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Einheitsbrei

27. April 2020

„Wollt ihr zugleich den Kindern der Welt und den Frommen gefallen? Malet die Wollust – nur malet den Teufel dazu.“
Friedrich Schiller: Der Kunstgriff

Kunst ist Kommunikation. Kunst setzt ein Verständnis von Welt voraus beim Künstler und beim Betrachter, dieses Weltverständnis und dessen Wertgebung müssen nicht deckungsgleich sein. Jeder Mensch bewertet die Welt, in der er lebt, unterschiedlich. Ein Künstler vergegenständlicht sein geistges Wahrnehmen und seine Wertgebung in seinem Werk. Der Betrachter ist nun aufgefordert sein In-der-Welt-Sein, seine eigenen Urteile über sich und die Werte, die er der Gesellschaft, in der er lebt, beimisst, in ein Verhältnis zu den durch das Kunstwerk dargestellten Werten zu setzen. Kunst fordert heute die Einsicht des Künstlers und des Betrachters in die Erkenntnis, dass sich keiner von beiden völlig vom Kunstwerk objektivieren kann. DAS ist der Wert der Modernen Kunst. Solange es einem Künstler gelingt, seine Individualität dem Betrachter zugänglich zu machen, indem er eine objektive Basis schafft, auf der sich beide wiederfinden, darf Kunst als Kunst gelten. Denn dann gelingt ihr etwas, was die Wissenschaft alleine nicht kann: Ideologien in Frage zu stellen und vielleicht neu zu bewerten. Und vielleicht wird Wissenschaft dann eine Dienerin der Kunst im Namen der Menschlichkeit.

Heute stellt sich die Sachlage anders da. Kunst und Künstler sind Dienende. Wer nicht kreativ ist im Sinne vorgegebener Meinungen, wird keine Förderung erhalten. Damit meine ich nicht nur finanzielle Unterstützung durch Stiftungen oder staatliche Institutionen. Auch Kritiker, die ja nicht selten über den weiteren Lebensweg eines Kunstschaffenden entscheiden, indem sie sein Werk in renommierten Plattformen bewerten, verreißen bestenfalls alles nicht Angepasste, schlimmstenfalls schweigen sie es tot. Und was die menschliche Stimme nicht vermag, erledigen Algorithmen medialer Plattformen, auf die sich manch Künstler flüchtet in der verzweifelten Hoffnung, über ein eigenes Konto in der digitalen Welt eine bescheidene Reichweite zu erlangen. Aber nein, die Flügel werden auch hier rechtzeitig gestutzt.

So verkommt langsam aber sicher die gesamte Kunstwelt zum Einheitsbrei. Digital Art degeneriert zu hüpfenden Pokemon-Klumpen mit Kulleraugen. Dem diese „Kunst“ Antizipierenden wird manchmal vorgegaukelt, er sei in die Gestaltung eingebunden, indem er durch einen Klick die Hautfarbe des Protagonisten ändern könne. Aber das, wir ahnen es, ist die perfekte Täuschung am Konsumenten. Am Ende gewinnt der, der gewinnen soll – entweder der Kreative, der viel Geld verdient hat, oder die Meinungsmacher, die es geschafft haben, uns als denjenigen, für die das Kunstwerk geschaffen wurde, den letzten Rest an kritischem Geist zu rauben. Wir wurden eingelullt in den Wattebausch der Oberflächlichkeiten, und wir haben brav dafür bezahlt.

Ja, wir wurden degradiert zu Konsumenten. Wir haben uns degradieren lassen. Und so am Ende auch die Kunstschaffenden. Denn während sie sich zu Dienern der dilettantischen Steuereinnehmer deklassieren ließen, trugen sie damit zugleich eines der wertvollsten Güter menschlicher Wesen zu Grabe: Das wahre Kunstwerk, dessen einziger Zweck darin besteht, die Geisteskraft eines Genies zum dialogischen Duett mit einem selbstständig denkenden Individuum zu erheben. Die wahre Schönheit der Kunst sollte immer eine Saite in uns zum Klingen bringen, die wir bis dahin nicht kannten und die unser inneres Orchester erweitert und erhebt in neue Dimensionen. „Aha“, sollten wir sagen, „so kann man das also auch sehen“. Und wir sollten weiter schreiten auf unserem Pfad, erfüllt von neuen Gedanken und Fragen. Nein, wahre Kunst ist kein Befriedigen von Erwartungen, sie ist kein Frühling, der uns jedes Jahr beglückt, weil er unsere Hoffnungen erfüllt. Ja, wir brauchen Verlässlichkeiten und Stabilität, und auch wenn die Zugvögel zum ersten mal auf unseren Fensterbrettern sitzen und mit ihrem Gesang eine Rückversicherung für die ewige Wiederkehr des Gleichen sind, die Aufgabe der Kunst ist eine andere.

Viele von uns sitzen derzeit zu Hause und haben mehr Zeit als gewöhnlich, sich mit Gleichschaltung und Einheitsbrei den Geist zu benebeln. Vielleicht hat es der eine oder andere bald satt und entdeckt die eigene Kreativität. Denn sind wir doch mal ehrlich: Eigentlich haben wir doch überhaupt keine Lust darauf, immer wieder den gleichen Mist vorgesetzt zu bekommen. Von den wirklich genialen Werken der Menschheit hingegen können wir nie genug bekommen, Teufel nochmal.

Johanna Blum

„In der Provinz beginnt‘s“, dachte sich Johanna Blum und zog aus einer deutschen Großstadt nach Irland in ein altes Bauernhaus auf dem Land. Von dort versorgt sie die Krautzone mit Berichten von der Westfront Europas und frönt ihrer Leidenschaft für Bücher und dem Anhäufen gebrauchter Gegenstände, denn man kann ja nie wissen, ob nicht doch eines Tages alles gut wird und der Kaffee wieder handgefiltert werden muss.


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