Bei seinem dreitรคgigen Moskau-Besuch Ende Mรคrz konstatierte Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping, wir befรคnden uns in einer Zeit โglobaler Verรคnderungen, wie wir sie seit 100 Jahren nicht mehr gesehen haben“. An seinen Amtskollegen Wladimir Putin richtete er den Appell: โLassen Sie uns diesen Wandel gemeinsam vorantreiben!โ
Man muร kein professioneller Beobachter des Zeitgeschehens sein, um hinter Xis Worten den allmรคhlichen Niedergang des Westens bei gleichzeitigem Aufstieg bisheriger Schwellenlรคnder auszumachen. Das Ranking der fรผnf grรถรten Wirtschaftsmรคchte der Welt ist eindeutig: 1. USA, 2. China, 3. Japan, 4. Deutschland, 5. Indien. Vor hundert Jahren waren sowohl China als auch Indien Opfer des europรคischen Kolonialismus, wรคhrend die USA nach dem Ersten Weltkrieg auf รถkonomischem und politischem Gebiet ihren globalen Siegeszug antraten, der sie bis heute an die Spitze der westlichen Demokratien gefรผhrt hat โ mit der Maรgabe, auch in deren Namen als selbsternannter Weltpolizist aufzutreten.
Angesichts des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion schlossen 1941 die damaligen Regierungschefs der USA, Franklin D. Roosevelt, und Groรbritanniens, Winston S. Churchill, die Atlantik-Charta, in der sie gemeinsame Grundsรคtze ihrer internationalen Politik in der โHoffnung auf eine bessere Zukunft der Welt“ formulierten. Unter Punkt eins hieร es, ihre Lรคnder โstreben keinerlei Bereicherung an, weder in territorialer noch in anderer Beziehung“, unter Punkt zwei, โsie achten das Recht aller Vรถlker, sich jene Regierungsform zu geben, unter der sie zu leben wรผnschen“. Auch hier bedarf es keiner Professionalitรคt, um die Diskrepanz zwischen Beschwรถrung und Realitรคt als Doppelmoral festzustellen.
Vierzig Jahre spรคter ging es schon nicht mehr um das Selbstbestimmungsrecht der Vรถlker, sondern in der 1990 von 32 europรคischen Staaten sowie von den USA und Kanada unterschriebenen Charta von Paris verpflichteten sich die Lรคnder zur โDemokratie als einzig legitimer Regierungsform“ und sicherten ihren Untertanen die Gewรคhrleistung der Menschenrechte und Grundfreiheiten zu. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Ende der Ost-West-Konfrontation erklรคrte das Pariser Abkommen als Schluรdokument der KSZE die Spaltung Europas fรผr beendet.
Im April, einige Wochen nach Xis Besuch in Moskau, tagten unter dem Vorsitz Japans die sieben wichtigsten westlichen Lรคnder als Gruppe der G 7 (USA, Kanada, Japan, Deutschland, Groรbritannien, Frankreich, Italien). Auรenministerin Annalena Baerbock charakterisierte die Vereinigung wie folgt:
โDie G 7 sind gemeinsam stark, weil sie fรผr eine internationale Ordnung eintreten, in der Rechtsstaatlichkeit und Vรถlkerrecht Vorrang haben vor dem Recht des Stรคrkeren.“
Chinas Antwort lieร nicht lange auf sich warten. Am 20. April konterte Auรenamtssprecher Wang Wenbin auf seiner regulรคren Pressekonferenz:
โWenn die G7-Gruppe wirklich gegen Hegemonismus und Zwang ist, dann sollte sie รผber sich selbst nachdenken und sicherstellen, daร Invasionen wie die in Afghanistan, Irak und Syrien nie wieder vorkommen.“
Die Welt von heute, so Wang, benรถtige weder eine โG Einsโ, in der ein bestimmtes Land alle Befehle erteile, noch ein sogenanntes โBรผndnis gemeinsamer Werte“. Wichtiger sei es, daร die Staaten einander trotz ihrer Unterschiede in Bezug auf Ideologie, Werte und Entwicklungsstand respektieren und zusammenarbeiten, um eine Gemeinschaft mit geteilter Zukunft fรผr die Menschheit aufzubauen, denn, so zitierte er Pekings politisches Credo: โEs gibt nur eine Ordnung und ein System auf der Welt โ und das ist die internationale Ordnung, die auf dem Vรถlkerrecht und auf dem internationalen System basiert, in deren Mittelpunkt die Ziele und Grundsรคtze der Charta der Vereinten Nationen stehen.“
Selbstredend verschwiegen die deutschen Mainstream-Medien diese รuรerungen oder taten sie als โleere Propagandafloskeln“ ab. Dafรผr รผberlieferten sie den Satz, mit dem Auรenminister Qin Gang auf Baerbocks Versuch reagierte, ihren Amtskollegen anlรครlich ihres Tage zuvor abgestatteten China-Besuchs รผber Deutschlands wertegeleitete feministische Auรenpolitik ins Bild zu setzen:
โWir benรถtigen keinen Lehrmeister, schon gar nicht aus dem Westen.“
Mit dieser Meinung steht Peking nicht allein. Immer mehr Lรคnder, besonders im arabischen Raum, sind es leid, mit moralischen Vorhaltungen traktiert zu werden โ von Politikern, bei deren Regierungen zwischen Worten und Taten nicht nur in der Vergangenheit so groรe Lรผcken klaffen, daร die Heuchelei offensichtlich ist.
Noch dominieren die westlichen Staaten, angefรผhrt von den USA und zusammengeschlossen in Organisationen wie G 7, G 20, EU und NATO, die Weltpolitik. Sie haben die Regeln gesetzt und kontrollieren auch das globale Finanzwesen. So steht bis heute immer ein Europรคer an der Spitze des Internationalen Wรคhrungsfonds (IWF), wรคhrend die USA den Prรคsidenten der Weltbank und den Ersten Stellvertretenden IWF-Direktor stellen. Beide Institutionen verleihen Gelder an finanzschwache Lรคnder und sollen die auf dem US-Dollar basierte Stabilitรคt des internationalen Wรคhrungssystems sichern.

Die Herrschaft des Volkes
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In den letzten Jahren hat sich jedoch, angefรผhrt von China, die Gruppe der BRICS-Staaten zu einem immer stรคrkeren Gegenpol entwickelt. Die Vereinigung aus Brasilien, Ruรland, Indien, China und Sรผdafrika will die Dominanz des Dollars brechen und ihn, wenn es nach Peking geht, durch den Yuan (die chinesische Volkswรคhrung Renminbi) ersetzen. Die BRICS-Gruppe hat 2014 eine eigene Entwicklungsbank gegrรผndet. Dieser โNew Development Bank“ (NDB) sind mittlerweile auch Bangladesh, die Vereinigten Arabischen Emirate, sowie รgypten und Uruguay beigetreten. Bis 2025 hat die ehemalige brasilianische Prรคsidentin Dilma Rousseff die Leitung der Bank รผbernommen, die ihren Sitz in Schanghai, der grรถรten Stadt der Volksrepublik, hat. Hauptaufgabe der NDB ist es ihren Angaben zufolge, โRessourcen fรผr Infrastruktur und nachhaltige Projekte in Schwellen-und Entwicklungslรคndern zu mobilisieren“. Fรผr diese Zwecke verfรผgt die Bank รผber ein Kreditvolumen von 50 Milliarden Dollar und einen Reservefonds รผber weitere 100 Milliarden Dollar.
Daร der BRICS-Gruppe neunzehn weitere Staaten beitreten wollen, zeigt, wie mรคchtig sie als Gegengewicht zu den westlich dominierten Organisationen geworden ist. Offiziell um Beitritt gebeten haben Saudi-Arabien und der Iran, die sich durch Pekings Vermittlung erst kรผrzlich versรถhnt haben. Staaten, die Interesse an einer Mitgliedschaft bekundet haben, sind Argentinien, Mexiko, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Algerien, รgypten, Indonesien sowie Nigeria und drei weitere afrikanische Lรคnder.
Schon mit seinem 2013 initiierten Projekt der Neuen Seidenstraรe hat Xi Jinping das Tor zur Welt geรถffnet, auch wenn Kritiker behaupten, Peking wolle nur รคrmere Lรคnder in eine Schuldenfalle locken. Mit der im April 2022 prรคsentierten Globalen Sicherheitsinitiative (GSI) hat Xi ebenfalls von den Lรคndern des Sรผdens viel Zuspruch erfahren. Die GSI, so das Konzept, stehe fรผr ein globales Mehrheitsprinzip statt hegemonialer Alleingรคnge; eigene Sicherheitsinteressen dรผrften nicht auf Kosten anderer Staaten durchgesetzt werden; die territoriale Integritรคt aller Lรคnder mรผsse gewahrt werden; Dialog und Verhandlungen hรคtten Vorrang vor Sanktionen und Krieg. Und was ist mit Ruรlands vรถlkerrechtswidrigem รberfall der Ukraine?, mag sich jetzt so mancher Europรคer fragen. Nun, in anderen Erdteilen hรคlt man den brutalen Krieg fรผr einen Streit zwischen zwei Mitgliedern einer einstigen Union, der zwar bedauerlich ist, in den man sich aber besser nicht aus der Ferne einmischt.
Daร Chinas diplomatische Leistungen selbst in den USA auf ein positives Echo stoรen, haben Pekings Staatsmedien mit einem schadenfrohen Lรคcheln registriert. Am 28. Mรคrz zitierten sie einen Beitrag der linksgerichteten US-Zeitschrift „Counterpunch“ mit dem Titel โChinas Auรenpolitik: Lektionen fรผr die Vereinigten Staaten“. Wรคhrend sich Washington, so die Zeitschrift am 21. Mรคrz, in der Auรenpolitik auf seine militรคrischen Krรคfte stรผtze, verlasse sich Peking mit der Seidenstraรe-Initiative auf wirtschaftliche Beziehungen. Dies habe China in ganz Sรผdasien, Afrika und Sรผdamerika sowie in der Karibik wichtigen Einfluร gebracht. Prรคsident Biden mรผsse anerkennen, daร die US-Politik zur Eindรคmmung der Volksrepublik in den vergangenen zehn Jahren ein groรer Fehlschlag sei: China kรถnne nicht โeingedรคmmt“ werden.

