Vitaly V. Kuzmin, CC BY-SA 4.0, Wikicommons

Russische Raketen auf Polen?

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Am Dienstagabend kamen die Breaking News: Eine Rakete ist an der Grenze zur Ukraine auf polnischem Gebiet eingeschlagen und hat beim Aufprall zwei Menschen in den Tod gerissen. Damit weitete sich der Krieg in der Ukraine erstmals auf ein nicht direkt involviertes Land aus, und noch dazu auf ein NATO-Mitglied, und dann auch noch auf Polen, das, nach der Ukraine natürlich, von allen Ländern Slawisch-Europas die größte Abneigung gegen die Russen aufweist. Aber dazu gleich mehr.

Ein Ereignis dieser Art war im Grunde nur eine Frage der Zeit; man hat nur darauf gewartet, dass sich ein Geschoss irgendwie Richtung Westen verirren und dabei etwas zu weit über das Ziel hinausschießen würde – und nun ist er da, der perfekte Grund für die Falken, also die Kriegstreiber, im Westen, einzugreifen. Die Berichterstattung war anfangs ziemlich eindeutig: Als ich die Schlagzeile am Dienstag, gegen 22 Uhr, zu lesen bekam, war sich das Outlet ganz sicher, dass es russische Raketen gewesen seien. Und die „Bild“ – man hat auch als Rechter genug Gründe, Springer zu hassen – titelte am Mittwoch: „Nach amerikanischen Angaben: 2 Tote. Putin feuert Raketen nach Polen!“ Ebenso die meisten transatlantischen Politiker; ein gutes Beispiel hierfür ist Marie-Agnes Strack-Zimmermann (ein gut gemeinter Rat meinerseits: Vertraut nie Frauen mit doppeltem Nachnamen, respektiert nie Männer mit einem solchen…), die auf Twitter schrieb: „Nicht nur haben russische Raketen Polen und damit NATO-Gebiet getroffen, sondern auch zu Toten geführt. Das ist das Russland, mit dem einige offenkundig und absurderweise immer noch ‚verhandeln‘ wollen. Der Kreml und seine Insassen müssen sich umgehend erklären.“ Hach, ist es bald so weit? Können wir in Urgroßvaters Fußstapfen treten?

Ich bin mir sicher, Netzredakteur Fechter hätte Euch den Tweet gerne verlinkt, so dass ich ihn nicht in voller Gänze hätte zitieren müssen. Aber er wurde gelöscht, und das aus gutem Grund. Schon klar, dass für die antirussischen Falken die Täterschaft auf der Hand liegt; Selenskyj sprach von „russischem Terrorismus“. Doch man muss sich, wie es der britische YouTube-Historiker TIK gerne tut, einmal mehr fragen: „Is this really the case?“ Würde Russland in der Situation, in der es gerade steckt, wirklich so etwas tun? Und dann noch absichtlich? Dass neutrale Länder durch einen Krieg, an dem sie nicht beteiligt sind, in Mitleidenschaft gezogen werden, ist nichts Neues. Ihr könnt ja mal recherchieren, wie viele alliierte Bomben die Schweiz im letzten Weltkrieg durch verirrte Bomber abbekommen hat – Spoiler: Es waren nicht wenige, weshalb die Schweizer auch alles andere als begeistert von der Kriegsführung der Amerikaner und Engländer waren. Versehen passieren eben, auch im Krieg.

Es gibt aber noch genug andere Indizien, die gegen einen absichtlichen russischen Schlag sprechen: Laut irgendwelchen Typen auf Twitter (die vertrauensvollste Quelle im Internet heutzutage!) scheint die Rakete ein ukrainisches Modell zu sein. Dafür gäbe es zwei Erklärungen: die wohlwollende, nämlich dass sich ein ukrainisches Luftabwehrgeschoss verirrt habe, womit es sich wieder um ein Versehen handelte, und die misstrauische, die der Ukraine die Absicht unterstellen würde, einen Grund für den offenen Kriegseintritt der NATO zu fingieren. Ein großer Krieg gegen Russland, und als i-Tüpfelchen noch zwei tote Polen – Stepan Bandera hätt’s gefreut, tja. Jedenfalls wären beide Szenarien denkbar, nicht?



Völlig unwahrscheinlich scheint hingegen die Ansicht unserer Falken zu sein. Warum sollten die Russen auch einen offenen Krieg gegen die NATO provozieren, nachdem sie von der ukrainischen Armee an allen Fronten den Hintern versohlt bekommen haben? Gewiss, Putin und seine Schergen sind skrupellos, aber doch nicht so dumm. Zumal Russland einen Raketenangriff westlich der Ukraine ruhig mit uns Deutschen hätte absprechen können – schließlich war die Zerschlagung Polens sonst immer Teamwork.

Zurück zum Ernst der Lage: Ein weiteres Indiz, das einer russischen Absicht widerspricht, ist die besonnene Reaktion seitens der Polen. Wie gesagt, sie sind normalerweise die, die in der NATO mit am lautesten gegen Russland bellen. Klar, die Regierung rief zwar am Mittwoch einen nationalen Sicherheitsrat zusammen, doch offenkundig deshalb, weil sie selbst nicht wusste, wie die Sachlage ist. Auch die Polen glauben eher an eine verirrte ukrainische Rakete. Was wiederum noch einmal verdeutlicht, wie abgedreht die Falken im Westen sind: Erst mal überreagieren, kurz nachdem das Ereignis passierte. Kein Abwarten, keine Geduld, es ist erschreckend und erwartbar zugleich. Wer weiß, wo uns das alles noch hinführt.

1 Comment

  1. Viel Lärm um nichts. Selbst wenn es die Russen gewesen wären, hieße das noch nicht, dass nun die NATO eingreift. Artikel 5 wird nicht einfach getriggert wie in einem Computerspiel, sondern die NATO-Mitgliederstaaten müssen einstimmig beschließen, dass der Verteidigungsfall vorliegt, und das wäre aufgrund zB der Türken sehr unwahrscheinlich.

    Meine Prognose: der Krieg wird erstmal weitergehen und irgendwann ziemlich unspektakulär enden, so dass am Ende beide Seiten unbefriedigt aus der Sache herausgehen.

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