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Reisebericht: Libertäre „Frens“ unter sich

29. August 2021

Eine zehneinhalbstündige Reise liegt hinter mir. Um acht Uhr morgens stieg ich in den Zug, fuhr mit ihm nach Leipzig, um dann zu Rho ins Auto zu steigen. Knapp 700 Kilometer galt es nun mit dem Auto zurückzulegen. Bis knapp vor die Schweizer Grenze. Unterwegs sammelten wir noch einen weiteren Freund, Omega, ein.

Für die Musik war – Gott sei Dank – ich verantwortlich. Deshalb beschallte uns die Fahrt über eine gute Mischung aus Klassik, Pop- und Rock- sowie deutscher Marschmusik, die ausgelassene Stimmung war damit garantiert (nur das Mitsingen bei „Erika“ sollten die beiden aber nochmal üben).

Und nun sind wir endlich am Ziel angekommen: das Zuhause unseres Gastgebers Pi. Wir alle „kannten“ uns aus irgendwelchen libertären Telegrammgruppen. Schon im Frühjahr hatte ich ihn einmal mit drei anderen „Frens“ – so nennt Pi uns – in jenem Bauernhaus, das er mit seiner Mutter und seinem Bruder bewohnt und erstaunlich viel Platz bietet, kennengelernt.

Auf die kommende sommerliche Zusammenkunft hatte sich Pi mehrere Wochen lang vorbereitet, so baute er mit Hilfe seiner lokalen „Frens“ Alpha und Delta die alte Scheune zu einer Art Gaststube mit Tischen und Heimkino aus.

Es ist halb sieben, als ich aus dem Auto steige, eine leichte Brise kündigt einen für den deutschen Hochsommer ziemlich milden Abend an. Unsere Gruppe – ja richtig: Gruppe – ist die letzte, die am Donnerstag ankommt. Insgesamt sind wir an diesem Abend elf Mann. Die meisten von ihnen sehe ich heute zum ersten Mal in persona – darunter auch meine Mitfahrer Rho und Omega.

Der erste, der mich begrüßt ist Kappa. Das interessante bei solchen Treffen ist ja, dass die Leute meistens tatsächlich so sind, wie sie auf Telegram oder anderen Plattformen wirken. Auch bei ihm täuscht die Internetpräsenz nicht. In Hawaiihemd und kurzer Hose kommt er auf mich zu und gibt mir die Hand. Hinter ihm, vor dem Scheuneneingang, steht Lambda. Ich kenne ihn aus seiner Onlinepräsenz, und wir reden fast jeden Sonntag beim wöchentlichen Discordtreffen unserer reaktionären Jugendgruppe miteinander.

Aber in echt ist es unsere erste Begegnung. Danach gehe ich in die eingerichtete Scheune und treffe die anderen: Pis Freunde Alpha und Delta, die ich bei meinem letzten Besuch schon kennengelernt hatte, sowie Beta, der mit mir ebenfalls schon im Frühjahr hier war. „Trinkst du mit mir wieder Monster?“, fragt mich Alpha. Seine sehr kurzen Haare und seine Brillen lassen das Grinsen nur noch verschlagener wirken.
Ich zucke lächelnd mit den Schultern. „Wenn es sich ergibt.“

„Wie du trinkst… Monster?“ Lambda war in Hörweite des Gesprächs geraten. Er wirft mir einen verächtlichen Blick zu. „Als ob das mit der Dönerpizza nicht schon schlimm genug gewesen wäre!“ Dönerpizza ist in seinen Augen (zurecht) der kulinarische Untergang des Abendlandes. Ich muss schmunzeln. Das wird ein gutes Wochenende.

Beim gemeinsamen Abendessen besprechen wir unsere Vorhaben für die nächsten Tage. Eine Wanderung für morgen und eine Exkursion nach Basel und Umgebung am Samstag sind geplant. Letztere hatte ich vorbereitet. Wir lassen den Abend in der Scheune mit Musik, einem Pokerspiel sowie einer kleinen Lesung ausklingen. In einer Kiste hatte Pi alte Bücher entdeckt, darunter Ausgaben von Shakespeare-, Goethe- und Schillerwerken in Frakturschrift.

Ein weiteres Buch fiel Lambda zu: Eine Art „Unnützes Wissen“-Lexikon aus der Kaiserzeit. Er schlägt ein Kapitel auf und kann sich jetzt schon das Lachen kaum verkneifen.
„Über die Negerrepublik Liberia“ – Oh je…
„Wenn die Negerrepublik Liberia in Afrika von sich reden macht, so geschieht dies meist in einem negativen Kontext.“ Wir alle müssen lachen. Er blättert weiter.

Es kommt ein Kapitel über verschiedene, je nach Verbrechen variierende Hinrichtungsarten im Laufe der europäischen Geschichte.
„So war es üblich, dass Bigamisten von Kopf an in zwei Hälften geteilt wurden und jeweils eine Hälfte an eine Ehefrau geschickt wurde.“ Nett. Wieder schallendes Gelächter. Unser Humor ist schon skurril.

Am nächsten Tag verstreicht der Vormittag. Während ich mit drei anderen noch ein paar Einkäufe erledige, zieht sich Lambda zurück, um seinen Malgelüsten freien Lauf zu lassen. Er arbeitet an einem Gemälde von… sagen wir… einem italienischen Mann aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert – Pi wird später gegenüber anderen Gästen behaupten, dies sei, wenn man sich die Symbole ansehe, ganz eindeutig der „Vorsitzende der Holzfällerzunft“.

Auf die Frage von Pis Mutter beim Mittagessen, ob das denn der ältere Lambda auf dem halbfertigen Bild sei, antwortet dieser mit: „Vielleicht“ und fügt, nachdem er unsere Reaktion abgewartet hat, ein „Wenn’s gut läuft“ hinzu. Aus diesem Grund versucht Lambda auch drei Liter Milch am Tag zu trinken. Weil er es auch getan hat.

Gegen zwei Uhr beginnt dann endlich unsere Wanderung. Pi, der aufgrund einer Auseinandersetzung mit unserer wundervollen Bürokratie hinsichtlich Corona nicht mitkommen kann, empfahl uns Richtung Rhein zu gehen und dann durch einen Wald wieder zurückzukommen. So der Plan. Bald stellt sich jedoch heraus, dass sich unsere „Reiseführer“ Alpha und Delta nicht wirklich auskennen.

„Das ist doch aber nicht die Route, die Pi vorgeschlagen hatte, oder?“, frage ich leicht verwundert, nachdem ich bei Maps nachgeschaut habe. „Nein, nicht wirklich“, antwortet Alpha und nippt an seinem Faxe. „Ich kenne den Weg dahin nicht.“
„Ah… ok.“
„Wir gehen stattdessen zum Bergsee.“

Na gut. Zum Bergsee also. Ist bestimmt auch schön. In der Tat. Pi ist unterdessen mit seinem Quad nachgekommen. Gemeinsam besteigen wir einen Felsen, von wo wir einen wunderschönen Ausblick auf dem See haben. Wir genießen die Sonne. Alpha öffnet sein zweites Faxe.
Später verabschiedet sich Pi wieder; er wolle das Abendbrot vorbereiten und einen weiteren „Fren“, Sigma, empfangen.

Als wir am See entlanglaufen, kommt Kappa auf die Idee, sich beim Verleih ein Boot zu mieten.
„Ich will kein Boot fahren“, sage ich.
„Doch, das willst du“, entgegnet Kappa.
„Klar willst du das.“ Lambda ist auch entschlossen. Widerwillig gehe ich mit. Zwei Tretboote mieten wir uns.

Ich bin zusammen mit Lambda und Kappa in einem, Alpha und Delta nehmen sich mit zwei weiteren „Frens“ ein anderes. Kappa hat nach etwas Ruhe auf dem See nichts Besseres zu tun, als mit dem anderen Boot eine Wasserschlacht anzufangen (was Männer eben so tun, wenn sie unter sich sind). Insgesamt drei Gefechte liefern wir uns. Und natürlich haben wir das andere Boot besiegt. Ein voller Erfolg. Wie bei Skagerrak gegen die Engländer, nur besser.

Der Rückweg zu Pis Haus läuft etwas anders als gedacht, als sich unser Weg als Trampelpfad entpuppt, der sich durch den Regen zu einem Bächlein transformiert hat. Als wir ankommen, gilt es erst mal einen Großteil unserer Schuhe und uns selbst zu waschen. Wir begrüßen Sigma, den ich schon beim Treffen im Frühjahr kennenlernte, essen gemeinsam und lassen den Abend mit den üblichen, blödsinnigen Erzählungen am Lagerfeuer ausklingen. Aber auch ernste Themen werden besprochen: Wie es weiter geht mit dem Abendland, wie man den alltäglichen Wahnsinn entfliehen kann etc. Generell tut es gut, mal endlich wieder offen mit Leuten über weltanschauliche Dinge reden zu können.

Am Samstag schließlich fahren wir nach Basel. Ich habe uns eine kleine Tour durch die Altstadt geplant, angefangen beim Basler Münster. Wir alle haben schließlich eine schwäche für gotische Architektur. Jedoch wird der Besuch im Münster durch ein Orgelkonzert verzögert. Wir treffen dafür auf einen Clown. Ja, einen Clown. Und weil er offensichtlich nicht-europäischer Herkunft ist, nennen wir ihn „Neger-Honkler“. Der Gute darf darauf hin für ein Gruppenfoto herhalten.

Wir setzen unsere Tour fort, durch die Altstadt, am wunderschönen Rathaus vorbei, besuchen mehrere Kirchen, überlegen ca. zehn Minuten, ob wir eine Regenbogenflagge abreißen, entscheiden es nicht zu tun, und kehren schließlich zum Münster zurück. Nun können wir rein. Drinnen müssen wir feststellen, dass die gotische Pracht durch einen hässlichen, modernistischen Orgelprospekt verschandelt wird.

Mittlerweile hat es zu regnen angefangen, leicht durchnässt kehren wir zu den Autos zurück und machen uns auf den Weg in das nahe gelegene Arlesheim. Nach einer kurzen Pause in einer Bäckerei begeben wir uns zum dortigen, barocken Dom. Nun schlägt meine Stunde: Ein paar Worte über die Kirche verliere ich, dann gehen wir hinauf zur Silbermann-Orgel von 1761.

Nachdem ich einem kleinen Vortrag über die Orgel selbst (Keine Sorge lieber Leser, ihr werdet auch nochmal etwas über die Orgel an sich erfahren) halte, spiele ich meinen „Frens“ ca. eine Stunde lang Stücke verschiedener Komponisten, darunter Werke von Bach und von mir selbst.

Nach unserem Kulturprogramm fahren wir wieder nach Hause. Pi, der dank der deutschen Gesundheitsbürokratie wieder nicht mitkommen durfte, hat derweil das Abendessen vorbereitet. Als weiteren Gast hat er zudem eine Freundin eingeladen, somit ist auch eine gleichaltrige Frau (!) anwesend.

Den Abend verbringen wir aufgrund des Wetters in der Scheune. Pi arbeitet dort mithilfe seiner „Frens“ und seiner Leinwand an seinen eigenen Gemälden (die man übrigens auf Telegram unter t.me/BTCICON finden kann; die schamlose Werbung sei mir hier erlaubt), zu guter Letzt nutzen wir das Heimkino für seinen eigentlichen Zweck: Wir schauen uns den Westernklassiker „Spiel mir das Lied vom Tod“.

Lambda sieht in dem Film eine Kritik an das moderne Zeitalter; die drei Hauptfiguren kommen mit der „neuen Ordnung“, verkörpert durch die Stadt und die Eisenbahn, nicht zurecht, sodass sie entweder davor fliehen oder sterben müssen.

Am letzten Morgen gehe ich zusammen mit Beta und Sigma in die Messe. Wir drei sind froh, dass uns der Priester mit schlechten politischen Botschaften verschont hat. Dennoch ärgere ich mich, dass wir im Gottesdienst hauptsächlich moderne Lieder singen mussten. Im Nachhinein brechen wieder interkonfessionelle Sticheleien aus. Als wäre es als Protestant in diesen Zeiten nicht schon schlimm genug (bei dieser Evangelischen Kirche…), darf ich mir auch noch die Sprüche der Katholiken in der Gruppe anhören.

„Eure Pfarrer sind doch sowieso allesamt Alkoholiker“, sagt Sigma, im letzten Jahr zum reaktionären Katholiken geworden, zu mir.
„Besser Alkoholiker als Kinderficker.“
„Das war ja klar, dass das kommt.“
„Du hast es ja provoziert.“
„Ja… ja.“ Sigma denkt kurz nach. „Aber lieber Kinderficker als Frauen.“ Er lächelt. Jaja, sehr witzig.

Es wird Zeit, nach Hause zu fahren. Wir alle haben ein Wochenende verbracht, das gerne noch drei weitere Tage hätte andauern können. Der Abschied fällt dementsprechend herzlich aus, wir alle bedanken uns bei Pi für seine Mühen und Gastfreundschaft. Vor uns liegt wieder eine lange Fahrt. Zuerst steigt Omega wieder aus, in Leipzig schließlich verabschiede ich mich von Rho und Beta, der für den Rückweg mit uns kam.

Als ich gegen elf Uhr abends in meinem Zimmer ankomme, falle ich dankbar ins Bett. Wer kann sich schon so glücklich schätzen, in diesen Zeiten eine solch illustre Truppe junger Männer um sich zu haben?

Fridericus Vesargo

Aufgewachsen in der heilen Welt der ostdeutschen Provinz, studiert Vesargo jetzt irgendwas mit Musik in einer der schönsten und kulturträchtigsten Städte des zu Asche verfallenen Reiches. Da er als Bewahrer einer traditionsreichen, aber in der Moderne brotlos gewordenen Kunst am finanziellen Hungertuch nagen muss, sieht er sich gezwungen, jede Woche Texte für die Ausbeuter von der Krautzone zu schreiben. Immerhin bleiben ihm noch die Liebesgrüße linker Mitstudenten erspart…


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