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Chinas Rückkehr zur Weltmacht (Teil 3)

29. Juni 2021

Dies ist der Teil 3 unserer großen Artikelserie über Chinas Rückkehr zur Weltmacht. Hier entlang geht es zu Teil 1 und Teil 2.

US-Präsident Joe Biden hat es geschafft: Auf seiner Europa-Tour, die ihn Mitte Juni zum G7-Gipfel nach Cornwall, zum NATO-Treffen nach Brüssel und zur Konferenz mit den Spitzen der EU führte, gelang es ihm, die Verbündeten für sein wichtigstes Ziel zu gewinnen – China, den „systemischen Rivalen“, in die Schranken zu weisen und so Amerikas globale Führungsrolle sicherzustellen.

Auf zwei Ebenen soll das Vorhaben verwirklicht werden:

1. Als Antwort auf Chinas Milliarden-Projekt der Neuen Seidenstraße wollen die sieben reichsten Industrie-Staaten des Westens eine Infrastruktur-Initiative starten, um die Entwicklungs- und Schwellenländer dem immer stärkeren Einfluß Pekings zu entziehen.

2. Um zu verhindern, daß die Volksrepublik künftig in Ökonomie und modernster Technik die weltweiten Standards setzt, beschlossen die USA und die EU die Gründung eines Handels- und Technologie-Beirats. Details sollen später festgelegt werden.

Kopernikanische Wende

In beiden Fällen handelt es sich um die Reaktion auf zwei unterschätzte, weil nicht für möglich gehaltene kopernikanische Wenden der chinesischen Politik. Die erste, eine ideologische, ist die 1978 von Deng Xiaoping eingeleitete Reform- und Öffnungspolitik, die durch Einführung einer „sozialistischen Marktwirtschaft“ das einstige Armenhaus innerhalb weniger Jahrzehnte in die zweitgrößte Wirtschaftsmacht verwandelt hat. Dies widersprach dem bisherigen Dogma, nur eine Demokratie garantiere ökonomischen Fortschritt.

Die zweite kopernikanische Wende ist geopolitischer Natur. Deng hatte China zwar für das ausländische Kapital geöffnet und erste Kontakte zum Westen geknüpft, doch diese Politik, die seine Nachfolger zaghaft fortsetzten, reichte nicht. Angesichts der Globalisierung ist es nicht mehr möglich, sich wie einst das Reich der Mitte abzuschotten und in selbstgefälliger Isolation zu verharren.

Um im 21. Jahrhundert zu bestehen, muß Peking sich weiter öffnen und alles daransetzen, das Südchinesische Meer als sein Tor zur Welt wegen der lebensnotwendigen Rohstoff- und Energieimporte zu sichern.

Den Kontinentalkoloß China erstmals zu einer veritablen Seemacht zu entwickeln, oblag somit der Führung unter Xi Jinping, der im November 2012 sein Amt als Staats- und Parteichef antrat. Von ihm wurde erwartet, auf die Frage nach der nationalen Identität eine zeitgemäße Antwort zu geben, die über eine Anpassung des Marxismus an Chinas Gegenwart und über die Renaissance des Konfuzianismus weit hinausgeht. Mit seinem Konzept scheint Xi die Mehrheit seiner Landsleute bislang überzeugt zu haben.

Eine Fernsehserie mit Folgen

Seit Jahrzehnten hatten sie sich gefragt, warum der Glanz der chinesischen Kultur, die mehr als tausend Jahre an der Weltspitze rangiert hatte, seit dem 17. Jahrhundert erloschen sei. Warum sei China in einen Zustand des Verfalls geglitten, während im Westen Technik und moderne Wissenschaft Triumphe feierten? Die Antwort gab eine vor rund dreißig Jahren produzierte Fernsehserie, die 1988 zweimal landesweit ausgestrahlt wurde.

Das Echo war gewaltig, denn die Filmemacher hatten an Chinas heiligsten Gütern gerüttelt: am Gelben Fluß und an der Großen Mauer. Heshang hieß die Serie – nach der gleichnamigen Tragödie eines altchinesischen Dichters. He steht dabei für Huanghe („Gelber Fluß“), shang für vorzeitigen Tod. Der Titel war gleichsam die Botschaft: Die Huanghe-Zivilisation, auf die China so stolz war, geht den Autoren zufolge ihrem Untergang entgegen; es sei daher höchste Zeit, sie zu erneuern.

Mit seinen regelmäßigen Überschwemmungen, so das TV-Epos, sei der als „Wiege Chinas“ besungene Huanghe in Wahrheit eine Geißel des Landes. Sein Mythos beinhalte die Abkapselung Chinas, die mangelnde Risikobereitschaft seiner Anwohner, ihre Selbstgenügsamkeit und ihre nationale Überheblichkeit. Agrar- statt Industriegesellschaft, Kontinental- statt Meereszivilisation – in dieser Entwicklung liege Chinas Tragödie begründet.

In der Löß-Hochebene verwandelt sich der Huanghe in einen gelbschlammigen Strom. Nicht von ungefähr nannten die Chinesen ihren frühesten Ahnherrn, den Reichseiniger und Erbauer der Großen Mauer, Huangdi („Gelber Kaiser“); er stellte die Personifizierung des gelben Bodens dar, auf dem die Menschen gelber Hautfarbe gelben Reis (Hirse) anbauten, in gelben (Löß-) Höhlen hausten und das gelbe Schlammwasser tranken. Wer den Kaiserthron bestieg, zog gelbe Kleider an, verbrachte sein Leben unter Dächern mit gelblasierten Ziegeln und begab sich nach dem Tod zur „Gelben Quelle“.

Und die Große Mauer? Die TV-Serie argumentiert hier ähnlich wie beim Gelben Fluß: „Könnte die Mauer sprechen, würde sie den Nachkommen des Huangdi ehrlich sagen, daß sie ein Produkt des historischen Schicksals ist und nicht Stärke, Fortschritt und Ruhm, sondern Konservatismus, unwirksame Defensive und Furchtsamkeit verkörpert.“ Wegen ihrer Größe und ihrer langen Geschichte habe die Mauer Selbstzufriedenheit und Selbsttäuschung in die Seele der Nation eingebrannt.

Vorsprünge wurden nicht genutzt

Den historischen Moment der divergierenden Entwicklung der Weltkulturen machten die Heshang-Autoren im 15. Jahrhundert aus. Jene Epoche sei entscheidend für die Menschheit gewesen, denn damals habe sich das Augenmerk erstmals von den Kontinenten auf die Ozeane gerichtet:

„Dem Osten wie dem Westen bot die Geschichte die gleiche Chance. Sowohl der Pazifik als auch der Indische Ozean und der Atlantik standen allen Nationen offen. Aber China, das weiter im Bann des Kontinents stand, verpaßte diese Chance.“

Zwar habe China jahrhundertelang auf dem Gebiet von Wissenschaft und Technik zu den führenden Nationen gehört – aber, so klagten die TV-Macher, obwohl Chinesen als erste Raketen bauten, flogen sie nicht als erste ins All; obwohl sie Papier und Druck erfanden, kam es im Land zu keiner Wissensexplosion; obwohl sie den Kompaß entwickelten, stiegen sie nie zu einer Seemacht auf.

Trotz der großen Entdeckungsreisen des berühmten Seefahrers Zheng He, der im 15. Jahrhundert mit einer Dschunken-Flotte den Westpazifik und den Indischen Ozean durchkreuzte und bis zum Persischen Golf segelte, sei China eine Landmacht geblieben. Dabei habe Zheng schon damals den Weg gewiesen:

„Wenn China wachsen will, darf es das Meer nicht ignorieren. Reichtum kommt vom Meer, genauso wie die Gefahr. Wenn andere Länder das Meer kontrollieren, wird China in Gefahr sein.“ Doch aus Ignoranz und Überheblichkeit sei Zhengs Vermächtnis nie eingelöst worden.

Ein reinigendes Hochwasser

Den Ausweg aus dieser Misere sah der Film in der Überwindung des beschränkten Denkens und in der Öffnung zur Welt: „Der Rückstand der alten Zivilisation lagerte sich wie der Schlamm des Huanghe in den Adern unserer Nation ab. Der Gelbe Fluß braucht daher ein reinigendes Hochwasser, und das ist bereits gekommen – die industrielle Revolution. Nur der Wind des himmelblauen Meeres bringt Regen, aus dem die Löß-Hochebene wieder Vitalität schöpfen kann.“

Kaum ein Jahr nach seinem Amtsantritt verkündete Xi – gleichsam als Antwort auf jenen TV-Film – das bisher ambitionierteste Projekt, mit dem Peking in grundlegender Abkehr von der bisherigen Geopolitik das Tor zur Welt aufstieß: die Initiative „Ein Gürtel und eine Straße“ (One Belt, One Road; abgekürzt:
OBOR). Die beiden Komponenten beziehen sich auf den „Wirtschaftsgürtel Seidenstraße“ und die „Maritime Seidenstraße des 21. Jahrhunderts“.

Hierbei konnte Xi Jinping an die Geschichte des alten „Reichs der Mitte“ anknüpfen: Vor mehr als 2.100 Jahren war der Gesandte Zhang Qian, der zu Zeiten der Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) lebte, im Rahmen einer Friedensmission zweimal nach Zentralasien gereist und hatte Verbindungen zu den Ländern an der traditionellen Handelsstraße aufgenommen, die von Ost nach West verlief und Europa mit Asien verband.

Xi regte an, nicht nur jene Verbindung wieder aufleben zu lassen, sondern gleichzeitig eine neue „maritime Seidenstraße“ zu entwickeln. Sie solle sich aber nicht wie einst auf Südostasien beschränken, sondern auch die Länder Süd- und Westasiens, Nordafrikas und Europas wie auf einer Perlenschnur aneinanderreihen.

Die “Neue Seidenstraße”

Das Projekt startete überaus erfolgreich. Bereits Ende 2016 bekundeten mehr als hundert Länder und Organisationen den Willen, sich an der Initiative zu beteiligen. Ziel ist es, eines Tages 65 Staaten, drei Viertel der Weltbevölkerung, miteinander zu verbinden. Die 14.000 Kilometer lange Landroute führt von Chinas alter Kaiserstadt Xian über die autonome Provinz Xinjiang und Zentralasien in die Türkei, über Osteuropa weiter nach Deutschland und Rotterdam sowie südlich nach Venedig.

Die maritime Seidenstraße verläuft über die Straße von Malakka durch den Indischen Ozean über Kenia (Nairobi), um das Horn von Afrika, durch den Suezkanal und das Mittelmeer ebenfalls nach Venedig. Letztlich treffen sich beide Routen in Duisburg, dem größten Binnenhafen Europas.

Mit Hilfe Pekings, das eigens eine Asiatische Infrastruktur- und Investitionsbank (AIIB) gegründet hat und eine Billion Dollar zur Verfügung stellt, werden Häfen, Flugplätze, Straßen, Eisenbahnlinien und Kraftwerke gebaut sowie Kommunikationsnetzwerke errichtet. Natürlich handelt auch China, wie einst die USA in Europa mit dem Marshall-Plan, nicht altruistisch, sondern verfolgt drei strategische Ziele:

1. Ausbau und Sicherung seiner Handelswege (dazu mußte beispielsweise in Xinjiang der terroristische Islamismus zerschlagen werden);

2. Erweiterung des geopolitischen und kulturellen Einflusses in Asien, Afrika und Europa (daß sich einige Regierungen hierbei finanziell übernommen haben, werfen Kritiker den Chinesen als bewußte „Schuldenfalle“ vor);

3. Abwehr einer möglichen zweiten Eindämmungspolitik der USA, die von 1949 bis 1972 (vergeblich) versucht hatten, die junge Volksrepublik nicht zuletzt durch einen militärischen Stützpunktgürtel zu isolieren.

Wie weitreichend Pekings geostrategischen Ziele sind, läßt sich an der Übernahme beziehungsweise dem Ausbau ausländischer Häfen ablesen. In Pakistan bauen chinesische Arbeiter den Tiefseehafen Gwadar zu einem neuen Tor zur Welt aus. In Griechenland hat die Reederei Cosco 2016 für knapp 370 Millionen Euro zwei Drittel des Hafens von Piräus übernommen.

Letztlich soll der gesamte Globus mit einem Netz aus bilateralen Beziehungen überzogen werden, so daß China in seinem Selbstverständnis eines Tages wieder der Mittelpunkt der Welt wird.

Streitmacht der Weltklasse

Um einer Konfrontation mit dem Westen gewachsen zu sein, hat Xi Jinping gefordert, die Volksbefreiungsarmee bis spätestens 2050 zu einer „Streitmacht der Weltklasse“ aufzubauen – besonders die Marine, die bereits heute die größte der Welt ist und 2025 ihren ersten atomar betriebenen Flugzeugträger in Dienst stellen soll. Offiziell plant die Nato zwar keine Ausdehnung ihres Operationsgebiets.

So erklärte Frankreichs Präsident Macron: „In meinem Atlas gehört China nicht zum Atlantikraum“, räumte aber ein: „Vielleicht hat ja auch meine Karte ein Problem.“ Fest steht, daß Großbritannien, Frankreich und im August auch Deutschland Kriegsschiffe in den Indopazifik schicken wollen.

In einem Appell anläßlich des 80. Jahrestages des deutschen Einmarsches in die Sowjetunion riefen die frühere Grünen-Politikerin Antje Vollmer, Matthias Platzeck, der ehemalige Regierungschef von Brandenburg, sowie der Historiker Peter Brandt die Bundesregierung auf: „Verlaßt endlich die Sphäre und die Logik des Kalten Krieges!“

Sie beklagten einen „Menschenrechts-Bellizismus“, der als „Begründung von Sanktionen oder von aggressiven Haltungen gegenüber Rußland oder dem neuen großen System-Rivalen in China“ diene.

Die Volkszeitung, Pekings KP-Organ, zitierte am 16. Juni genüßlich eine Langzeitstudie der Harvard Universität, der zufolge die Zufriedenheit der Chinesen mit Partei und Regierung auf breiter Front zugenommen habe. So habe die Zentralregierung 2016 eine Zustimmung von 93 Prozent erhalten.

Daran dürfte sich bis heute wenig geändert haben, denn wie ein geflügeltes Wort heißt es im alten Reich der Mitte: „Mao Zedong hat uns von feudaler Ausbeutung und kolonialer Unterdrückung befreit, Deng Xiaoping von der Armut, und Xi Jinping hat uns wieder stark gemacht.“

Peter Kuntze

Kuntze wurde 1941 in Kiel geboren und hat nach Abitur und Wehrdienst eine verlagskaufmännische Lehre in Hamburg absolviert. Anschließend ein Redaktionsvolontariat in Ansbach. 1968 gelang ihm der Sprung nach München zur Süddeutschen Zeitung, wo er als außenpolitischer Nachrichtenredakteur sein Brot bis 1997 verdient hat. Nebenbei schrieb Kuntze etliche Kinderbücher, zwei Romane und acht politische Sachbücher über China. Seine konservative Wende geschah in den letzten Berufsjahren.


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