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Die SPD und der Cum/Ex-Skandal – Man kann sich nicht mehr erinnern…

9. August 2022
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Johannes Kahrs teilte wรคhrend seiner aktiven Zeit gerne aus: Eine parteipolitische Konkurrentin drangsalierte er mit nรคchtlichen Drohanrufen, die Mitglieder der AfD รผberschรผttete er mit infantilen Schmรคhungen und auf Twitter beleidigte er eine Schรผlerin gar als โ€žSchlampeโ€œ. Was man Kahrs allerdings nicht vorwerfen kann, ist, dass er nicht auch gut einstecken kรถnnte: รœber 200.000 Euro und 2.000 Dollar Bargeld fanden Ermittler im BankschlieรŸfach des Genossen, der seit geraumer Zeit im Verdacht steht, zwischen dem damaligen Hamburger Bรผrgermeister Olaf Scholz und der durch ihre Cum/Ex-Geschรคfte belasteten Privatbank Warburg vermittelt zu haben. Aber alles der Reihe nachโ€ฆ

Was ist Cum/Ex?            

Bรถrsendotierte Unternehmen beteiligen in den meisten Fรคllen ihre Aktionรคre an ihrem Gewinn und zahlen eine sogenannte Dividende. Diese wird in der Regel jรคhrlich ausgeschรผttet und ist an und fรผr sich eine gute Sache, immerhin trรคgt der Aktionรคr das vollumfรคngliche Risiko seiner Anlage. Der Staat wรคre aber nicht der Staat, wenn er nicht mit der Kapitalertragssteuer in Hรถhe von 25 Prozent seinen Anteil an der Gewinnausschรผttung abgreifen wรผrde.

Bis zum Beginn der 2010er gelang es gewieften Anlegern, zu denen auch die Warburg-Bank zรคhlte, durch Verschiebungen ihrer Anlagen den Staat zu tรคuschen und sich von ihm die Kapitalertragssteuer erstatten zu lassen. Dabei kam es auch zu mehrfachen Rรผckzahlungen bzw. Rรผckzahlungen, die ohne vorherige Abfรผhrung der Steuern stattfanden. Genau hier tat sich die Warburg-Bank hervor, die sich รผber mehrere Jahre hinweg etwa 169 Millionen Euro vom Hamburger Finanzamt โ€žerstattenโ€œ lieรŸ โ€“ ohne zuvor einen Cent abgefรผhrt zu haben. Sie war einer von vielen Tรคtern.

Grundsรคtzlich wird zwischen Cum/Ex- und Cum/Cum-Geschรคften unterschieden: Bei Cum/Ex-Geschรคften werden Aktien mit (cum) und ohne (ex) Dividendenanspruch gebรผndelt und zwischen verschiedenen Akteuren verschoben, um den Fiskus zu tรคuschen. Bei Cum/Cum-Geschรคften laufen die Transaktionen zwischen inlรคndischen Banken und auslรคndischen Inverstoren. Wรคhrend ersteres mittlerweile stark sanktioniert wird, ist zweiteres nach wie vor machbar.

Die Schรคtzung รผber den Gesamtschaden belaufen sich, bezogen auf die gesamte EU, auf einen zwei- bis dreistelligen Milliardenbetrag. Dem deutschen Staat gingen damit etwa 30 Milliarden Euro durch die Lappen โ€“ der grรถรŸte Steuerskandal in der Geschichte der Bundesrepublik. Beteiligt waren etwa 100 Banken und 900 Einzelpersonen.

Die Steuerfahndung kennt keinen SpaรŸ

Die Warburg-Bank stand seit etwa 2016 im Fokus der Steuerfahndung. Es folgten Hausdurchsuchungen und die Sicherstellung von Beweismaterialien, darunter die Tagebรผcher des Warburg-Aufsichtsratsvorsitzenden Christian Olearius. In diesen Tagebรผchern vermerkte Olearius minutiรถs seine geschรคftlichen und politischen Treffen. Darauf werden wir spรคter noch zurรผckkommen.

Die Warburg-Bank wurde also zur Rรผckzahlung der unrechtmรครŸig abgegriffenen Betrรคge aufgefordert. Allerdings hatte die Sache einen Haken. Bereits nach fรผnf Jahren verjรคhren ausstehende Steuerbescheide. Und das Hamburger Finanzamt zeigte sich, untypisch fรผr ein deutsches Finanzamt, sehr trรคge, was die Nachforderungen betraf, und lieรŸ 2016 eine Forderung von 47 Millionen Euro verjรคhren.

Die Staatsanwaltschaft aus Kรถln, die Steuerfandung und das Bundesfinanzministerium wurden daraufhin ungehalten und stellten die Hamburger Finanzverwaltung zur Rede, denn bereits 2017 drohte eine nรคchste Forderung von 43 Millionen Euro zu verjรคhren. Die Hamburger blockten und verwiesen auf die drohende Schieflage der Traditionsbank, doch die Staatsanwaltschaft, die Steuerfahndung und das Bundesfinanzministerium blieben hartnรคckig. Eine nicht unbedeutende Rolle kommt hierbei einer Hamburger Finanzbeamtin zu, die aus bisher unerklรคrlichen Grรผnden viel Zeit und Mรผhe aufwendete, um die Warburg-Bank gegen die Rรผckforderungen des Staates abzuschirmen.

Der SPD-Sumpf

An diesem Punkt spielen die Tagebรผcher von Olearius bei der Rekonstruktion der Affรคre eine entscheidende Rolle. 2016 wendete er sich an einen alten Vertrauten, den ehemaligen Berater der Warburg-Bank, Alfons Pawelczyk. Spรคtestens hier beginnt jene ungesunde Verquickung von Finanzelite und Parteifunktionรคren, denn Pawelczyk war vor seiner Tรคtigkeit bei Warburg ein bedeutender SPD-Funktionรคr. Von 1969 bis 1980 saรŸ er im Bundestag, von 1984 bis 1987 bekleidete er in Hamburg das Amt des 2. Bรผrgermeisters. Pawelczyk wurde von seinem Genossen Johannes Kahrs begleitet. Kahrs, zu diesem Zeitpunkt Mitglied im Finanzausschuss des Bundestags, versprach Gesprรคche mit der BaFin (Bundesanstalt fรผr Finanzdienstleistungen) und dem Finanzministerium aufzunehmen. Laut den Notizen von Olearius war es Pawelczyk, der schlieรŸlich die Kontaktaufnahme zum damaligen Hamburger Bรผrgermeister, Olaf Scholz, empfahl, wรคhrend Kahrs bei diesem vorfรผhlen wollte. Und obwohl die Treffen und Kontakte von Olearius penibel notiert wurden, wollen sich spรคter weder Pawelczyk, noch Kahrs, noch der inzwischen als Bundeskanzler amtierende Olaf Scholz an die mehrmaligen Treffen erinnern kรถnnenโ€ฆ

Kahrs, der sich 2020 aus nicht ganz einwandfrei geklรคrten Grรผnden aus der Politik zurรผckgezogen hat und neuerdings auf Grund seines gutgefรผllten SchlieรŸfachs wieder im Fokus der Medien steht, bat im Laufe des Jahres 2017 den Warburg-Banker um eine Spende an seinen Wahlkreis. Daraufhin flossen noch im selben Jahr von Unternehmen, an denen Olearius Anteile hielt, 45.500 Euro an die SPD, der grรถรŸte Teil davon an den Wahlkreis von Kahrs. Und hier sind wir dann wieder bei dessen SchlieรŸfach: Es ist nicht klar, woher das Geld darin stammt. Letztendlich kann das alles mit rechten Dingen zugehen. Die Betonung liegt auf โ€žkannโ€œ. Vielleicht testete Kahrs auch bloรŸ eine alternative Anlageform. Immerhin war es sein Genosse Olaf Scholz, der 2019 in seiner Funktion als Finanzminister riet: โ€žIch lege mein Geld nur auf dem Sparbuch, also sogar auf dem Girokonto an und da kriege ich, wie bei allen anderen, keine Zinsen.โ€œ

„Die sind doch alle korrupt!“

Aber was resultiert nun aus dieser neuen Eruption in der Cum/Ex-Affรคre? Einerseits kocht der Skandal bereits seit Jahren, in diesem Zuge wurde Scholz mehrfach angezรคhlt. Doch der ehemalige Finanzminister von Merkels Gnaden stieg รผber diese und weitere Finanzskandale hinweg zum Kanzler auf. Wieso sollte ihm also ausgerechnet das SchlieรŸfach von Kahrs zum Verhรคngnis werden?

Andererseits wรคre Scholz nicht der erste Kanzler, der รผber Parteispenden zweifelhafter Herkunft stรผrzt. Wahrscheinlich kรถnnen 99 Prozent der Bundesbรผrger รผberhaupt nicht erklรคren, was es mit dem Cum/Ex-Skandal auf sich hat (Sie hingegen, lieber Leser, sind im Bilde!), aber solchen Finanzaffรคren haftet immer etwas ekliges an. Das bekommt kein Politiker jemals abgewaschen, diesen Verdacht auf Begรผnstigungen, Absprachen und herumgereichte Geldbรผndel. Und dann noch ausgerechnet jetzt, wo die „Bild“ ununterbochen รผber die „Teuer-Schocks“ (gemeint ist wohl: Inflation) berichtet.

Aber sind wir ehrlich: Irgendwie ist das ganze ein doch sehr mittelmรครŸiges Schmierentheater und damit wiederum der passende Rahmen fรผr einen Parteienstaat, dessen Gรผnstlinge allein darauf bedacht sind, sich ein paar Scheinchen zur Seite zu legen. Wird sich in einigen Jahrzehnten jemand finden lassen, der die Biographien von Scholz, Kahrs und Konsorten liest und daraufhin begeistert ruft: „Das waren wenigstens noch echte Politiker!“ Andererseits, so unrecht hรคtte er nicht.

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