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Schattenmacher, Lola und der Umgang mit „Normies“

20. Oktober 2022

Ich war am Dienstag mal wieder viel zu lang auf Twitter unterwegs. Was für eine Zeitverschwendung, denke ich mir im Nachhinein immer wieder, aber so ist das eben mit den sozialen Medien in unseren Tagen – sie sind eine Pestilenz sondergleichen. Geht nicht auf Twitter, sondern lernt Gedichte oder geht spazieren. Aber wie dem auch sei: Es war ordentlich was los in der kleinen Rechtstwitter-Blase, in der ich unterwegs bin. Erstaunlich viele Nutzer haben sich über den vielgeliebten Herrn der Fliegen aufgeregt. Ein emotionsloser, kalter Mensch sei er – eigentlich nichts Neues –, der Tweet, der den Entrüstungssturm auslöste, überschreite nun wirklich Grenzen. Aber eins nach dem anderen.

Am Freitagnachmittag kam die zwölfjährige Schülerin Lola aus Paris nicht nach Hause. Nachdem die besorgten Eltern die Polizei alarmierten, erhärtete sich ihr Verdacht: Das Mädel war tot. Gefunden wurde sie in einer Plastikbox. Sie wurde von ihrem Peiniger letzten Endes erstickt, davor vergewaltigt und gefoltert. Die Leiche wurde verstümmelt; die Kehle so sehr durchgeschnitten, dass der Kopf fast abgetrennt wurde. Die Tatverdächtigen stammen wohl aus Algerien; laut neuesten Meldungen steht die 24-jährige Algerierin Dahbia B. in Verdacht, die Mordtat hauptsächlich durchgeführt zu haben. Kurz gesagt: Die mutmaßliche Haupttäterin und ihre Komplizen, die wohl ebenfalls alle aus dem Maghreb kommen, hätten unter normalen Umständen gar nicht erst in Frankreich sein sollen. Lola wurde das nächste Opfer migrantischer Gewalt gegen Einheimische, eines von unzähligen.

Die rechten Bewegungen in Frankreich und Deutschland griffen den Fall auf; in den sozialen Netzwerken gab es zig Postings in Gedenken an das Schulmädchen, die Reaktionen im rechten Lager waren – gerade ob der barbarischen Brutalität des Tathergangs und der besonderen Unschuld des Opfers – heftig. Lola wurde binnen weniger Stunden zur Märtyrerin, praktisch überall wurde ihr Konterfei mit der französischen Aufschrift „Lola aurait pu être notre petite sœur“ („Lola hätte unsere kleine Schwester sein können“) gezeigt und gepostet.

Und genau zu dieser Situation verfasste „Der Schattenmacher“ seinen Tweet. Er schrieb: „Ich halte diese überemotionalen Huldigungen für nicht angebracht. Es ist gut, dass auf diese schweren Verbrechen und ihre Ursache aufmerksam gemacht wird. Aber wer ein Opfer allein ob des Opferseins heilig spricht, der vergisst, dass zum Martyrium der Dienst an der Sache gehört. Aber dieser vorschnelle Kitsch ignoriert mal wieder das starke Element der Komplizenschaft, das viele Bürger des Westens an ihrem Niedergang haben.“ Weiter schreibt er, dass Lola aufgrund ihres Alters gewiss keine Schuld an irgendetwas haben könne, zum Martyrium aber dennoch der Dienst an der Sache gehöre. Tja, daraufhin hagelte es eben jene Vorwürfe, wie sie oben dargestellt sind. Das Statement des Schattenmachers wirft bei all seiner Empathielosigkeit dennoch eine wichtige Frage auf: Wie umgehen mit Normies, die Opfer der uns feindlich gesinnten Politik wurden beziehungsweise werden? Gerade in einem solchen Fall wie Lola?

Nun, dazu sollte man erst mal klären, welches Menschenbild man – als Rechter – überhaupt vertreten möchte. Und in dieser Hinsicht ist das meinige ziemlich eindeutig: Es ist antiaufklärerisch. Oder meinetwegen auch voraufklärerisch-christlich. Soll heißen: Der Mensch ist von Natur aus schlecht und leicht verführbar, was zur Folge hat, dass die meisten leicht zu führen sind und auch jemanden brauchen, der sie führt, sei es spirituell/geistig, politisch oder auch in banalen Dingen wie Modetrends. Man schaue sich in unserer modernen Welt nur um: Jetzt, da Klerus und Adel entweder entmachtet oder komplett verschwunden sind, schauen die Leute eben zu Superstars oder „Influencern“ (pfui Deibel, schreckliches Wort!) auf. Sie können nicht anders, sie brauchen es.

Den Glauben, dass ein jeder Mensch eigenverantwortlich handeln könne, wie es etwa unsere libertären Kollegen gerne annehmen, halte ich für grundsätzlich falsch, zumindest auf gesellschaftlicher und politischer Ebene. Auf die „Schuldfrage“ übertragen heißt das: Die meisten Menschen können an politischen und gesellschaftlichen Umständen nichts ändern und ergo auch nicht schuld sein. Ein „System“ wird letzten Endes von der Elite getragen und geändert, der gemeine Mensch schafft das nur, wenn eine herrschende Elite das (freiwillig oder unfreiwillig) zulässt.



Man schaue nur in die Geschichte: Nach dem Sieg über Deutschland gaben die Alliierten, von ihrem aufgeklärten Menschenbild geleitet, welches besagt, dass ein jeder dazu in der Lage sei, sich seines Verstandes zu bedienen und sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien, den Deutschen die Kollektivschuld am NS-Staat und dessen Gräueltaten. Eine Sache, die ich nie getan hätte. Und das sage ich nicht nur, weil ich selbst Deutscher bin: Ich glaube auch nicht, dass die Russen eine Kollektivschuld an den Verbrechen der UdSSR tragen oder die Amerikaner am törichten Krieg im Irak. All diese Sachen – NS-Staat, UdSSR, Irakkrieg – waren Projekte der Eliten – und genau denen gilt es, die Schuld zu geben.

Übertragen auf Lola und den Schattenmacher: Ich verstehe die Bedenken des rechten Kollegen, nicht unnötig Leute zu Opfern zu stilisieren, die vor ihrem Tod gegen uns waren: Siehe Maria Ladenburger, die vor sechs Jahren von einem Afghanen getötet wurde und von – sagen wir – „weltoffener“ Natur war – ihre Eltern etwa gründeten nach dem Vorfall die Maria-Ladenburger-Stiftung, die explizit ausländische Studenten unterstützt; zudem gibt es einen ihr gewidmeten und von der Familie in Auftrag gegebenen Gedenkstein, der mahnt, „Gewalt und Hass mit Toleranz und Menschlichkeit“ zu begegnen. Doch im Falle Lola, nun, da halte ich jede Stilisierung für durchaus gerechtfertigt. Sie war vollends unmündig, ein Kind, und – als Abendländerin – eine von uns.

Kurz gesagt: Solange sich der „Normie“ nicht aktiv, das heißt im Falle der Familie Ladenburger in elitärer Weise, gegen das rechte Lager stellt, kann man ihn als einen von uns zählen – völlig egal, was er sagt oder wie blöd er doch die AfD findet, oder ähnlich. Wenn man spürt, dass jene Person unter anderen Umständen – etwa unter einer rechten Medienhegemonie – anders denken und ticken würde, kann man sie durchaus uns zugehörig zählen – und ihrer gedenken, sollte sie Umständen zum Opfer fallen, gegen die wir ankämpfen. Denn wenn eine Herde Schafe ausbüxt und sich verirrt – wem gebt Ihr die Schuld? Den Schafen oder dem Hirten?

Fridericus Vesargo

Aufgewachsen in der heilen Welt der ostdeutschen Provinz, studiert Vesargo jetzt irgendwas mit Musik in einer der schönsten und kulturträchtigsten Städte des zu Asche verfallenen Reiches. Da er als Bewahrer einer traditionsreichen, aber in der Moderne brotlos gewordenen Kunst am finanziellen Hungertuch nagen muss, sieht er sich gezwungen, jede Woche Texte für die Ausbeuter von der Krautzone zu schreiben. Immerhin bleiben ihm noch die Liebesgrüße linker Mitstudenten erspart…

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