Nerv mich nicht mit Luca

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Nachdem ich mal wieder meinen Heimatort verlassen musste, wollte ich die Gunst der Stunde nutzen, um einkaufen zu gehen. Shoppen, so richtig im Geschäft. Wie früher. Denn seit dem vergangenen Pfingstwochenende ist es möglich, dies wieder ohne Test und Termin in Brandenburg zu tun. Wuhu, alle freuen sich – oder doch nicht?

Ich jedenfalls nicht. Meine anfängliche Euphorie wurde schnell getrübt. Im Geschäft angekommen sieht man überall den QR-Code einer App – „Luca“. Alle zücken wie wild ihr Telefon und scannen ihn ein.

Wer ist Luca?

Ich gehe weiter. Der Verkäufer fragt mich dann gereizt, ob ich mich schon über die App registriert habe. Dabei denke ich „ist das das zwanglose Einkaufen wie vor dem ganzen Coronazauber?!“.

Nein, ist es nicht! Ich registriere mich nicht bei diesem Schwachsinn, lasse den Verkäufer in dem Glauben dies getan zu haben und schlendere durch die Gänge. Im nächsten Laden das gleiche Spiel. „Registrieren sie sich vor dem Betreten in der Luca-App um sich zu autorisieren“. 

Ich stehe als Mensch aus Fleisch und Blut im Geschäft – das dachte ich zumindest. Scheinbar macht mich aber erst die Registrierung zu einem ganzen Menschen. Mittels der App wird registriert wer man ist, Name, E-Mailadresse, wo man wohnt und zu welcher Uhrzeit man grad in welchem Geschäft versucht einzukaufen.

Zusätzlich werden Bewegungsmuster erstellt. Da kommt Freude auf. Überrascht bin ich nicht. Vor allem nicht über den Schuss in den Ofen seitens der Bundesländer, welche Nutzungslizenzen für die App, die den Schutz aller garantieren soll, in Millionenhöhe kauften. Selbstverständlich ohne sich mit den technischen Daten zu befassen. Bedenken seitens des CCC werden ignoriert. Laut ihm erfüllt die App keinen der notwendigen Punkte, um als „Contact Tracing“-App zugelassen zu werden.

Ich hatte mir das in meiner Naivität zwangloser vorgestellt. In die nächsten Schaufenster blicke ich voller Begeisterung, um dann wieder den QR-Code zu erhaschen und genervt weiterzugehen. So zieht es sich durch die ganze Passage. Ich bin deprimiert. Die Lust am Einkaufen ist mir einfach nur vergangen.

Doch dann ein Lichtblick, ein Buchladen für gebrauchte Bücher. Die Tür steht offen, der Verkäufer begrüßt einen nett hinter seiner Glasscheibe, ohne Maske. Und ich stehe zwischen tausenden von Büchern, deren Wert schier unermesslich scheint.

Alte Bücher von 1895, mit Prägungen auf dem Einband von solch erstaunlichr Haptik, dass ich es allein schon aus diesem Grund kaufe. In mitten der Bücher vergesse ich meinen Frust darüber, kein neues Sommerkleid gefunden zu haben. Also kaufe ich sieben Bücher und schleppe sie vergnügt mit in die Tram.

Diesen Sommer überstehe ich vielleicht auch ohne ein neues Kleid, in Ruhe auf dem Dorf, mit dicken Wälzern in der Sonne. Dort muss man sich wenigstens noch nicht über die App registrieren, aber wer weiß, was noch kommen wird…

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