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Selbstdarsteller (52, atheistisch, türkischstämmig, schwul) sucht neue Partei

1. Dezember 2023

Was Beatrix von Storch geritten hat, dem zumindest im politisierten Weltnetz allseits bekannten Ali Utlu den Eintritt in die AfD nahezulegen, kann nur gemutmaßt werden. Utlu ist ein extrovertierter Aktivist, dessen Dasein sich ganz und gar aus der Bewirtschaftung seiner multiplen Identitäten zu erschöpfen scheint. Für einen türkischstämmigen Schwulen scheint das auch gut zu klappen. Als Mitglied des „Zentralrats der Ex-Muslime“ empfiehlt er sich förmlich für die (schwindende) Gruppe von bräsigen Konservativen, die in der bundesrepublikanischen Dialektik verfangen sind und daher glauben, man müsse gegen einen fundamentalen, virilen Islam bloß dessen kafkaeske Verdrehung – also einen fluiden, effeminierten Atheismus – ins Feld führen, um „unser aufgeklärtes Abendland“ zu retten.

Ali Utlu – ich muss bei dem Namen immer an die Kunstfigur Daffyd Thomas denken: „Ich bin der einzige Schwule im Dorf!“, lamentiert der „Little Britain“-Darsteller im quetschig-engen Lederkostüm, während die Dorfbewohner nur genervt abwinken.

Um also direkt zum Punkt zu kommen, wir müssen das ja hier nicht unnötig in die Länge ziehen: Was hat jemand wie Utlu der AfD anzubieten – abgesehen davon, dass er „der einzige türkischstämmige, atheistische Schwule im Dorf“ ist? Was bringt es einer Partei, die seit Monaten nicht ohne Grund auf der politischen Erfolgsspur ist, sich einen politisch hochgradig unzuverlässigen Selbstdarsteller ans Bein zu binden, der unter Garantie nur für Probleme sorgt?

Warum das konservative Selbstbild, das gerade in dieser Zeit für viele Menschen im Land ausgesprochen attraktiv erscheint – übrigens auch für viele Gastarbeiter und ihre Nachkommen –, mit Personalien verwässern, die sicherlich nicht dafür sorgen, dass ab morgen Millionen und Abermillionen von türkischstämmigen, atheistischen Schwulen ihr Kreuz bei der AfD machen? Eine solche Entscheidung sollte man der gecuckten CDU überlassen oder dem Karnevalsverein namens FDP. Aber die AfD ist gerade dabei, sich als Marke zu etablieren – und eine Marke verwässert man nicht.

Das alles ist keine Kernphysik und sollte gerade für parteipolitische Funktionäre naheliegend sein. War das also so etwas wie politisches Kalkül, was von Storch zur Einladung Utlus bewog, oder ein Rückfall in eine Zeit, in der die AfD glaubte, die CDU links überholen zu müssen? Wir wissen es nicht, und wir werden es nicht erfahren.

Aber eigentlich ist das ja auch egal.

Autor

Friedrich Fechter

Fechter studiert im Herzen Deutschlands und muss sich an seiner linksversifften Universität den typischen Gängelungen aussetzen. Er interessiert sich für Kunst, Geschichte und ist Meister der Halbsätze. Als Fechter das erste Mal ein Cover der Krautzone sah, hielt er das pixelige Layout für eine durchtriebene Werbestrategie. "Bestimmt", dachte er sich beim Durchblättern, "hier sind verschlagene Profis am Werk."


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