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Wie leidensfähig sind wir?

6. Juli 2022

Der alltägliche Einkauf kostet inzwischen in etwa ein Drittel mehr als gehabt. Unser Wirtschaftsminister erzählt uns stolz, wie wenig er nur noch duscht, und kündigt für den Winter die Möglichkeit von staatlicher Energierationierung an. Die im Frühjahr nach knapp zwei Jahren totalitärem Fiebertraum auf Eis gelegten Corona-Maßnahmen sollen im Winter wieder hochgefahren werden. Das wird eine interessante Zerreißprobe für das Nervenkostüm des nach kurzem Ukraine-Intermezzo inzwischen wieder Regenbogenfahnen schwenkenden Doofmichels. Ich sage voraus: All die Nöte werden seinen Glauben an die „offene Gesellschaft“ und das momentane Ding, was auch immer es dann sein mag, nur noch stärken, wie das bei ernsthaft Gläubigen nun mal so ist. Das Ding ist nur: Was ist mit dem Rest der Leute?

Damit will ich nicht mal auf so was wie uns hinaus, denn beide Lager der politisch Gefestigten machen nur einen kleinen Teil der Gesellschaft aus. Was ist mit Armin dem Bäcker, der feierabends gerne Fußball guckt und sich nur noch Billigbier dazu leisten kann, während quietschbunte Propaganda aus dem Bildschirm trieft? Was wird er tun, wenn er dann wieder mit staatlich verordnetem Thermometer im Arsch unter drei Decken in seiner zwangs-unbeheizten Bude hockt und beim Finale der Winter-WM in Katar beim entscheidenden Elfmeter der Blackout reinknallt? Und damit will ich nicht mal darauf hinaus, wann er sich die Mistgabel nimmt, zu Hunderttausenden auf die Straße zieht und Verhältnisse schafft. Wann zeigt er eine heimliche Geste des Ungehorsams gegen die Verantwortlichen an der Wahlurne? Was bräuchte es für dieses absolute Minimum?

Unter den derzeitigen Verhältnissen hat sich die AfD in den Umfragen immerhin wieder vom medial mit allen Mitteln befeuerten Publicity-Albtraum ihrer uneinheitlichen Position zum Ukrainekrieg erholt und dümpelt wieder gerade so in der Zweistelligkeit rum. Zu Zeiten, in denen manch einer im Supermarkt darüber nachdenken muss, ob er sich noch ein Brot leisten kann. Ich frage mich, ob es einen Tropfen geben wird, der dieses Fass recht plötzlich und unerwartet massenhaft zum Überlaufen bringt, und auf einmal steht die AfD bei 25 Prozent. Oder ob das große Hindernis ist, dass man all die Probleme zu indirekt auf unsere Herrscherkaste zurückführen kann, anders als bei marodierenden Migranten in der Innenstadt. Die es wiederum auch regelmäßig gibt, nur hat man sich scheinbar daran gewöhnt.

Eine andere Frage, die mir heute in den Kopf kam: Wo bleiben eigentlich Brot und Spiele? Wo bleibt die billige Bespaßung der Massen, oder soll der Fetischparty-Monat und Bauchtanzen gegen Rassismus wirklich genau das sein? Denn ich glaube nicht, dass die Armins dieser Welt dabei so sonderlich auf ihre Kosten kommen. Und es ist ja immer noch eine Welt genau dieser Armins, zumindest demografisch. Ihre Welt ist todgeweiht, aber noch hätten sie die zahlenmäßige Macht, daran etwas zu ändern. Was bräuchte es, um sie aus ihrer Trance zu holen und zu dieser kleinen Geste der Aufmüpfigkeit zu bringen? In Niedersachsen, wo demnächst gewählt wird, offenbar eine ganze Menge: Glaubt man den dortigen Umfragen, konnten sie sich seit 2017, wenn überhaupt, nur leicht verbessern. Der moralische Frame wiegt immer noch stärker als der Leidensdruck, oder man ist zu verwirrt, um dieses Leid mit seinen Erzeugern zu verknüpfen.

Wahrscheinlich wird das auch unsere wichtigste Aufgabe diesen Winter: Dem Normie genau diese Verknüpfung so leicht wie möglich zu machen. Wenn die Regierung selber jetzt schon den Gedanken flächendeckender Stromausfälle und gesetzlicher Heizverbote normalisiert, dann gehe ich erst mal davon aus: Genau das wird auch kommen. Wenn der Chef der größten Regierungspartei schon offen von „dramatischen Monaten“ spricht, die da, unter ihrer Regierung wohlgemerkt, auf uns zukommen werden, und der Obermufti von Bayern einen „eiskalten Winter“ verspricht, dann glaube ich nicht, dass sie das aus Spaß machen. Es wird also übel werden, und mit besagten planmäßig zeitgleich wieder hochgefahrenen Corona-Maßnahmen ergibt sich vielleicht ein interessanter Stimmungscocktail, auch bei den Armins. Es wird vor allem ein spannender Winter.

Shlomo Finkelstein

Shlomo Finkelstein wollte immer schon irgendwas mit Hass machen. Seit 2015 erstellt er als "Die vulgäre Analyse" Videos, und seit 2019 zusammen mit Idiotenwatch den Podcast "Honigwabe".

Belltower News schreibt über ihn: "Da er vorgibt, sein Hass sei rational begründet, sind besonders junge Menschen der Gefahr ausgesetzt, die Thesen für bare Münze zu nehmen und sich so zu radikalisieren."

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