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Ich war auf dem 36. Parteitag der CDU (in Minecraft)

10. Mai 2024

Von Sonntag, dem 5. Mai, bis Mittwoch, dem 8. Mai, tagte der 36. Parteitag der CDU. Glaubt man den unter dem Label „Springer“ zusammengefassten Medienorganen der schwarzen Volkspartei, so war das ein unglaublich historisches Event, ja man will regelrecht – Achtung, festhalten! – von einem „Polit-Festival“ sprechen. Ohne Rock ’n’ Roll, dafür aber auch mit diesen Festivalbändchen. Die wurden von den CDU-Menschen zwar nicht lässig ums Handgelenk, sondern sehr unlässig um den Hals getragen, aber immerhin baumelte an diesen Bändchen eine Visitenkarte mit dem entsprechenden Namen.

Jaja, der Name, der ist in der Politik das A und O. Gottvater Kohl soll ja damals, in der guten alten Zeit, ein phänomenales Namensgedächtnis gehabt haben. Wenn er auf Durchreise war und beim CDU-Ortsverband Dödelhausen vorbeischaute („Heudä kommt a ganz b’sondrer Gascht!“), dann soll er ohne zu schummeln die Namen seiner ergebenen Gastgeber heruntergebetet haben („…und grüßen Sie Frau und Kinder“).

Ach, die heile Welt von damals. Bis ’89 hatte man zwischen sich und den Ossis noch die Mauer, man brauchte nur alle paar Jahre das Scheckbuch zu zücken, damit Honeckers Trümmerladen nicht mit unabsehbaren Folgen zusammenbrach. Die Linken ließ man machen, die wurden höchstens Uniprofessoren, Lehrer oder Kindergärtner – also eh nichts Richtiges. Und aufs Sparbuch gab es noch satte Zinsen. Im Freibad hingen himmelblaue Werbeplakate von Eskimo-Eis. Was ein Leben! Das hatte man alles dem Kanzler zu verdanken.

Schön, oder? Das hätte man doch gerne wieder. Und weil der Reaktionismus eines Hans-Georg Maaßen nur ins Jahr 1998 zurückreicht, man aber gerne noch mal der Weltmeister von 1990 wäre, hat sich die CDU von heute („Für Sicherheit und Ordnung“) etwas ganz Besonderes ausgedacht. Gestatten: Volkmann. Johannes Volkmann. Enkel des Altkanzlers („Dess woa no’n Bollidiger!“) und nun mit 70,1 Prozent der gültigen Stimmen in den Bundesvorstand gewählt. Mit erst 27 Jahren! („Un du hascht immer no’ nett dei’ Bädschela…“)

Schaut auf diesen Mann, wird man sich also auf dem Parteitag zugeraunt haben, da steht er im vollen Saft seiner besten Jahre. Wie Gott ihn schuf, eine Erscheinung wie August der Starke. Volkmann, Mann des Volkes! Kann man das plakatieren? Hm? Besser nicht? Dann eben wieder „Für Sicherheit und Ordnung“.

Screenshot: BILD

Ich bin jetzt im Parteien-Game nicht so drinnen, aber „Bundesvorstand“ klingt schon sehr mächtig, und obwohl ich in Sachen Namensgedächtnis das glatte Gegenteil des seligen Altkanzlers bin, so kann ich mir „Johannes Volkmann“ auch ohne dieses Visitenkartending merken. Man will an einem dieser langen Tische sitzen und brüllen: „Volkmaaaann! Hu! Hu! Hu!“ Wie damals, im Sportunterricht.

Aber keine Faxen jetzt, wir reden hier immerhin vom 36. Parteitag der CDU, einem historischen Ereignis, da sind Ruhe und Respekt geboten. Und ganz im Sinne der Parteiendemokratie („Die Partei, die Partei, die hat immer recht…“) ist es für Otto Normalmichel gar nicht so wichtig, sich mit langweiligem Firlefanz zu beschäftigen. „Vorstand“, „Programm“, … – das sind solche Begriffe, die lässt man fallen und suggeriert allein damit schon Ahnung. Es ist eigentlich wie bei der Geldanlage. Abends beim Grillen („Ah, die Nachbarn, immer herein!“) mal so lässig „ETF“ oder „Tech“ fallen lassen. Boah, der hat Ahnung.

Bilder, die sind viel wichtiger. Ein paar Bilder, dazu ein paar Überschrifthappen, fertig ist Deutschlands auflagenstärkste und meinungsbestimmendste Tageszeitung! Das hier zum Beispiel …

Screenshot: BILD

… das sitzt! Der Generalstab stützt sich sorgenschwer über die Deutschlandkarte („Steiner?“). Linnemann, der „General“ – man beachte die schelmische Bildunterschrift –, schaut hoch: „Stören Sie jetzt nicht!“ („Aber Steiner kann nicht …“) Auch sehr stark inszeniert die Stabsleute um ihn herum: Wedeln mit den Händen herum, faseln was von „Geht nicht“ und so. Geht nicht gibt’s nicht! Die Wehrpflicht kommt. Basta! Jawohl, Herr General!

Da ist er, der „Wehrpflicht-Hammer von der CDU“! Lieb Vaterland, magst ruhig sein. Es war zwar damals dieser windige Kriegsminister der Schwesterpartei, der die Wehrpflicht aussetzte und Deutschlands Jugend die kollektive Bewährung im flecktarnfarbenen Ehrenkleid verwehrte, aber das waren ja auch alles Luschen. Nach dem Abi nach Australien und dann 500 Semester studiert. Kleben sich jetzt auf die Straße („Ja, natürlich müssen wir was gegen den Klimawandel machen, aber doch nicht so…“) oder schreiben für rechte Dreckblätter wie diese „Grauzone“. Nee, nee. Johannes Volkmann natürlich ausgenommen, der ist ein Guter („Volkmaaaaaann! Hu! Hu! Hu!“). Kennen Sie schon Volkmann? Angenehm. Guter Mann, Name merken.

Ja, und das war es auch schon mit dem 36. Parteitag der CDU. Ein paar Tage erst vorbei, aber schon jetzt ein weiteres Mosaiksteinchen im Gesamtbild der bundesrepublikanischen Geschichte. Darauf können wir wirklich stolz sein, das haben wir gut gemacht. Genau wie unser Grundgesetz. Darauf stehen wir. Mit beiden Beinen. Hä? Wieso beleidigend. Man tritt ja nicht die Füße daran ab? Nein, das sagt man hier so. Mit beiden Beinen auf dem Grundgesetz… Doch! So heißt das. Oder? Egal! Grundgesetz. CDU. Eis am Stiel. Sicherheit und Ordnung. Also komm, Omma – geh uns wählen!

Friedrich Fechter

Fechter studiert im Herzen Deutschlands und muss sich an seiner linksversifften Universität den typischen Gängelungen aussetzen. Er interessiert sich für Kunst, Geschichte und ist Meister der Halbsätze. Als Fechter das erste Mal ein Cover der Krautzone sah, hielt er das pixelige Layout für eine durchtriebene Werbestrategie. "Bestimmt", dachte er sich beim Durchblättern, "hier sind verschlagene Profis am Werk."


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