Ukraine-Krieg zur Sprache, sondern interessanterweise auch die Taiwan-Frage. Alle deutschen โQualitรคtsmedien“ unterschlugen, daร โ dies nur nebenbei bemerkt โ Biden chinesischen Angaben zufolge versicherte, die USA wรผrden eine โUnabhรคngigkeit“ der Insel nicht unterstรผtzen, sondern weiter der Ein-China-Politik verpflichtet bleiben.
Was die Invasion in der Ukraine betrifft, so zeichnet sich fรผr Putin und Ruรland ein Debakel ab: wenn nicht militรคrisch, so auf jeden Fall politisch und wirtschaftlich โ und das fรผr die nรคchsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Der Kreml-Herr wird im Westen lebenslang ein Paria bleiben. Er hat sein Land in eine Sackgasse gefรผhrt, weil er den Widerstandswillen der Ukrainer und die massive, bei Bidens Europa-Besuch bekrรคftigte Reaktion vรถllig unterschรคtzt hat. Selbst wenn der Krieg mit der Neutralisierung der Ukraine enden sollte, hat Putin Ruรland wirtschaftlich, politisch und moralisch so geschwรคcht, daร es in Zukunft weder mit den USA noch mit China auf Augenhรถhe wird konkurrieren kรถnnen. Die Neuordnung der Welt werden diese beiden Mรคchte jetzt unter sich ausmachen.

