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Krah und die AfD – Vergebene Chancen

25. Mai 2024

Wissen Sie, lieber Leser, ich war, bin und werde wohl nie Mitglied irgendeiner Partei sein. Denn ich mag – um es mal etwas moderat zu formulieren – Parteien nicht sonderlich. Es sind im Großen und Ganzen schlechte Organisationen, die in den letzten 100 Jahren fast nur schlechte Menschen mit schlechten Werten und schlechter Ästhetik an die Spitze gebracht haben. Und dann erst das ganze Gekungel inner- und außerhalb einer Partei, sei es der parteiinterne Machtkampf, bei dem meistens die besten Leute verschlissen werden – Sie kennen sicherlich die Klimax „Feind, Todfeind, Parteifreund“ –, oder die Machenschaften einer Partei mit anderen: All das lässt einen an jedem Idealismus zweifeln. Es ist eben alles nur großes, billiges Kino – panem et circenses.

Nun, dass die inhärent schlechten Eigenschaften der Parteien auch auf die AfD und ihre Mitglieder übergehen werden, war selbsterklärend. Und zu einem Zeitpunkt, der wirklich nicht besser hätte ausgesucht sein können, nämlich ein paar Tage vor der Wahl des EU-Parlaments, hat die AfD wieder nichts Besseres zu tun, als dem ohnehin schon mächtigen Gegner in die Karten zu spielen und sich selbst ein Bein zu stellen. Jeder wird von den Skandalen und Machenschaften von dem und um den Spitzenkandidaten für das EU-Parlament, Maximilian Krah, mitbekommen haben.

Kurz zusammengefasst: Erst standen seine TikTok-Videos im Visier, dann gab es den Spionageskandal um seinen ehemaligen chinesischen Mitarbeiter Jian G. Diese Sache ist mehr oder weniger im Sande verlaufen, als sich herausstellte, dass G. jahrelang für den Verfassungsschutz gearbeitet beziehungsweise mit diesem in Kontakt gestanden hatte. Nun tätigte Krah in einem Interview mit der italienischen Zeitung „La Repubblica“ die Aussage, dass nicht alle Männer in SS-Uniformen Verbrecher gewesen seien, sondern dass sich „auch viele Bauern“ darunter befunden hätten. Diese eine Interview-Antwort brachte das Fass zum Überlaufen, als die (ehemaligen) rechten Verbündeten der AfD aus Frankreich und Italien, der Rassemblement National unter Marine Le Pen und die Lega Nord unter Matteo Salvini, in Reaktion darauf ankündigten, künftig nicht mehr in einer Fraktion mit der AfD im EU-Parlament sein zu wollen – was den Zusammenhalt der europäischen Rechten nun nicht gerade stärkt. Daraufhin zog sich Krah – wohl auf Druck der Parteiführung – sowohl aus dem Bundesvorstand als auch aus dem Wahlkampf (und das als Spitzenkandidat!) zurück. Und am Donnerstagnachmittag wurde schließlich bekannt, dass die AfD aus der ID-Fraktion (also der rechten Fraktion im EU-Parlament) ausgeschlossen wurde.

Tja, was nun? Vielleicht zur Person Krah selbst: Ich persönlich mag ihn. Eigentlich. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass ich eben nicht in der Partei bin. Jedenfalls hat er auf mich immer einen „stabilen“ Eindruck gemacht: Er kann sich gewählt ausdrücken und gleichzeitig frech und direkt sein, er weiß die Jugend zu erreichen, er kann sich sechseinhalb Stunden mit linken Journos fetzen und sich gleichzeitig regelmäßig mit dem Vorfeld austauschen – im Grunde genommen hat er den Unterhaltungswert eines Trump und die Radikalität eines Höcke. Sein Buch „Politik von rechts“ hat mir – von einigen Detailfragen abgesehen – ebenfalls gefallen. Ergo setz(t)e ich einige Hoffnungen in diesen Mann. Allerdings will ich ihn nicht allzu sehr in den Himmel loben; schließlich weiß er als Anwalt und Politiker sehr gut, sich in Szene zu setzen – wie viel da Schein und wie viel Sein ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Und es gab einige Auftritte – ich sage nur „Mad Max“ Krah –, die ich äußerst peinlich fand.

Sowohl Parteifreunde als auch Teile des Vorfelds werfen Krah nun vor, sowohl den Wahlkampf als auch die Zusammenarbeit mit den anderen Rechtsparteien Europas sabotiert zu haben. Gewiss, wie gesagt ist Krah nicht perfekt, aber: Man darf nicht vergessen, dass sich gerade Le Pen und die italienische Rechte schön haben zähmen lassen. Meloni etwa hat es mit ihrer Regierung seit Jahren nicht geschafft, die illegale Migration in den Griff zu bekommen, weiterhin distanzierte sie sich schon vorher deutlich von der AfD; Le Pen wiederum war erstens sauer, dass Krah bei der französischen Präsidentschaftswahl ihren rechten Konkurrenten Zemmour unterstützte (was zugegebenermaßen nicht die feine englische Art war in Anbetracht der Tatsache, dass ihre Parteien Fraktionskollegen im EU-Parlament waren), und distanzierte sich zweitens vom Konzept „Remigration“, so dass das Interview ein idealer Vorwand war, um sich endgültig zu distanzieren. Traurig zwar, dass die Zusammenarbeit so enden muss, aber wer braucht schon solche Verbündete? Was nützen uns Meloni, Salvini und Le Pen, wenn sie schon beim Thema Remigration schwach werden? Krah stummzuschalten hat jedenfalls nichts gebracht: Die AfD ist trotzdem aus der ID-Fraktion ausgeschlossen worden.

Es ist alles so ermüdend. Warum muss man so kurz vor Schluss Krah in den Rücken fallen? Warum kann Krah nicht manchmal ein bisschen auf Selbstdarstellung verzichten? Was wollen europäische Rechtsparteien dann, wenn sie Angst vor Remigration haben, und warum glauben sie linken Zeitungsberichten? Warum können rechte Parteien nicht einfach mal frechen, direkten Wahlkampf führen, ohne sich zu zerfleischen? Das alles müsste nicht so schwer sein…

Fridericus Vesargo

Aufgewachsen in der heilen Welt der ostdeutschen Provinz, studiert Vesargo jetzt irgendwas mit Musik in einer der schönsten und kulturträchtigsten Städte des zu Asche verfallenen Reiches. Da er als Bewahrer einer traditionsreichen, aber in der Moderne brotlos gewordenen Kunst am finanziellen Hungertuch nagen muss, sieht er sich gezwungen, jede Woche Texte für die Ausbeuter von der Krautzone zu schreiben. Immerhin bleiben ihm noch die Liebesgrüße linker Mitstudenten erspart…

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Fridericus Vesargo

Aufgewachsen in der heilen Welt der ostdeutschen Provinz, studiert Vesargo jetzt irgendwas mit Musik in einer der schönsten und kulturträchtigsten Städte des zu Asche verfallenen Reiches. Da er als Bewahrer einer traditionsreichen, aber in der Moderne brotlos gewordenen Kunst am finanziellen Hungertuch nagen muss, sieht er sich gezwungen, jede Woche Texte für die Ausbeuter von der Krautzone zu schreiben. Immerhin bleiben ihm noch die Liebesgrüße linker Mitstudenten erspart…


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