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Ein Spaziergang im Regen

3. Februar 2022

Es war mal wieder Montag, Freunde. Und weil ich ein bisschen auf meine Gesundheit achten möchte, dachte ich mir: „Gehst du am Abend wieder spazieren!“ Verabredet war ich mit ein paar Kommilitonen (ja, auch unter den Studenten gibt es Leute, die gern mal spazieren gehen), die mich vor einer Woche fragten, ob ich mitkommen wolle.

Es war gegen 18:10 Uhr, als ich aus dem Hochschulgebäude trat. Noch circa 40 Minuten bis zum Treffen. Genug Zeit, um sich zu langweilen, zu wenig, um noch mal nach Haus zu gehen. Ich schulterte meinen Rucksack und ging zu Rewe, ein paar Einkäufe erledigen. Auf dem Weg sah ich übertrieben viele Polizisten, die die Spaziergänge im Auge behalten sollten; viel zu viele für eine mittelgroße und dazu auch noch rote Stadt.

Vor dem Rewe versammelten sich schon die ersten antifaschistischen Lackaffen für die Gegendemo. Nachdem ich beim Einkaufen doch nicht so viel Zeit totschlagen konnte, wie ich wollte, und es zudem viel zu dunkel und zu kalt war, um sich irgendwo hinzusetzen und ein Buch zu lesen, ging ich vor dem Spazierengehen noch einmal spazieren. Schließlich war es so weit.

Es fing an zu regnen. Na toll. Es war zehn vor sieben. Ich traf jene Kollegin, die mich angeschrieben hatte, und unterhielt mich ein wenig mit ihr. Ich hasse Smalltalk. Auch bei Menschen, die ich mag.

„Ich hoffe, wir sehen niemanden, der uns kennt und dem Ganzen hier nicht wohlgesonnen ist“, sagte ich.

„Ich auch. Bis auf dich und N. habe ich im Freundeskreis niemanden, dem ich davon erzählen kann.“

Tja, das ist das Schicksal, dass sich viele dissidente Studenten teilen. Euch brauche ich das nicht zu erzählen, aber für dieses Mädel schien es die erste Erfahrung dieser Art zu sein.

Nachdem noch ein weiterer Bekannter von ihr dazukam, gingen wir von unserem Treffpunkt am Rande der Innenstadt los und suchten die Gruppe der Spaziergänger. Erfolglos, wie sich herausstellen sollte. Nach ein paar Minuten stieß N. zu uns (er ist bekannt dafür, sich immer etwas Zeit zu lassen), mit Regenschirmen für sich und unsere Freundin.

Auf dem Platz vor dem Rewe stießen wir auf eine Gruppe, bei der weder ich noch meine Mitstreiter sagen konnten, ob sie für oder wider uns waren. Zumindest auf den ersten Blick. Nach einer Weile stellte sich heraus, dass es die Linken waren. Eine Boomerin kam auf uns zu und teilte uns Papierheftchen aus. „Der Erfahrungsbericht von letzter Woche!“, sagte sie.

Sie war wohl auf unserer Seite. Das Heftchen war überschrieben mit: „Roter Faschismus à la Rame…-“

„Oh Gott!“, dachte ich mir. Das darf doch nicht wahr sein! Verdammte Boomer! Ich hasse es, wenn Leute das Wort „Faschismus“ falsch verwenden. Ohne dass sich ein großer Strom an Spaziergängern bilden konnte, drehten wir unsere Runden durch die Innenstadt. Zwischenzeitlich kamen wir an N.s Wohnung vorbei, der mir freundlicherweise einen weiteren Regenschirm zur Verfügung stellte.

Es regnete immer noch, und der kalte Wind machte es nicht besser. Plötzlich klingelte mein Telefon.

„Hey, wo seid ihr?“

Es war eine jener „vier charmanten Damen“, die mir vor vier Wochen auf dem Spaziergang Gesellschaft geleistet hatten. Sie hatte eine Probe und wollte deshalb nachkommen.

„Weißt du, es regnet, und wenn nicht viel los ist, würde ich gleich nach Hause fahren.“

„Ja, hi, pass auf, es hat sich leider kein Spaziergang bilden können, aber wir sind gerade unterwegs Richtung Rewe (schon wieder), du kannst uns da einholen und für fünf Minuten quatschen“, sagte ich ihr.

Sie stieß mit dem Fahrrad dazu. Dann ging‘s weiter. Als wir an einem Platz ankamen, wo sich ebenfalls die Antifa versammelt hatte, waren wir gerade im Begriff, uns zu trennen und heimzugehen. Und da geschah es…

Die Polizei wollte uns nicht gehen lassen. Es war bestimmt zehn vor acht. Wir waren vielleicht zwölf Leute, und es waren mindestens so viele, nein mehr Polizisten anwesend. Und die Gegendemo zählte vielleicht zehn „Mann“.

„Tja, so viel zu den fünf Minuten zum Quatschen…“, sagte ich zur Freundin mit dem Fahrrad.

Ein schulterzuckendes „Ja“ kam als Antwort zurück. „Ich mein‘, was soll das, das ist doch reine Schikane!“

Sie hatte recht, natürlich war es das. „Die wollen halt, dass wir nächste Woche nicht wiederkommen.“

„Aber jetzt erst recht!“, entgegnete N.

Nacheinander wurden unsere Personalien aufgenommen. Wie viel Zeit die sich dabei ließen (es war ja auch schönes Wetter…)! Soweit ich mich erinnern kann, ist das meine erste Begegnung dieser Art mit der Polizei. Uns wurden Platzverweise erteilt, das Versammeln sei eine Ordnungswidrigkeit, hieß es von den Polizisten.

Ich war der Letzte, der ausgefragt wurde, nachdem ich eine Runde „Schere, Stein, Papier“ gegen N. verloren hatte. (Der musste übrigens eine riesige Runde um die Innenstadt laufen, um zu seiner Wohnung, die in der Innenstadt liegt, gehen zu dürfen.) Es war zehn vor neun, als ich wegdurfte. Jacke nass, ich nass, auch meine Noten haben ein wenig getropft. „Was für eine absurde Posse!“, dachte ich mir auf dem Heimweg.

Fridericus Vesargo

Aufgewachsen in der heilen Welt der ostdeutschen Provinz, studiert Vesargo jetzt irgendwas mit Musik in einer der schönsten und kulturträchtigsten Städte des zu Asche verfallenen Reiches. Da er als Bewahrer einer traditionsreichen, aber in der Moderne brotlos gewordenen Kunst am finanziellen Hungertuch nagen muss, sieht er sich gezwungen, jede Woche Texte für die Ausbeuter von der Krautzone zu schreiben. Immerhin bleiben ihm noch die Liebesgrüße linker Mitstudenten erspart…


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