Die Revolution beginnt im Gewürzregal

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Meine Chilisoße ist hart nach links abgerutscht. Das hab‘ ich nun davon, beim Kochen mögliches Material für das nächste Antwortvideo laufen zu lassen. Das Zeug ist noch drei rührselige ARD-Beiträge vom Teddybär-Werfen entfernt, wenn‘s hoch kommt. Nichtsahnend griff ich nach der Flasche, um den Fertigramen, die mich am Leben halten, den üblichen kleinen Kick mitzugeben, als mein argloser Blick sich in einem Wortsalat auf der Verpackung verlor:

„Wir finden Vielfalt prima. Denn ohne Vielfalt wäre nichts bunt und hörte sich alles gleich an. Wir mögen das Spektrum der Farben, die Höhe der unterschiedlichen Töne und die Schärfe der verschiedenen Chilifrüchte. Unsere Saucen machen es uns jeden Tag vor. Mit ihren unterschiedlichen Farben und Geschmacksrichtungen finden sie überall auf der Welt ein Zuhause. Hab großen Dank für deine Offenheit und Toleranz.“

Äh – hat meine Hot Sauce mich gerade einen Nazi genannt? „(…) finden sie überall auf der Welt ein Zuhause“, ach du Scheiße. Ihr hättet es doch wenigstens ein klein bisschen zwiespältig lassen können, wie bewusst ihr mit diesen geflügelten Worten um euch werft! Derart desillusioniert von der weltanschaulichen Integrität des Scharfe-Soßen-Gewerbes entdeckte ich selber den Kommie in mir und ermächtigte mich der nötigen Produktionsmittel für meine Gewürz-Emanzipation.

Und so stellte sich dieser Affront meiner Lebensmittel gegen mich im Nachhinein als Glücksfall heraus: Nicht nur war es für mich als Gelegenheitskoch einfacher als gedacht, ähnliche Resultate zu erzielen, wie ich sie von kommerziellen Produkten kannte, es machte auch Spaß, und man spart auf die Dauer einiges an Geld. Es stellt sich nämlich heraus: Hot-Sauce-Hersteller haben eine saftige Gewinnspanne.

Für denselben Preis, den ich für ein kleines 100-Milliliter-Fläschchen zahle, kriege ich die Zutaten für gut einen Liter von dem Zeug. Die Basiszutat, Apfelessig, schmeißen sie praktisch im Laden nach mir, wenn ich meine Maske runterziehe. Dann noch Möhren für die Konsistenz, Zwiebel, Knoblauch, Paprika, Zitrone, etwas Honig und für meinen Geschmack ein bisschen Sternanis – fertig. Kostet alles vergleichsweise gar nichts. Die Chilis sind das Einzige, das sich preislich bemerkbar macht, denn man braucht eine ziemliche Menge. Aber man landet immer noch meilenweit unter dem, was sie einem für ähnliche Mengen kommerzieller Chilisoße aus der Tasche ziehen würden; und jeder Tropfen schmeckt nach Unabhängigkeitserklärung an die Gesinnungstyrannei des Capsaicin-Kartells.

Manchmal kann die Bevormundung der Firmen, auf die man im Alltag zurückgreift, einem also den nötigen Schubser geben, um etwas selbstständiger zu werden. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie ich meinen eigenen Strom produziere, meine eigene Bank eröffne und meine restliche Nahrung selbst anbaue und verarbeite. Aber der erste und wichtigste Schritt zum selbstbestimmten Leben ist vollbracht. Als Nächstes visiere ich ein weltanschaulich gefestigtes Roboterkampf-Turnier an. Die Revolution hat begonnen.

7 Comments

  1. Als eine „eigene Bank“ würde ich Kryptowährungen empfehlen, insbesondere Monero, da diese nicht von Regierungen überwacht werden kann, weshalb sie im Darknet die beliebteste ist.
    Würde auch was spenden, wenn davon auszugehen ist, dass es aktiv genutzt wird.

    Was die Produktion von eigenem Strom angeht, hab ich selbst noch keine Lösung.

  2. Mittlerweile schreibt Shlomo richtig gute Glossen, sowas könnte auch in einer großen Wochenzeitung stehen. Zum Thema selbst Strom erzeugen: So ein Dieselgenerator könnte wirklich bald nützlich werden, wenn die Blackouts beginnen.

  3. Das naheliegendste zum Thema Nahrung, die Glutamathölle zu verlassen, die deine Synapsen wegbrennt, dich depressiv und aggressiv macht, steht nicht auf dem Zettel?

  4. Mit mehr Vorlauf kann man die Chilis zu Hause selber ziehen.

    Was in keiner Küche fehlen sollte:
    Siebenerlei-Salzgemüse, gut durchgezogen ist das eine ideale Grundlage für Suppen und Brühen. Evtl. noch mit angeschwitzten Zwiebeln, gebratenem Speck oder Rotwein ergänzt und mit Stärke oder Sahne gebunden wird eine schöne Bratensoße daraus.
    Matschi Fix, Knurr & Co können da getrost einpacken.

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