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Raus aus dem Exzess?

20. April 2022

Ich höre gerade mit dem Trinken und dem Rauchen auf. Mit dem Rauchen nur so halb, ich vape placebomäßig etwas und, na ja, rauche weiter, nur halt weniger. Mit dem Trinken alltagstechnisch vollständig. Bislang war mein Modus operandi, mich nach getaner Arbeit mit ein paar Bierchen zu belohnen; in guten Zeiten mit drei bis vier, in schlechten mit fünf bis sechs. Dieser Routine folge ich seit meiner Jugend, vor einigen Jahren phasenweise auch noch wesentlich ausschweifender als gerade beschrieben. Vor wenigen Wochen habe ich einen Schlussstrich darunter gezogen, sehr zum Leidwesen meines Feierabendvergnügens.

Das größte Problem daran: Ich arbeite im absoluten Exzess. Und dementsprechend will mein Hirn auch anschließend in Botenstoffen bezahlt werden. Ich arbeite Nächte durch, pumpe mich mit Kaffee voll und sitze 24 Stunden an etwas. Es gibt so etwas Ähnliches wie ein „Runner‘s High“ beim Durcharbeiten, die Erschöpfung weicht irgendwann in der Nacht einem Energie- und Motivationsschub, der für ein paar Stunden anhält. Wenn dieser verblasst, kickt der Ehrgeiz – und natürlich die Aussicht auf eine dicke, fette Belohnung. Wahrscheinlich so ziemlich die ungesündeste Art, zu leben, ohne zu Crystal Meth zu greifen oder eine Homo-Ehe mit Tadzio Müller einzugehen, aber für mich lange Zeit alternativlos, schon vor meinen Internet-Machenschaften war das mein Lebensstil. Was heißt „lange Zeit“, die Alternative habe ich bisher noch nicht wirklich gefunden.

Das Schlafproblem, also das Wegfallen von Alkohol als Regulator in Ermangelung eines funktionierenden Tagesrythmus, lässt sich ganz gut mit Sport lösen. Die Belohnung nach exzessiver Arbeit ist tatsächlich eine härtere Nuss. Videospiele? Na ja. Videospiele und Bier wäre besser. Film gucken? Film gucken und Bier wäre besser. In die Leere starren und langsam in den Wahnsinn gleiten? In die Leere starren und langsam in den Wahnsinn gleiten und Bier wäre besser und einfacher. Die andere Option wäre natürlich, einfach dem Exzess abzuschwören, ein bisschen anstrengen, ein bisschen belohnen. Halbe Stunde schneiden/rendern/hochladen, ein zuckerfreies Kaugummi mit Pfefferminzgeschmack. Ach, das ist doch homo, ruft da eine Stimme in mir. Gib mir die 30-Stunden-Schicht und reich mir die Crackpfeife.

Ich wäre ein guter Moslem, glaube ich. Märtyrertod für 72 Jungfrauen, so wird doch ein Schuh draus, oder eine Ledersocke. Wunderbar on edge, diese Religion, keine halben Sachen. Aber wir leben leider in einer Welt der halben Sachen. Ganze Sachen, oder was ich darunter verstehe, ficken Leber, Lunge und Hirn. Ungefähr seit ich 20 bin, wachsen mir vereinzelt graue Haare. Unterhalb der Schädeldecke bin ich gefühlt auch etwas langsamer, als ich es mal war, Dauerstress und drei Liter Nervengift als Entschädigung dafür auf Alltagsbasis könnten damit zu tun haben. Halbe Sachen führen zu Stabilität, Gesundheit und in die Langeweile, ganze Sachen in ein frühes Grab.

Vielleicht bringt‘s ein neues Hobby ja wieder ins Lot. Topflappen häkeln oder so. Wär doch auch guter Stoff für eine neue Kolumne oder einen „Häkeln gegen links“-Themenabend. Irgendwas, was man kaum in schädlichem Ausmaß übertreiben kann halt. Jetzt habe ich mir aber erst mal einen Kaugummi verdient, vielleicht sogar einen mit Waldbeergeschmack, und ein paar kräftige Züge aus dem Vaper. Bitte erschießt mich.

Autor

Shlomo Finkelstein

Shlomo Finkelstein wollte immer schon irgendwas mit Hass machen. Seit 2015 erstellt er als "Die vulgäre Analyse" Videos, und seit 2019 zusammen mit Idiotenwatch den Podcast "Honigwabe".

Belltower News schreibt über ihn: "Da er vorgibt, sein Hass sei rational begründet, sind besonders junge Menschen der Gefahr ausgesetzt, die Thesen für bare Münze zu nehmen und sich so zu radikalisieren."


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