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Der wahre Chad: Johann Sebastian Bach

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Es ist Sonntag. Und wie jeden Sonntag feiert die evangelische Gemeinde der “Neuen Kirche” im thüringischen Arnstadt auch an diesem kalten Februarmorgen des Jahres 1706 den Gottesdienst. Nichts Ungewöhnliches soweit, nur können die Gemeindemitglieder einem wichtigen Bestandteil des Gottesdienstes, den von der Orgel begleiten Gesang protestantischer Kirchenlieder, nicht wirklich ausführen.

Grund hierfür ist die Spielweise ihres Organisten: die nämlich ist nicht, wie man im ersten Moment denken könnte, zu schlecht, nein, im Gegenteil, sie ist eher zu… wild, zu stürmisch. Normalerweise ist es so, dass die Gemeinde genau eine Choralzeile singt, dann folgt ein kleines Zwischenspiel des Organisten, welches zur nächsten gesungenen Zeile überleitet – so geht das immer weiter, Zeile für Zeile, Strophe für Strophe.

Doch mit diesem Organisten ist das kaum möglich: Entweder sind die Zwischenspiele zu lang, oder zu kurz, man weiß gar nicht, wann man einzusetzen hat, und dann kommen diese schiefen, merkwürdigen Harmonien hinzu, die einem beim Singen mehr stören als helfen. Als wäre das nicht genug, hält sich dieser Kerl auch sonst nicht an die Regeln: So soll er sehr ruppig mit den Chormitgliedern umgehen, dann hat er es gewagt, mit einer „frembden Jungfer“ im Gottesdienst zu musizieren, und das schlimmste bis jetzt war die eigenmächtige Verlängerung seines vierwöchigen Urlaubs, den er letztes Jahr im November angetreten hatte, um weitere acht (!) Wochen; erst Ende Januar ist er wieder zurückgekehrt.

Für einen gerade mal 20-jährigen Burschen erlaubt sich dieser Organist viel zu viele Freiheiten und Dreistigkeiten, und nach knapp drei Jahren ist die Geduld der Arnstädter am Ende. Doch wer ist nun dieser aufmüpfige Jungspund? Und warum sollte das ausgerechnet einem Leser der Krautzone interessieren?

Sein Name ist Johann Sebastian Bach. 1685 in Eisenach geboren, hat er als Sprössling einer im Thüringer Raum weitverzweigten Musikerfamilie seinen späteren Beruf in Wiege gelegt bekommen. Sein Vater Johann Ambrosius, Stadtpfeifer in Eisenach sowie Hoftrompeter bei einem der vielen thüringischen Fürsten, sowie dessen Cousin Johann Christoph, der Organist in Eisenach war, müssen dem kleinen Johann Sebastian schon die ersten musikalischen Grundlagen beigebracht worden sein.

Als er mit zehn Jahren Vollwaise wurde, zog er zu seinem Bruder nach Ohrdruf, welcher seine Ausbildung weiter fortführte. Bach war muss ein fleißiger Schüler gewesen sein, sein Wissensdrang führte sogar dazu, dass er in der Nacht Noten entwendete, die ihm aufgrund des Schwierigkeitsgrades verwehrt wurden, und bei Vollmond mühsam abschrieb. Die Fürsorge jedenfalls, die sein großer Bruder ihm entgegenbrachte, sollte Bach nie vergessen, sodass er nach dem Tode des Bruders dessen minderjährigen Sohn eine Zeit lang bei sich aufnahm.

Mit 18 Jahren durfte er, nicht zuletzt dank des weit verzweigten Familiennetzwerkes, die neugebaute Orgel der „Neuen Kirche“ in Arnstadt testen. Der Arnstädter Rat war von seinem Orgelspiel so beeindruckt, dass sie ihm sogleich eine Stelle als Organisten offerierten – ein Angebot, das dieser junge Musiker nicht ausschlagen konnte. Die oben genannten Auseinandersetzungen mit der Gemeinde ließen jedoch nicht lange auf sich warten. Bachs an den Tag gelegte Sturheit und Eigensinnigkeit sind Charakterzüge, die er bis an sein Lebensende beibehalten wird, jedoch waren sie die treibende Kraft hinter seiner unermüdlichen Wissbegierde und Schaffensdrang.

Seinen Urlaub etwa nutzte er nicht zum Müßiggang, sondern um zu Fuß ins 400 km entfernte Lübeck zu marschieren und den dort lebenden Komponisten Dietrich Buxtehude kennenzulernen. Damit war in Bachs Augen auch die selbst autorisierte Verlängerung seines Urlaubs gerechtfertigt.

Immer wieder wird sich Bach mit seinen Vorgesetzen und Arbeitgebern anlegen. Als er im Jahre 1717 von Weimar nach Köthen ziehen will, weil er sich beim dortigen Fürsten bessere Arbeitsbedingungen und einen höheren Lohn verspricht. Sein bisheriger Dienstherr, Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar-Eisenach, sieht das als Verrat an und inhaftiert Bach, muss ihn aber nach vier Wochen wieder frei lassen – nicht zuletzt durch den Druck anderer deutscher Monarchen, insbesondere Bachs neuer Arbeitgeber Fürst Leopold von Anhalt-Köthen setzt sich für ihn ein.

Nachdem Bach 1723 in Leipzig zum neuen Thomaskantor gewählt wurde, folgten bald darauf wieder Auseinandersetzungen mit den dortigen Autoritäten. Dieses Mal ging es vor allem um Bachs Musik: Sie sei zu schwülstig, zu schwer, warf man ihm vor, sie treffe nicht mehr den Geschmack der Zeit, sie sei zu „opernhaftig“ und gehöre damit nicht in den Gottesdienst. Der Zwist führte sogar dazu, dass Bach für die Aufführung seiner Matthäuspassion (BWV 244), ein ca. drei Stunden dauerndes Meisterwerk und ein Höhepunkt europäischer Musik, nicht entlohnt wurde. Man sollte all diese Streitereien jedoch nicht als bloße, destruktive Rebellion oder gar als Widerstand gegen die Ordnung an sich ansehen: Jedes Mal, wenn Bach sich mit den Autoritäten anlegte, versuchte er, seine musikalischen Vorstellungen durchzusetzen, die selten den Vorstellungen seiner Vorgesetzten entsprachen.

Mit seinem Dienstherrn in Köthen z. B., Fürst Leopold, hatte er bis zu dessen Tod ein fast freundschaftliches Verhältnis. Generell legte Bach einen ungeheuren Fleiß an den Tag; als neuer Thomaskantor komponierte er mindestens in den ersten zwei Jahren zu jedem Sonntag eine neue Kantate, also ein geistliches Werk, in dem Themen und Texte aus der Bibel verarbeitet werden. Sogar großangelegte Projekte zu Weihnachten, Karfreitag und Ostern lässt er realisieren, ohne dass diese vom Großteil des Publikums, darunter vom Leipziger Rat, großartig wertgeschätzt werden. Sogar die „freie“ Zeit während seines Gefängnisaufenthalts in Weimar blieb nicht ungenutzt: Dort sollen die ersten Noten des ersten Teils des „Wohltemperierten Klavier“ niedergeschrieben worden sein.

Bis kurz vor seinem Tod 1750 komponierte fast ununterbrochen. Für die „Kunst der Fuge“ (BWV 1080), eines seiner komplexesten Werke, diktierte er, mittlerweile vollständig blind und schwer krank, seinen Söhnen und Schülern die aufzuschreibenden Noten. Er starb, bevor er es hatte vollenden können.

Im privaten Bereich bewies sich Bach als ernster, aber liebevoller Vater. Im Jahre 1706 ehelichte er seine Cousine zweiten Grades Maria Barbara Bach; der Liebesheirat folgten insgesamt sieben Kinder, von denen zwei, Wilhelm Friedemann (1710-1784) und Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788), später in die Fußstapfen des Vaters treten und europaweit berühmte Komponisten werden sollten. Gemeinsames Altern war dem Ehepaar jedoch nicht vergönnt: Maria Barbara starb plötzlich mit 35 Jahren in Köthen; ihr Mann erfuhr von ihrem Ableben erst nachdem er von einer Reise mit Fürst Leopold zurückkehrte. Bei seiner Ankunft war sie schon begraben. Es wird vermutet, dass er Bach seine Trauer in der „Chromatischen Fantasie und Fuge“ (BWV 903) verarbeitete.

Bach verliebte sich danach erneut, dieses Mal in die Sopranisten Anna Magdalena, die er 1721 heiratete und ihm dreizehn Kinder schenkte. Zwei dieser Kinder, Johann Christoph (1732-1795) und Johann Christian (1735-1782), wurden ebenfalls berühmte Musiker; Letzter hatte sogar großen Einfluss auf den jungen Wolfgang Amadeus Mozart. Doch auch Bachs zweite Ehe war mit Tragik überschattet: Insgesamt musste das Paar sieben Kinder begraben. Dies und die Streitereien mit den Leipziger Autoritäten führten bei Bach vermutlich zu einer Schaffenskrise. Für die überlebenden Kinder sorgte er sich hingabevoll; vor allem die vier kompositorisch begabten Söhne erhielten vom Vater eine intensive musikalische Ausbildung und diente ihnen auch nach seinem Tod stets als Vorbild.

Man sieht, Bach ist nicht nur ein genialer und inspir
ierender Komponist. Ohne Bach zu sehr verklären zu wollen, das hat man im 19. Jahrhundert schon genug getan, kann man, gerade aus einem libertär-reaktionären Blickwinkel gesehen, seine Rolle als Familienvater und Ehemann sowie seine gewissenhafte Pflichterfüllung zum Vorbild nehmen. Mit einer gesunden Mischung aus Strenge und Fürsorge zog Bach zehn Kinder heran, von denen vier in sein musikalisches Erbe antraten.

Ohne seine eigene Familie hätte er in jungen Jahren nie die Ausbildung gehabt, die ihn zu jenem Meister hat werden lassen. Ebenfalls ist sein Eifer zur Pflichterfüllung einerseits und zur steten Weiterbildung anderseits beispielhaft. Insbesondere in seinen reiferen Jahren arbeite Bach mehr als seine Pflicht es verlangte und tat dies trotz der Geringschätzung seitens seiner Vorgesetzten. Gleichzeitig strebte er immer danach, seine Fähigkeiten auszubauen und zu verbessern und war dabei stets offen, sich neue Dinge anzueignen. Ebenfalls versäumte er es nicht, sich gegen Autoritäten aufzulehnen, von welchen er sich ungerecht behandelt fühlt, ohne dabei das Konzept der Hierarchie an sich anzugreifen. Jene Mischung aus unerschöpflichen Pflichterfüllungseifer, sprichwörtlichen „Mannesmut vor Fürstenthronen“ sowie väterlicher und ehelicher Fürsorglichkeit ist es, die ein jeder Libertärer und Reaktionärer zum anzustrebenden Ideal erheben sollte.

6 Comments

  1. Schließe mich an, aber : "chad"? Bitte doch nicht das sexbesessene Vokabular auf diesen frommen Mann anwenden! Ich hätte doch mein Leben, meine Existenz voller Gemütskrankheiten, Buckel und allgemeiner Häßlichkeit nicht gewählt, wäre ich gefragt worden. Wie Kierkegaard wünsche ich mir nie geboren worden zu sein. Umso passender, daß wir durch diesen abstoßenden Akt in die Welt geschneuzt werden, dann auch noch durch die Ausscheidungsorgane; daß es im Grunde Thema Nr. 1 ist, ergibt dann Sinn, wenn man glaubt, daß unsere Geschlechtlichkeit folge des Sündenfalls ist, da sonst niemand arme Schweine in diese Welt betröge, es sei denn durch Ausschalten der ratio. Denn das Blut fließt hier vom Hirn wohin die Sonne nicht scheint (scheinen sollte), unser Ursprung damit irrational, ja plump und roh. Oder, wie Andy Nowicki in "Considering Suicide" schreibt: ein Schlag ins Gesicht (slap in the face), der uns zu denken geben sollte (should give us pause). Er hat selbst zwei Kinder, so wie ja auch Gómez Dávila drei hatte und trotzdem die Sexualität als Strafe sah. Nowicki hat seine brillante Anti-Sex-Philosophie, die ich so nur von Schopenhauer kannte, in "Confessions of a Would-Be Wanker" und den "Notes Before Death" vertieft.

    Da wohl leider nie jeder Mann Mönch, jede Frau Nonne wird, muß man wenigstens auf Sir Francis Galton hören und die Eugenik durchsetzen, damit gemütskranker Gen-Ramsch wie ich vom Leben verschont bleibt. Denn ich haße es und bin froh, wenn ich tot bin.

  2. Schließe mich an, aber : "chad"? Bitte doch nicht das sexbesessene Vokabular auf diesen frommen Mann anwenden! Ich hätte doch mein Leben, meine Existenz voller Gemütskrankheiten, Buckel und allgemeiner Häßlichkeit nicht gewählt, wäre ich gefragt worden. Wie Kierkegaard wünsche ich mir nie geboren worden zu sein. Umso passender, daß wir durch diesen abstoßenden Akt in die Welt geschneuzt werden, dann auch noch durch die Ausscheidungsorgane; daß es im Grunde Thema Nr. 1 ist, ergibt dann Sinn, wenn man glaubt, daß unsere Geschlechtlichkeit folge des Sündenfalls ist, da sonst niemand arme Schweine in diese Welt betröge, es sei denn durch Ausschalten der ratio. Denn das Blut fließt hier vom Hirn wohin die Sonne nicht scheint (scheinen sollte), unser Ursprung damit irrational, ja plump und roh. Oder, wie Andy Nowicki in "Considering Suicide" schreibt: ein Schlag ins Gesicht (slap in the face), der uns zu denken geben sollte (should give us pause). Er hat selbst zwei Kinder, so wie ja auch Gómez Dávila drei hatte und trotzdem die Sexualität als Strafe sah. Nowicki hat seine brillante Anti-Sex-Philosophie, die ich so nur von Schopenhauer kannte, in "Confessions of a Would-Be Wanker" und den "Notes Before Death" vertieft.

    Da wohl leider nie jeder Mann Mönch, jede Frau Nonne wird, muß man wenigstens auf Sir Francis Galton hören und die Eugenik durchsetzen, damit gemütskranker Gen-Ramsch wie ich vom Leben verschont bleibt. Denn ich haße es und bin froh, wenn ich tot bin.

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