Das Bildnis des Dorian Gray – eine Interpretation

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Als KRAUTZONE-Leser teilen wir eine pessimistische Einschätzung zum Allgemeinzustand unserer Gesellschaft. Können wir uns noch in eine Renovatio Europae (nach David Engels) retten oder sind die tanzenden NPC-Massen in den Straßen dieser Clownwelt ohnehin nicht mehr aufzuhalten? Egal wie man dazu steht, es gibt diese eine bohrende Frage: Was hat uns in diese Situation gebracht und gibt es möglicherweise eine singuläre oder wenigstens eine Hauptursache dafür?

Aus Sicht des Autors greifen die üblichen Verdächtigen, wie das Boomertum, die Frankfurter Schule, die Medien, ja selbst die Kathedrale (nach Moldbug) als Erklärungen zu kurz. Erst recht abwegig sind Theorien, nach denen es dieser eine Kreis der verschworenen Brunnenvergifter war, etwa die Bilderberger, George Soros, die Illuminaten oder neuerdings die Eliten des WEF. Der Versuch einer Welterklärung soll hier anhand der Interpretation des Literaturklassikers Das Bildnis des Dorian Gray entwickelt werden.

Dorian Gray

In seinem einzigen Roman (es existiert auch eine sehenswerte Verfilmung) erzählt Oscar Wilde, die Geschichte eines überdurchschnittlich gutaussehender und wohlhabender Jüngling namens Dorian Gray, der am Ende des 19. Jahrhunderts ins pulsierenden London kommt.

Ein befreundeter Künstler namens Basil erstellt ein meisterhaftes Gemälde von Dorian. Aus Basils Freundeskreis lernt Dorain Lord Wotton kennen, einen aristokratischer Lebemann, der sich der potentiellen Macht, welche Dorian‘s Jugend und Schönheit birgt, sofort gewahr ist. Wotton beschwört Dorian, dass er seine kurze Jugend auskosten möge, was Teil seiner dekadenten Lebensphilosophie ist.

Beim Anblick des fertigen Gemäldes wird Dorian von einem Schauer ergriffen, ihm wird schlagartig seine Schönheit, aber auch deren Vergänglichkeit bewusst – er wünscht sich, dass er für immer jung und schön bleiben kann und an seiner statt das Bildnis altern soll! Dieser Wunsch sollte in Erfüllung gehen und das Gemälde sich auch die von Dorian begangenen Sünden aufladen.

Wotton bekommt davon zwar nichts mit, erfreut sich aber weiter an Dorians Arglosigkeit und nutzt diese schamlos aus, um ihn nach seinem Ideal zu Formen. Fortan gibt sich Dorian einem zunehmend hedonistischen Lebensstil hin: Frauen, homoerotische Abenteuer, Drogen, Suff und Materialismus prägen sein Leben. Seine Rücksichtslosigkeit wird sogar zwei Todesopfer fordern.

Obwohl er diese Abwärtsspirale über Jahre hinweg beschreitet und üble Geschichten über ihn kursieren, gelingt es ihm die Fassade eines ehrbaren und kultivierten jungen Mannes aufrecht zu halten. Er besitzt eine Aura der Unschuld, welche sich wesentlich aus seinem jugendlichen Äusseren speist, die ihn wiederholt vor Unannehmlichkeiten schützt.

Als Basil sich das Gemälde ausleihen möchte und Dorian ihm dies verwehrt, stellt ihn Basil zur Rede, weil er über Dorians Entwicklung besorgt ist. Er war es immerhin, der immer wieder versuchte auf ihn im positiven Sinne einzuwirken. Dorian offenbart ihm sodann sein Seele, indem er Ihm das Gemälde zeigt. Basil zuckt angewidert zurück, als er das völlig entstellte Gemälde erblickt – die Sünde selbst hat in Form von ekligem Schimmel Besitz von ihm ergriffen. Dorian‘s Gesicht ist zu einer dämonischen Fratze verkommen.

Basil versucht für Dorians Seelenrettung auf Knien zu beten, worauf Dorian ihn hinterrücks mit einem Messer ersticht. Dorian bekommt daraufhin Selbstzweifel ob seiner sündigen Taten und offenbart Wotton, dass er vorhabe sich zu bessern. Wotton relativiert Dorians Taten jedoch nur mit zynischem Spott. Schließlich glaubt er, dass er durch eine Zerstörung des Gemäldes zur Normalität zurückfinden kann. Damit zerstört sich Dorian jedoch selbst, da sich die im Gemälde angesammelte Schuld schlagartig wieder auf ihn überträgt.

Interpretation

Inwiefern kann diese Geschichte nun als Parabel für das aktuelle Zeitgeschehen dienen? Dorian Gray repräsentiert das leichtgläubige und beeinflussbare Volk. Sein makellose Antlitz ist der gesamtgesellschaftliche Zustand, die Glaubwürdigkeit der Politik und die öffentliche Ordnung. Der aristokratische aber moralbefreite Verführer, Lord Wotton, ist der polit-mediale Komplex, den man auch als die Kathedrale bezeichnen kann.

Der Maler Basil steht für althergebrachte Werte, wie Redlichkeit, Wahrhaftigkeit und Moral. Die Opfer von Dorian’s Handeln sind Bürger, die sich gegen den Zeitgeist stellen, sowie die Bürden zukünftiger Generation, welche unter den Folgen historischer und aktueller Fehlentwicklungen zu leiden haben werden.

Die gesellschaftliche Verfasstheit wird hier als makellos beschrieben, weil dies der Wahrnehmung unserer Eliten entspricht – wir leben immerhin „im besten Deutschland aller Zeiten“ und ja, die meinen das ernst. Dann muss also das Gemälde für die schier endlosen Missstände unserer Gesellschaft stehen? Nein, denn das Gemälde ist abstrakt und bleibt uns Betroffenen verborgen und das gilt eben nicht für die genannten Missstände. Diese sind für uns sehr real – jedenfalls für uns, die wir diese sehen.

Das Gemälde muss vielmehr für das Mana stehen, welches diese Scheinwelt zu schaffen vermag, das singuläre Gegenkonto für die orchideenhaft vielfältigen politische-gesellschaftlichen Missstände also.

Die Ursache unserer Misere

Damit ist klar, die gesuchte Ursache für unsere Misere ist die unendliche Liquidität des Staates, die er durch gedrucktes Geld und den uns abgeknöpften Steuern bezieht. Was libertären Geistern schon immer klar war, müssen auch Konservative verinnerlichen: Hätte der Staat diese Mittel nicht, gäbe es die meisten unserer Probleme nicht oder sie wären um Größenordnungen kleiner.

Hätte es 2015 z. B. eine Steuererhöhung gegeben, um die Kosten der Massenzuwanderung auf die Wähler umzulegen, wäre dann die Geschichte so verlaufen, wie Sie es tat? Oder was, wenn die jährlichen Kosten der Energiewende direkt auf die Konsumenten umgelegt worden wären? Wie wäre es gelaufen, wenn wir den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr über Zuschläge auf Briefmarken, etwa 80 Cent + 3 EUR, finanziert hätten?

Auch wenn Konservative und Rechte den Staat nicht preisgeben wollen, so müssen Sie doch eingestehen, dass dieser Staat in Kombination mit seinen finanziellen Mitteln vermutlich mehr schaden angerichtet hat, als wenn es ihn die letzten 30 Jahre nicht gegeben hätte. Wie aber ist das dem möglich, warum opponiert der Bürger dagegen nicht und was für ungewollte Folgen wird das noch haben?

3 Comments

  1. >wir leben immerhin „im besten Deutschland aller Zeiten“ und ja, die meinen das ernst.

    Nein, sie glauben tatsächlich nicht selbst an ihre Lügen. Das beweist sehr schön die immer stärker werdende Repression.

    Die Lüge in der Machtposition ist so teuflisch weil sie sehr schnell keine Umkehr mehr ermöglicht, dann spielt man seine Rolle bis zum bitteren Ende, s.a. Wirecard.

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