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Bildquelle: Dirck Halstead, Wikicommons, gemeinfrei

Doch, lieber Herr B., Bilder haben Macht

20. August 2021

Als ich meine letzte Kolumne schrieb, war Kabul noch nicht gefallen und der Kriegsschauplatz Afghanistan interessierte hierzulande höchstens ein paar Leser von Peter Scholl-Latour. Die letzten 20 Jahre war das so gelaufen und wer allen Ernstes dachte, dass der Abzug der NATO blühende Landschaften am Hindukusch hinterlassen würde, dem ist eh nicht zu helfen.

Dschungel, Flammen, Soldaten. Eine typische Szene aus dem Vietnamkrieg.Bildquelle: Army Specialist Fourth Class Dennis Kurpius, Wikicommons, gemeinfrei
Dschungel, Flammen, Soldaten. Eine typische Szene aus dem Vietnamkrieg.Bildquelle: Army Specialist Fourth Class Dennis Kurpius, Wikicommons, gemeinfrei

Das bringt mich dann direkt zu meinem eigentlichen Anliegen, denn die Sache ist die: Meine letzte Kolumne stand unter dem Eindruck der niedergeknüppelten Corona-Demo in Berlin. Ich hatte damals bemängelt, dass die Gegner der staatlichen Maßnahmen nicht in der Lage wären, die “Macht der Bilder“ für sich zu nutzen.

Ich weiß wovon ich schreibe, denn wir erhalten häufig Einsendungen von Demo-Teilnehmern. Aber wenn es dann um die Bebilderung der Artikel geht, also um den ersten, äußeren und nachdrücklichen Eindruck, dann herrscht Ratlosigkeit. Das mitgesendete Bildmaterial zeigt oftmals Szenen, die dem rheinischen Karneval nicht unähnlich sind: Alte Frauen mit selbstgebastelten Kostümen. Alte Männer mit Pappschildern und Regenbogenflaggen.

Soll ich so etwas benutzen um einen Bericht zu bebildern, in dem haarklein die Übergriffe der Staatsmacht geschildert werden? Ernsthaft? Ich hängte meiner letzten Kolumne also die Aufforderung an, endlich die Macht der Bilder zu nutzen.

Das Massaker von My Lai. Bilder wie dieses erzeugten auf der ganzen Welt Empörung, untergruben die amerikanische Moral und beförderten die Studentenunruhen.  Bildquelle: Ronald L. Haeberle, Wikicommons, gemeinfrei
Das Massaker von My Lai. Bilder wie dieses erzeugten auf der ganzen Welt Empörung, untergruben die amerikanische Moral und beförderten die Studentenunruhen.
Bildquelle: Ronald L. Haeberle, Wikicommons, gemeinfrei

Kaum teilten wir den Artikel auf unseren Netzkanälen, kommentierte auch schon ein Nutzer in offensichtlich versierter Manier: “… halte ich für sinnfrei. Die „Macht der Bilder“ wird vom Mainstream und vor allem der gleichgeschalteten Presse exzessiv genutzt, so das der gemeine Bürger dahingehend vollkommen abgestumpft ist. Dem gemeinen SchlafSchaf sind diese Bilder vollkommen egal und interessieren ihn auch nicht.
Aber spielt eh keine große Rolle mehr. Denn wenn diese „Regierung“ tatsächlich die C- Apartheit derart ausweitet, das ungeimpfte dann nicht mal mehr die Dinge des täglichen Bedarfs einkaufen können, dann haben wir schlicht und ergreifend einen Bürgerkrieg nebst gewaltsamen Plünderungen der Geschäfte, welche diese Dinge des täglichen Bedarfs vorhalten.“

Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg. Bildquelle: S.Sgt. Albert R. Simpson, Wikicommons, gemeinfrei
Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg.
Bildquelle: S.Sgt. Albert R. Simpson, Wikicommons, gemeinfrei

Man sehe mir die späte Antwort nach, aber hier ist sie nun: Vielen Dank, Herr B., vielen Dank für diesen überaus qualifizierten Kommentar. Ich gehe davon aus, dass Sie meine Antwort nicht lesen werden, denn dafür müssten Sie ja die ganze Kolumne lesen und nicht bloß den Anreißer.

Nicht nur dem Inhalt ihres Kommentars (SchlafSchafe, C-Apartheit, Bürgerkrieg) nach, sondern auch ihrem Profilbild entnehme ich, dass Sie bekennender Anhänger einer Klientel sind, welche in Kennerkreisen unter dem Begriff “AfD-Boomer” firmiert. Ich habe mit dieser Gruppe an und für sich keine Probleme, denn ich pflege keinen direkten Kontakt zu ihr. Allerdings fällt sie mir immer dann unangenehm auf, wenn sie sich glaubt zu Dingen äußern zu müssen, von denen sie offensichtlich keine Ahnung hat – in diesem Fall also: Fragen der Form.

Bilder haben Macht, lieber Herr B. Als 1975 Saigon fiel, werden sie als Kind oder Jugendlicher die Fernsehberichte und Zeitungsseiten gesehen haben. Sie wussten zu dem Zeitpunkt vielleicht noch nicht, wo Saigon liegt oder was da gerade passiert, aber sie haben Bilder gesehen von Menschen, die Dächer erklimmen, um in wartende Hubschrauber zu gelangen.

Je nach dem wie alt Sie sind, haben Sie das Vorspiel zu Saigon miterlebt: den Vietnamkrieg. Sie saßen als Knirps vor der Mattscheibe und sahen amerikanische Soldaten durch Urwälder stapfen, sie sahen Napalmexplosionen und tote Vietnamesen.

Ein amerikanischer Soldat sichert in Saigon die Landezone für die letzten Hubschrauber.Bildquelle: Dirck Halstead, Wikicommons, gemeinfrei
Ein amerikanischer Soldat sichert in Saigon die Landezone für die letzten Hubschrauber.Bildquelle: Dirck Halstead, Wikicommons, gemeinfrei

Als die Amerikaner ihr “Engagment“ in Vietnam verstärkten, verfolgten sie keine gezielte Pressepolitik. Reporter zeigten vor den Armeebasen ihre Presseausweise, steckten den Hubschrauberpiloten eine Schachtel Lucky Strike zu und ließen sich an die vorderste Front bringen. Das Verteidigungsministerium kam überhaupt nicht auf die Idee zu überprüfen, wer da eigentlich was filmt oder fotografiert.

Wenn also im Laufe der 1960er im ganzen Westen junge Leute gegen den Krieg in Vietnam auf die Straße gingen, dann, weil die Bilder, die gottverdammten B I L D E R, sie dazu gebracht hatten.

Die Taliban sind jetzt in Kabul eingerückt und die ganze Welt schaut dabei zu, wie das ehemals mächtigste Militärbündnis der Welt, die NATO, mit aller Macht versucht einen einzigen beschissenen Flughafen freizuhalten. Diese Bilder laufen in unseren Medien über die Bildschirme, sie laufen in jedem islamischen Land der Welt und natürlich auch in China.

Jeder Moslem sieht jetzt seinen Glaubensbrüdern im fernen Afghanistan dabei zu, wie sie nach 20 Jahren Guerillakrieg die Früchte ihrer blutigen Arbeit ernten. Die Bilder überfüllter Frachtmaschinen sind auch eine deutliche Botschaft an jeden Taiwanesen, der im Falle einer chinesischen Invasion auf amerikanischen Beistand hofft. Oder an jeden Polen, Balten und Ukrainer, der sich seine Gedanken über einen russischen Angriff macht.

In diesem Sinne, lieber Herr B., liebe Leser, liebe Teilnehmer von Corona-Demos – der Aufruf steht immer noch:

Du warst auf einer Corona-Demo und hast Bilder gemacht? Dann her damit! Sende dein bestes Bild an [email protected] (Betreff: Demobild) und gewinne tolle Prämien!

Friedrich Fechter

Fechter studiert im Herzen Deutschlands und muss sich an seiner linksversifften Universität den typischen Gängelungen aussetzen. Er interessiert sich für Kunst, Geschichte und ist Meister der Halbsätze. Als Fechter das erste Mal ein Cover der Krautzone sah, hielt er das pixelige Layout für eine durchtriebene Werbestrategie. "Bestimmt", dachte er sich beim Durchblättern, "hier sind verschlagene Profis am Werk."


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