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Haben Ungeborene ein Recht auf Leben?

17. September 2021

Unter den vielen deutschen Blättern, die mit einem gewollt mondänen Anstrich das typische Untertanen-Publikum in seiner Sucht nach Bestätigung bedienen, firmiert die „ZEIT“ seit jeher ganz vorne. Bei „arte“ haben Sie am Vorabend die vierstündige Dokumentation über lesbische Straßenhunde aus Papua-Neuguinea in Originalsprache (mit gelben Untertiteln) verpasst? Kein Problem, die „ZEIT“ entschädigt Sie mit einem Artikel über die Comic-Künstlerin Tillie Walden, die eine „weiblich-genderfluide Crew auf einen Selbsterkundungstrip bis ans Ende der Galaxie“ schickt. Nein, ich habe mir das nicht ausgedacht.

Bestens gebildet im postmodernen Kultursimulationsbetrieb fühlen Sie sich auf der Grillparty mit ehemaligen Kommilitonen der Sozialwissenschaften trittfest. Der vegane Haloumi brutzelt auf dem Rost, während Maik, der früher Beate hieß, von jedem Teilnehmer 34,71 Euro für Essen und Getränke einsammelt, als plötzlich von Texas die Rede ist.

“Wir haben Freunde in Texas“

In diesem klerikalfaschistischen Bundesstaat hat man nun beschlossen, Schwangerschaftsabbrüche ab der sechsten Woche zu verbieten. Darüber empört man sich jetzt im linken Deutschland. Man war nie in Amerika, man hat aber „Freunde dort drüben“, was so viel bedeutet wie: „Ich habe überhaupt keine Ahnung und erst recht keine Freunde, aber ich habe eine Meinung und die ist mir wichtig. Und dir gefälligst auch!“

Amerika, da ist sich die internationale Linke einig, ist voll scheiße. Und Texas ist so etwas wie das konzentrierte Amerika. Texas ist Cowboyhut, Texas ist Trump, Texas ist die Mauer zum armen Mexiko. Vor allem aber ist Texas so weit weg, dass es uns eigentlich völlig Schnuppe sein sollte, was dort beschlossen oder nicht beschlossen wird.

„Wenn Frauenrechte nichts mehr zählen“, überjammert die US-Korrespondentin Rieke Havertz der „ZEIT“ eines ihrer neuesten Traktate. Vor kurzem bestand ihr Job noch in der Produktion von Anti-Trump-Artikeln, was sie, zugegeben, in einem bemerkenswerten Tempo tat. Wir erinnern uns alle an diese vier Jahre völlig enthemmter Medienhetze, die einmal mehr zeigte, dass das Destillat des deutschen Untertanengeistes seit jeher in den Schreibstuben sitzt.

In Texas sind zukünftig mit dem „Texas Heartbeat Act“ Schwangerschaftsabbrüche ab der sechsten Woche verboten. Ausnahmen sind möglich, wenn etwa das Leben der Mutter in Gefahr ist. Wer dem Gesetz zuwider handelt, kann angezeigt und vor Gericht gebracht werden. Daraus knetet die US-Korrespondentin: „In Texas ist es künftig fast unmöglich, eine Schwangerschaft abzubrechen. Wer es versucht oder auch nur dabei hilft, wird hart bestraft. Wer Frauen verrät, wird belohnt.“

Mein Recht auf Kindstötung

Kindstötungen, nennen wir die Sache doch beim Namen, sind also nicht „fast unmöglich“. Sie sind volle sechs Wochen legal. Und wenn ich Eltern rechtlich belangen kann, die ihre Kinder misshandeln, wieso sollte ich dann nicht rechtlich gegen eine Schwangere vorgehen dürfen, die offensichtlich in vollem Bewusstsein ihr Ungeborenes töten will?

Diese und viele andere Fragen beantwortet der US-Podcast der „ZEIT“, der so etwas wie eine „angeregte Debatte“ zwischen besagter US-Korrespondentin und dem Programmdirektor des MDR, Klaus Brinkbäumer, simulieren soll, nicht. Wer die volle Ladung linker Schlagworte und empörungsgeschwängerter Plattitüden braucht, das Ganze zusätzlich unterlegt mit dieser ätzend überamerikanisierten Aussprache, der ist hier goldrichtig! Kostprobe?

Brinkbäumer: „Es ist ein konservatives Gesetz, es ist einer dieser Versuche, in das Leben der Amerikanerinnen einzugreifen, durch eine… ja, extrem männlich dominierte Regierung – so ist die Regierung in Texas, so war sie immer.“

Derselbe: „Dass das Gesetz zwar Ausnahmen für medizinische Notfälle offiziell, sag ich mal, zulässt, aber Vergewaltigungen und Inzest nicht einschließt, macht es… – was soll man noch sagen – brutal, perfide, diabolisch. Ich bin kein Freund von dramatischen Adjektiven, aber es gäbe eine ganze Reihe, die man dort finden könnte.“

Suizid auf Raten

Vergewaltigungen und Inzest – das sind stets die Pappkameraden, wenn es darum geht, Ungeborenen ihr Recht auf Leben abzusprechen (wie gesagt: In Texas können Schwangere bis zur sechsten Woche abtreiben). Da kann dann Brinkbäumer nach so vielen dramatischen Adjektiven schnappen wie er will – Rieke Havertz führt es aus: „Das neue Gesetz macht es Frauen auch schwieriger Hilfe zu bekommen, die in sozial schwachen Milieus, in einkommensschwachen Milieus leben. Teenager, die – du hast es gerade angesprochen – lange gar nicht wissen, dass sie schwanger sind (…). Und vor allen Dingen sind es Women of Color. (…) 70 Prozent der Abbrüche 2019 sind von Women of Color gewesen.“

Ich fasse mal zusammen: Es geht einfach nur darum, dass Frauen, oft jung, meistens schwarz, überwiegend der Unterschicht angehörend, das Produkt ihrer Leichtsinnigkeit loswerden und sich nebenbei noch als Opfer stilisieren können.

Diese ganze „Debatte“ – genau genommen ist es ja keine Debatte, es ist eine ewige linke Selbstbestätigung – wird in einer Dimension geführt, die suggeriert, dass es sich bei der legalen Tötung von ungeborenem Leben um die Wassermarke für eine „fortschrittliche“ und damit „gute“ Gesellschaft handle. „Frauenrecht“, das ist das Recht auf Abtreibung. Der Vater kann nicht intervenieren, so etwas wie „Männerrechte“ gibt es ja nicht. Und das Ungeborene kann sich sowieso nicht wehren.

Es grüßen herzlich: Die letzten Menschen.

 

„Da werden Weiber zu Hyänen

und Treiben mit Entsetzen Scherz;

Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,

Zerreissen sie des Feindes Herz.

Nichts Heiliges ist mehr, es lösen

Sich alle Bande frommer Scheu;

Der Gute räumt den Platz dem Bösen,

Und alle Laster walten frei.

Gefährlich ist’s den Leu zu wecken,

Verderblich ist des Tigers Zahn;

Jedoch der schrecklichste der Schrecken,

Das ist der Mensch in seinem Wahn.“

– Friedrich Schiller

Friedrich Fechter

Fechter studiert im Herzen Deutschlands und muss sich an seiner linksversifften Universität den typischen Gängelungen aussetzen. Er interessiert sich für Kunst, Geschichte und ist Meister der Halbsätze. Als Fechter das erste Mal ein Cover der Krautzone sah, hielt er das pixelige Layout für eine durchtriebene Werbestrategie. "Bestimmt", dachte er sich beim Durchblättern, "hier sind verschlagene Profis am Werk."

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