Letztes Wochenende fand in Magdeburg, der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts, die erste Sitzung des Bundesparteitages der AfD zur kommenden EU-Wahl statt. Der geneigte Leser weiร, dass ich parteipolitische Angelegenheiten mit einem gewissen Ekel betrachte, weshalb ich die Vorgรคnge, die sich dort ereignen, meinen Kollegen mit Freuden รผberlasse โ so viel sei gesagt: Der โgรคrige Haufenโ macht den Parteitag, der die Listenplรคtze festlegen soll, zu einer รคuรerst zรคhen Angelegenheit. Ich mรถchte dennoch eine Aussage, die auf dem Parteitag getroffen wurde, als Aufhรคnger fรผr ein Themenfeld benutzen, das in der konservativen Blase hรคufig unterschรคtzt beziehungsweise falsch eingeschรคtzt wird: Und zwar soll es heute um den Mythos des โbasierten Ostensโ gehen.
Was wurde denn gesagt? Es war ein Interview der ARD mit dem Bundesparteivorsitzenden Tino Chrupalla, das mir etwas sauer aufstieร. Der รถffentlich-rechtliche Interviewer fragte den Malermeister aus der Oberlausitz, wie er es mit der sogenannten โEhe fรผr alleโ, umgangssprachlich โHomo-Eheโ genannt, halte. Er antwortete leider nicht sehr souverรคn, versuchte, sich mit Politikersprech rauszuwieseln (โWissen Sie, wir haben da ganz unterschiedliche Ansichten innerhalb der Partei…โ), und gab dann am Ende zu, dass eine AfD-Regierung an der momentanen Regelung nichts รคndern wรผrde (โDa haben wir als AfD uns auch nicht in das Privatleben einzumischen…โ).
Eine รคuรerst enttรคuschende Aussage, die durch das Statement zum Adoptionsrecht fรผr homosexuelle Paare nur noch schlimmer wird: In dieser Hinsicht mรถchte Chrupalla ebenfalls nichts an der derzeitigen Situation รคndern. Klar, man kann sich drรผber streiten, wie โbrutalโ die Antwort ausfallen sollte, aber dieser Akt der Schwรคche hรคtte nun auch nicht sein mรผssen. Auch kรถnnte man einwenden, dass diese Statements der Nervositรคt Chrupallas beziehungsweise seiner allgemeinen Fรผhrungsschwรคche anzulasten seien, doch ich mรถchte es hierbei nicht bewenden lassen. Ich glaube, dass die Ursache nicht zuletzt in seiner ostdeutschen Sozialisation gesucht werden kann.
Der Mythos des basierten Ostens, wo zu 30 Prozent AfD gewรคhlt wird und das Herz des patriotischen Widerstandes in der Bundesrepublik schlรคgt, hรคlt sich gut im konservativen Lager. Nun, er stimmt ja auch zu einem Groรteil, so viel sei gesagt: Die Bemรผhungen und Hoffnungen der eigenen Leute sollen mit dieser Kolumne nicht in den Schmutz gezogen werden. Dennoch mรถchte ich, auch als jemand, der im Nachwende-Osten aufgewachsen ist und sozialisiert wurde, hier kurz darlegen, dass die Geschichte des patriotischen Herzens Deutschlands eben nicht die ganze Wahrheit darstellt. Der deutsche Osten โ also alles รถstlich des einstigen Eisernen Vorhangs โ wurde nรคmlich seiner Tradition und Kultur massiv beraubt. Hauptgrund hierfรผr ist der Staat, der sowohl vom ostdeutschen Boomer als auch zum Teil vom AfD-nahen Solpat gerne mal verklรคrt wird: die DDR.
Nach einer FDJ-Veranstaltung im Haus der Vรถlkerfreundschaft am Ernst-Thรคlmann-Platz kehren Enrico und Ronny nach Hause, also in ihre tristen Plattenbauten in der Neustadt, durch die sich ein von den heimischen Chemiewerken schaumgekrรถnter Fluss zieht, zurรผck, wo auf sie ihre Leibspeise wartet: Jรคgerschnitzel (also panierte Jagdwurst) mit Nudeln und Tomatensoรe. Sehr รผberspitzt, aber doch nicht so unrealistisch, diese kleine Schilderung des DDR-Alltags. Wรคhrend der westdeutsche Boomer vieler seiner Traditionen durch den amerikanischen Kulturimperialismus und den Konsumismus beraubt wurde, hat der Ostdeutsche seinen Bezug zur Vergangenheit durch den Realsozialismus der Deutschen Demokratischen Republik verloren.

Kalifat BRD
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Natรผrlich gab es auch in der DDR Rรผckbesinnung auf andere Zeiten โ die Nationale Volksarmee etwa stellte sich in die Tradition der deutschen Freikorps aus den Befreiungskriegen โ, aber im โneuen Deutschlandโ, das die Genossen aufzubauen gedachten, sollte es am Ende kein Gedenken an vorrevolutionรคre Zeiten mehr geben. Ein gutes Beispiel hierfรผr ist das bewusste Verfallenlassen historischer Bausubstanz, das sogar teilweise dazu fรผhrte, dass alte Stadtviertel abgerissen und durch die Betonwรผsten der Moderne ersetzt wurden โ so geschehen in Halle (Saale) und Suhl. Das traditionelle Christentum wurde massiv bekรคmpft: Zwar รผberlebte es, aber nur zu einem geringen Teil. Die Gemeinden sind grรถรtenteils leer, die aktiven Christen hรคufig รผberaltert, und viele Kirchen zerfallen โ und mit ihnen eine einst lebendige Kultur im Osten Deutschlands. Die jungen Menschen in der ehemaligen DDR leben โ die einzige Ausnahme bildet wohl das sรคchsische Erzgebirge โ gottlos.
Der Verlust alter Namen und die Anbiederung an andere Lรคnder bei der Namensgebung des Nachwuchses โ Ronny, Enrico, Marco, Chantal, Kevin und so weiter โ sind weitere Symptome des Verfalls. Und nicht zuletzt: der Verlust lokaler Eigenheiten. Ich bin ohne Dialekt aufgewachsen, wรคhrend meine Groรeltern ihn zumindest noch verstehen konnten; und traditionelle lokale Spezialitรคten haben wir als Kinder ebenfalls kaum gegessen. Um das โneue Deutschlandโ zu schaffen, haben die Genossen viel entwurzelt, und das Resultat dessen sind Sabine mit ihren giftrot gefรคrbten Haaren und Mario mit seiner Bierplautze, denen neben der โOstalgieโ eine der wenigen Sachen zur Identitรคtsstiftung bleibt, die die DDR den Menschen nicht nehmen konnte: die Heimatliebe samt ethnischer Homogenitรคt.
Und das ist doch, trotz aller Schwarzmalerei, immerhin etwas: Der gemeine Ossi will unter sich bleiben. Deshalb die 30 Prozent AfD. Und vielleicht kann man Chrupallas Aussage in diesem Sinne relativieren: Erst mal mรผssen die Angelegenheiten der (Reโ) Migration geregelt werden. Um den Rest kann man sich dann immer noch kรผmmern…

