Geschirr, Besteck und Aktien

6 Min lesen

Von klein auf trichterte mir meine Mutter ein, dass es nichts Schlimmeres gäbe, als Geschirr, welches nicht zueinander passt, Tassen ohne Untertassen auf den Tisch zu stellen, Brettchen statt Teller zu benutzen, weniger als sechs Teile von jedem Service zu besitzen oder nicht genügend Schüsseln zu haben, um das Essen auf dem Tisch zu platzieren – Todsünden.

Versteht mich nicht falsch. Ich esse nur zu gern Butterstulle und dazu ´ne Fischbüchse. Fisch, direkt aus der Dose in den Mund. Ohne Teller. Spitzenmäßig. Vermutlich ist das die stille Rebellion gegen die Vorschriften, die sonst am Küchentisch meiner Mutter herrschen. Wer weiß.

Wer keine Untertasse benutzt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren

Ebenso wenig habe ich ein Problem damit, mal keine Untertasse zu bekommen. Und klar kann man jetzt sagen „mir doch Wurscht, wovon ich meine Stulle esse“ – Aber Menschen über 20, die keinen anständiges Kücheninterieur besitzen, die haben in meinen Augen einfach ganz viel aufzuholen.

Dies mag womöglich meiner strengen Tischkultur-fixierten-Erziehung geschuldet sein, oder eben der Tatsache, dass ein hübsch gedeckter Tisch, ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit vermittelt. Im Endeffekt ist es mir aber auch gleich, woher diese Rührseligkeit stammt, solange sie mir Freude bereitet.

Jedenfalls geht das so weit, dass ich, wenn ich den Tisch decke, alles genau aufeinander abgestimmt sein muss. Die Servietten passen zu den Untertellern und der Tischdecke, die Blumen auf dem Tisch passen zu den Kerzen, es steht genau fest, welches Getränk in welchem Glas serviert wird und so weiter und sofort.

Alles unter Kontrolle!

Wer jetzt denkt – die ist doch irre, der hat eventuell recht. An meinem letzten Geburtstag konnte ich meine Zwangsneurose in vollem Umfang ausleben. Schon Wochen vorher dachte ich darüber nach, wie ich den Tisch decken würde. Ich schrieb die Getränkekarte, überlegte mir ein Menü und verfasste meterlange Einkaufslisten.

Als der Tag der Tage dann endlich gekommen war, dekorierte ich üppig mit Blumen und Kerzen und versuchte in meiner (für mich viel zu kleinen) Küche ein System zu entwickeln, alles hinzubekommen, was ich mir vorgenommen hatte.

Nach einem opulenten Festmahl aus Schrimps auf Salat mit Granatapfelkernen, Roastbeef an Ofenkartoffeln, Crêpes mit Früchten und Unmengen von Cocktails, war ich kaputt, aber satt und zufrieden. Die Zufriedenheit rührt auch daher, dass mich die Anwesenheit der schier unzählbaren Geschirrservices weitaus entspannter in die Zukunft blicken lässt. Sollte ich, weiß Gott warum, einmal auf dem Trockenen sitzen, dann versteigere ich einen Teil einfach auf eBay. Damit sollte ich dann eine Weile über die Runden kommen.

Porzellan!

Du glaubst mir nicht? Dann such online nach „Villeroy & Boch Salz- und Pfefferstreuer French Garden“. Wenn man dafür schon knapp 200 Mücken hinlegt, dann muss an der ganzen Geschichte doch was dran sein. Wer nicht weiß, wie er am besten investieren kann, dem rate ich eins: kauf Porzellan-Geschirr.

Was soll ich denn damit? Ich lass mir mein Essen immer liefern! Ich kann nicht kochen! Geschirr besitzen doch nur alte Omas!!

Tja, du Lump! Ich hoffe, dass ich dir diese absurden Gedanken nach den kommenden Zeilen ausgetrieben habe. Hier, für alle Unerfahrenen, einige Vorteile im Überblick:

Punkt 1: es ist nützlich, essen muss man ja immer.

Punkt 2: du kaufst hochwertiges Geschirr und erfreust dich jeden Tag daran, wenn du davon isst.

Punkt 3: deine Frau freut sich noch mehr, weil ihre Kochkünste endlich auf der Bühne präsentiert werden, auf die sie gehören.

Punkt 4: es ist eine stabile Wertanlage. Vorausgesetzt, das Geschirr bleibt heil.

Punkt 5: ihr könnt es an eure Kinder und Enkel vererben.

Punkt 6: du beweist einfach Klasse, indem du dir nicht den hässlichen Scheiß von IKEA zulegst.

Und noch ein Punkt, der dich zum Kauf beflügeln sollte:

Stell dir doch nur mal vor, die zukünftigen Schwiegereltern kommen zu Besuch. Lieschen Müller backt einen Kuchen und es gibt Tee und Kaffee. Aber dann, oh Schreck, stehen nur die verblassten Werbetassen von Jacobs Krönung auf dem Tisch, mit der Plaste-Tischdecke der letzten Silvesterparty, während aus allen Schüben hektisch die drei Kuchengabeln zusammengesucht werden, obwohl man ja eigentlich vier braucht. Zum Glück sind noch ein paar Essstäbchen vom Asia da, das wird schon gehen.

Um dieser Misere zu entgehen, rate ich es, vorbereitet zu sein. Legt euch einen VERNÜNFTIGEN Besteckkasten zu. Dazu ein komplettes Geschirrservice, Schüssel, Unterteller – den ganzen Firlefanz. Ihr werdet es nicht bereuen.

Und für die Kerle:

Meinst du aber in deiner Junggesellenbude zu wenig Platz für Geschirr zu haben und isst sowieso nur bei Mutti? Dann denk darüber nach, Aktien einiger namhaften Porzellanmarken zuzulegen. Vorzugsweise deutsche Traditionsunternehmen.

In diesem Sinne – hoch die Tassen!

2 Comments

  1. Kann die Autorin voll verstehen. Auch als Kerl. Bei Besuch gibt es das gute Geschirr und wenn ich alleine bin, werden die Etikette nicht ganz so ernst genommen.

    Dann gleich mal etwas Werbung aus meiner sächsischen Heimat: Meißener Porzellan.

    Zweiter Tip aus dem Erzgebirge: Heyde Keramik aus Jahnsdorf (zwischen Chemnitz und Stollberg)

    Während Meißener Porzellan schon Weltruhm hat, ist die Jahnsdorfer Heyde Keramik nicvt ganz so bekannt und etwas für den kleinen Geldbeutel. Trotzdem natürlich deutsche Qualität und Handarbeit mit Liebe!!!

  2. Tatsächlich legen wir als Eltern auch großen Wert auf Tisch – und Esskultur. Umsomehr freut es uns, wenn unsere Kinder uns am Wochenende mit genau der gleichen Liebe zum Detail den Frühstückstisch decken, oder die Kaffeetafel am Sonntag, wenn sich Besuch angekündigt hat.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.