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Odinismus: Eine neue, alte Religion

31. Januar 2021

Der nachfolgende Text ist ein Abschnitt aus meinem in 2021 erscheinenden Buch Odin, Nietzsche und der Pfad zur linken Hand.

Odin ist unser archetypisches Vorbild. Vorbilder und Ideale geben im Leben Orientierung, Ermutigung und Inspiration. Glücklich kann sich schätzen, wer lebende Vorbilder in seinem persönlichen Umfeld hat. Doch jedes lebende Vorbild aus Fleisch und Blut hat seine Grenzen und seine Fehler. Odin hingegen nicht – er ist unser metaphysisches Über-Vorbild, das ultimative Ideal, das wir nie erreichen, aber nachdem wir immer streben können. Das macht uns zu Odinisten.

Beachte, dass das nichts mit „anbeten“ zu tun hat und auf einem fundamental anderen Gottes-Konzept als allgemein üblich beruht. Die meisten Menschen denken bei dem Begriff „Gott“ an eine Entität außerhalb des Selbst, die „angebetet“ wird.

Kein Gebet

Das ist nicht was wir hier machen. Wir beten Odin nicht an, wir betrachten Odin als inspirierendes Vorbild und eifern ihm nach. Das ist ein gänzlich anderes Unterfangen als ihn anzubeten. Einen Gott anzubeten bedeutet sich ihm zu unterwerfen. Wir unterwerfen uns niemandem, nicht mal dem Allvater.

Das mag insbesondere aus abrahamitischer Perspektive vermessen klingen – und an dieser Stelle ist es sinnvoll, einige grundlegende Unterschiede zwischen den großen monotheistischen Religionen und heidnischen Glaubensvorstellungen aufzuzeigen. Dazu zunächst einige Begriffserklärungen:

Was meine ich mit „abrahamitischer Perspektive“? Sowohl das Christen- und Judentum als auch der Islam beziehen sich in ihren Texten auf Abraham als Stammvater – daher spricht man von den „abrahamitischen Weltreligionen“. Die abrahamitische Perspektive ist also die gemeinsame Perspektive von Christen, Juden und Moslems.

Der Ursprung

Natürlich sind sich diese drei Religionen in zahllosen Dingen uneins und im Widerspruch zueinander – doch in manchen Dingen haben sie, ihrem gemeinsamen Stammvater Abraham entsprechend, gleiche Vorstellungen.

So sind sich Christentum, Judentum und Islam unter anderem darin einig, dass „Gott“ überweltlich ist. In dieser Vorstellung hat Gott die Welt von außen erschaffen und ist nicht Teil von ihr. Er steht über den Dingen. Er ist nicht Teil der Welt, sondern er ist metaphysisch und überirdisch, hat also keinen Körper, der auf der Welt umher wandelt und selbst Dinge tut und erlebt.

Das machen nur seine Propheten, aber nicht er selbst. Der abrahamitische Gott hat also Erfüllungsgehilfen, die auf der Welt sein Wort verkünden, aber er selbst redet nicht mit jedem. Er spricht nur mit Auserwählten.

Selbst sein Name soll möglichst ungenannt bleiben – er ist einfach „Gott“. Ein Name wäre ja auch etwas zu menschlich für jemanden, der „Himmel und Erde schuf“ (Genesis 1,1). Allmacht hat einfach keinen Namen nötig.

“Ich bin Gott”

An anderer Stelle scheint er sich jedoch dessen selbst nicht ganz sicher zu sein und stellt sich vor:

„Ich bin JHWH, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt habe. Du sollst keine andern Götter haben neben mir.“

(Exodus 20,2–3)

Es stellt sich die Frage, warum ein allmächtiger Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat, sich Gedanken um andere Götter neben ihm macht. Wozu den Alleingültigkeitsanspruch verkünden, wenn man doch sowieso der einzige Gott ist? Warum sich Konkurrenz verbitten, wenn es keine Konkurrenz gibt? Das weiß wohl nur JHWH allein.

Jedenfalls bleibt JHWH den ihn anrufenden Menschen gegenüber meistens unnahbar. So erhält Jakob auf die Frage nach Gottes Namen die Antwort:

„Warum fragst du nach meinem Namen?“

(Genesis 32,30)

JHWE segnet Jakob dann einfach schnell an Ort und Stelle, um weitere Nachfragen zu unterbinden. Größtenteils taucht JHWH im Bibelkanon folglich auch nur noch als „Herr“ auf, das wirkt einfach mächtiger als ein Eigenname.

Der Gott mit den vielen Namen

Ganz anders Odin. Odin hat viele Namen. Wotan, Wodan, Godan, Wodanaz, Grímnir, Bölverkr, Fjölnir, Göndlir, Hár, Herjann, Hnikarr, Ófnir, Sanngetall, Vakr, Yggr oder Yggir und viele mehr. Odin ist der höchste Gott der Asen – der Götterkönig – und wird auch Allvater genannt.

Doch anders als der abrahamtische Gott ist er Teil der Welt. Odin ist gleichzeitig Schöpfer mehrerer Welten und weltlicher Akteur. Er ist gleichzeitig Schöpfergott als auch in der Schöpfung lebendes Wesen aus Fleisch und Blut. Odin hat Vorfahren und wird geboren. Seine Eltern sind Borr und Bestla. Er hat einen Körper und lebt und stirbt in der Welt.

Odin ist gleichzeitig Schöpfer und Geschöpf – und damit ziemlich menschlich, wie Nietzsche uns aufzeigt:

Im Menschen sind Geschöpf und Schöpfer vereint: im Menschen ist Stoff, Bruchstück, Überfluss, Lehm, Kot, Unsinn, Chaos; aber im Menschen ist auch Schöpfer, Bildner, Härte des Hammers, Göttlichkeit und der siebte Tag. 

Der feine Unterschied

Wir sehen also schnell fundamentale Unterschiede zwischen der abrahamitischen und der germanischen Gotteskonzeption. Auf der einen Seite haben wir einen Gott, der namentlich ungenannt bleiben möchte, keinen Körper hat und über den Dingen steht, zwar Himmel und Erde erschaffen hat, sich aber trotzdem Gedanken um andere Götter neben ihm macht und gleich zu Beginn seiner Geschichte Alleingültigkeit beansprucht.

Und auf der anderen Seite haben wir Odin, Allvater aus Fleisch und Blut, zugleich Schöpfer und Geschöpf, mit zahllosen Namen und vielen dunklen Geheimnissen. Anders gesagt: Der abrahamitische Gott ist transzendent, Odin und die anderen heidnischen Götter sind immanent.

Was bedeutet das? Andreas Mang schreibt in seinem Buch Aufgeklärtes Heidentum:

„Transzendent bedeutet ‚die Welt übersteigend‘, ‚jenseitig‘ und ‚übernatürlich‘, auf jeden Fall etwas, das durch empirische Erfahrungen nicht vollständig ermittelbar ist. Ein transzendenter Gott ist nicht Teil dieses Kosmos, er ist ewig und außerhalb desselben beheimatet, was jedoch nicht heißt, dass er nicht in die Welt eingreifen könnte.

Ein immanenter Gott dagegen ist Teil des Kosmos, oft zwar als unsterblich angenommen, was allerdings wenig mit dem Begriff der Ewigkeit zu tun hat, häufig aber durchaus als sterblich angesehen wie in den germanischen Mythen. Dies hängt direkt mit der Unterscheidung der Schöpfungs- und Weltwerdungsmythen zusammen.

Transzendente Götter sind Schöpfungsgötter oder können solche sein, immanente treten erst nach dem Werden des Kosmos auf und regeln dann dessen Entwicklung beziehungsweise bringen Ordnung in dessen chaotische Zustände.“

(Aufgeklärtes Heidentum, 2. Auflage, Seite 49)

Ordnung

Odin, als immanenter Gott, ist also erst nach dem Werden des Kosmos aufgetreten und regelt dann dessen Entwicklung und bringt Ordnung ins Chaos. Das bedeutet, dass Odin in eine bestehende Welt geboren wird, dort Chaos vorfindet – und aus diesem Chaos Ordnung erschafft.

Und zwar eine göttliche Ordnung, schließlich ist er Odin, Gött
erkönig und Allvater. Halten wir also fest, dass Odin aus Chaos Ordnung schafft – eine Tätigkeit, die auch uns allen im Alltag gut ansteht. Hier haben wir einen zentralen Aspekt der hellen Seite Odins. Ordnung schaffen klingt gut, sowie auch auch Schöpfergott, Allvater und Götterkönig gut klingen. Wir stoßen mit diesen Begriffen auf Odins kreative, produktive, helle Seite.

Odin, der Übelstifter?

Gleichzeitig hat Odin jedoch auch eine dunkle Seite, was sich gut an seinen vielen verschiedenen Namen erkennen lässt. Einige haben Bedeutungen, die gar nicht gut klingen: Bölverkr steht für „der Übelstifter“, Ófnir bedeutet so viel wie „der Aufhetzer“ und Yggr oder Yggir ist „der Schreckliche“.

Das Thema Bipolarität wird uns im Laufe des Buches noch öfter begegnen, u.a. im nächsten Kapitel bei Nietzsches apollinisch-dionysischem Konzept und im Modell des Selbst im 5. Kapitel. Schauen wir uns zunächst jedoch Odin genauer an. Was wissen wir bisher?

Er ist ein immanenter Gott mit einer dunklen und einer hellen Seite. Seine helle Seite korrespondiert mit Ordnung und Schöpfung – doch was hat es mit seiner dunklen Seite auf sich? Was hat dem Allvater, dem höchsten Gott des germanischen Pantheons, solch nette Beinamen wie ‚der Übelstifter‘, ‚der Aufhetzer‘ und ‚der Schreckliche‘ eingebracht?

Max Reinhardt

Max Reinhardt arbeitet in Hyperborea an einem geheimen Forschungsprojekt zur Entwicklung einer Zeitmaschine, um die Geburt von Karl Marx, Karl Lauterbach und weiterer Sozialisten zu verhindern. Nebenbei schreibt und trainiert er und ruft entgegen behördlichen Anordnungen zu gemeinschaftlichen Wanderungen auf.


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