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Russland und wir

20. Januar 2022

Kaum ein Ereignis in den letzten Jahren – sei es die EZB-Politik, die daraus folgende Inflation, die Migrationskrise 2015, die Energiewende oder die Corona-Politik seit 2020 – scheint so viele Boomer so sehr radikalisiert zu haben wie das Auftreten von Annalena Baerbock. Ich selbst bin ja froh, dass sie unsere Außenministerin geworden ist – niemand könnte den Zustand der Bundesrepublik besser repräsentieren als diese dynamische, tapfere Frau!

In der Funktion als Außenminister hat Baerbock neulich die Regierung Scholz bei einem Treffen mit ihrem russischen Amtskollegen Lawrow vertreten und sich dabei tapfer geschlagen – also, zumindest in den Augen der Mainstreampresse. Sie habe unsere Werte gegenüber den russischen Aggressoren verteidigt, heißt es sinngemäß – Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Fressefreiheit (hihi) –, die unter Putin mit Füßen getreten werden. Aber wen interessiert das bitte ernsthaft?

Davon mal abgesehen, dass die allermeisten Werte des modernen Westens eh schlecht sind, kann doch niemand mehr wirklich glauben, dass die westlichen Eliten diese Werte ernst nehmen. Wer Telegram zensieren will, wie es die Innenministerin Nancy Faeser vorhat, soll mir nichts von Pressefreiheit erzählen. Es wäre ja schön, wenn sie wenigstens mit offenen Karten spielten, anstatt dauernd den Moralapostel zu mimen.

Um von der eigenen Niederträchtigkeit abzulenken, suchen sich die westlichen Eliten einen äußeren Feind: Russland. Bei all der Rhetorik, die in den letzten Tagen von westlichen Politikern an den Tag gelegt wurde, hat man fast den Eindruck, wir seien im Kalten Krieg.

Die Argumente der „Falken“ von den linksliberalen Grünen bis zu den neokonservativen CDUlern sollten bekannt sein: Putin sei ein böser Antidemokrat, er bedrohe die Freiheit der Ukrainer und anderer russischer Anrainerstaaten, deshalb müsse man ihn stoppen. Die einzigen „Russlandversteher“ im Mainstream stehen der Linkspartei nahe und sind zumeist Sowjetnostalgiker. Doch auch im rechten Lager herrscht Uneinigkeit darüber, wie man mit Russland umgehen sollte; gerade bei den „Geistesboomern“ herrscht noch der Kalte Krieg in den Köpfen.

In der AfD gibt es Leute wie Georg Pazderski, der unbedingt zusammen mit den USA auf Konfrontationskurs mit den Russen gehen möchte und innerparteilichen Streit mit einem Markus Frohnmaier sucht, der wohl am liebsten die Seiten wechseln und Putin zur Seite stehen würde. Tatsächlich gibt es nicht wenige aus der Boomer-Generation, die Putin als einen Befreier sehen, als starken Mann gegen die bösen Amerikaner. Erst mit einem echten Friedensvertrag mit Russland könne Deutschland wieder frei sein, und Putin, dieser starke Mann, der den Amis zeigt, wie es geht, könne uns dabei helfen.

Doch kann man Putin vertrauen? Was für eine absurde Frage. Würden Sie einem KGB-Agenten vertrauen? Wie viele der Putin-Verehrer wissen wohl von seiner Vergangenheit im russischen Geheimdienst? Es ist ja nicht so, als sei die Sowjetelite nach 1990 einfach im Erdboden verschwunden. Viele der russischen Oligarchen sind ehemalige Parteisoldaten, die sich wie die Ratten vom sinkenden Schiff gerettet haben.

Russland hat viele wirtschaftliche Probleme, die sich nicht allein auf die Sanktionen des Westens zurückführen lassen: Seine Ökonomie ist durch ein Geflecht aus den Oligarchen und dem Staat geprägt, die schwächelnde Wirtschaft hat ihre Ursache unter anderem genau darin.

Viel gravierender aber ist die Verschwörungstheorie der sowjetischen Langzeitstrategie: Laut ihr haben die Sowjets schon vor Beginn des Zweiten Weltkriegs Institutionen im Westen unterwandert, um die westlichen Länder zu unterminieren. Viele gesellschaftliche Verwerfungen sollen auf die Intervention sowjetischer Agenten in westlichen Staatsgebilden zurückzuführen sein; die Auflösung der UdSSR war eine Farce, um den Westen glauben zu machen, die Gefahr sei vorüber. Welch Zufall, dass ausgerechnet ein ehemaliger KGB-Agent den Nachfolgestaat der Sowjetunion anführt, nicht?

Wie viel an der Verschwörungstheorie dran ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber: Jemand wie Putin, der in vielen Reden dem Sowjetimperium nachtrauert, kann nicht unser Freund sein. Er verfolgt seine eigenen Interessen, die denen der deutschen Rechten radikal widersprechen. Unter russischer Vorherrschaft wird Deutschland auch nicht frei sein, weshalb also sollte man seine Hoffnungen in Putin setzen?

Fridericus Vesargo

Aufgewachsen in der heilen Welt der ostdeutschen Provinz, studiert Vesargo jetzt irgendwas mit Musik in einer der schönsten und kulturträchtigsten Städte des zu Asche verfallenen Reiches. Da er als Bewahrer einer traditionsreichen, aber in der Moderne brotlos gewordenen Kunst am finanziellen Hungertuch nagen muss, sieht er sich gezwungen, jede Woche Texte für die Ausbeuter von der Krautzone zu schreiben. Immerhin bleiben ihm noch die Liebesgrüße linker Mitstudenten erspart…


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