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Fortschreiten statt Fortschritt: Das Momentane-Jahr-Argument

9. August 2022
in 3 min lesen

Sexistische Lieder auf dem Volksfest? Alte weiรŸe Mรคnner, die รผber etwas entscheiden? Nicht gegenderte Texte und keine sexuelle Diversitรคt in Kinderbรผchern? Gehtโ€˜s noch? Immerhin haben wir 2022!?! รœber Argumente dieser Art stolpert man spรคtestens nach ein paar Minuten im Gesprรคch mit linken Fortschrittsphilistern. Aber warum ist das โ€žCurrent-year-Argumentโ€œ gerade bei dieser Art Mensch derartig beliebt? Die Antwort ist relativ einfach.

Die philosophische Idee des andauernden Fortschritts der Kulturen, Nationen und schlieรŸlich der Menschheit selbst stammt aus der Feder des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der in seinen โ€žVorlesungen รผber die Philosophie der Weltgeschichteโ€œ verkรผndete:

โ€žDie Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit.โ€œ

Dieses Denken gewann seit Hegel immer mehr an Beliebtheit. Durch naturwissenschaftliche Forschung und technische Erfindungen verbesserte sich die Lebensqualitรคt seit dem 19. Jahrhundert enorm. Der Gedanke eines gesamtgesellschaftlichen Fortschritts, der die Menschheit miteinander verbinden wird, schien nahezuliegen.

SchlieรŸlich รผbernahm ein anderer Philosoph den Fortschrittsgedanken von Hegel. Karl Marx definierte als Ziel der Weltgeschichte allerdings nicht das Bewusstsein der Freiheit, sondern die kommunistische und damit klassenlose Gesellschaft. Dadurch, dass nun jede Verรคnderung hin zum Kommunismus als fortschrittlich galt, konnte jedes Denken, das diesem nicht entsprach, als โ€žewiggestrigโ€œ, โ€žunmodernโ€œ, โ€žkonservativโ€œ oder vor allem โ€žreaktionรคrโ€œ bezeichnet werden. Obwohl einige dieser Begriffe heute von den Gegnern des Sozialismus wieder positiv besetzt werden, werden sie in vielen Kreisen immer noch als Schimpfwort benutzt. Den Linken gelang es durch diesen Trick, den Diskurs รผber den Fortschritt vรถllig zu vereinnahmen und jedes unsozialistische Denken als rรผckschrittlich darzustellen.

Der offene Kommunismus selbst wird in Europa heutzutage nur noch von den wenigsten angestrebt. Die neuen Linken (oder auch Linksliberalen) wollen nicht mehr nur die klassenlose Gesellschaft, sondern auch die (rassisch und religiรถs) diverse, โ€žbunteโ€œ, LGBTQI+-Wohlfรผhlgesellschaft, die immer noch โ€ždemokratischerโ€œ wird, je weniger homogen sie ist. Dementsprechend sind die neuen Reaktionรคre nun diejenigen, die an ein wenig Homogenitรคt festhalten wollen โ€“ sei es auch nur im kollektiven Anerkennen des Grundgesetzes.

Auch wenn sie inzwischen andere Ziele haben, sind es immer noch die Linken, welche den Begriff des โ€žFortschrittsโ€œ definieren und bestimmen, wer zum Fortschritt dazugehรถrt. Wer nicht Teil des Fortschritts ist, wird also mit dem โ€žCurrent-year-Argumentโ€œ konfrontiert. Orbรกn will keine homosexuellen Paare in Schulbรผchern? Rรคusper… Es ist 2022! Die Barbie ist weiรŸ, blond und lรคsst sich mit Kรผchenutensilien kaufen? Hallo?!? Wir leben im 21. Jahrhundert! Du willst keine Massenmigration? In welchem Jahr lebst du?

Wird man mit dem โ€žMomentanen-Jahr-Argumentโ€œ konfrontiert, kann man auf zwei unterschiedliche Arten reagieren. Denjenigen, die an keiner ausfรผhrlichen Antwort interessiert sind, kann man entgegenwerfen, dass โ€žFortschrittโ€œ ein sehr dehnbarer Begriff ist. Fรผr die Grรผnen bedeutet Fortschritt, im deindustrialisierten, diversen Deutschland nach einer Fahrt mit dem Lastenrad kalt zu duschen โ€“ fรผr die Taliban ist der Weg zum islamischen Gottesstaat fortschrittlich: โ€žWas, deine Frau lรคuft immer noch ohne Burka durch die Gegend? In welchem Jahr lebt sie โ€“ etwa 2021?โ€œ

Die kompliziertere Antwort wรคre, dass man Fortschritt und Entwicklung nicht miteinander verwechseln darf. Mit Sicherheit entwickeln wir uns weiter, nur eben ist die Richtung das, was politisch von Interesse ist. Da das Argument des Fortschritts in der Weltgeschichte, selbst nach Hegels Definition, nur schwer zu halten ist, sollte man sich lieber die Entwicklungen der einzelnen Teile der Welt ansehen. Schnell wird man dann feststellen, dass die Demografie der รคrmeren Teile der Welt, Energie-, Wassermangel und Klimawandel ein doch eher dรผsteres Bild der zukรผnftigen โ€žWeltgeschichteโ€œ zeichnen, als von den Fortschrittsglรคubigen angenommen. Uns Westeuropรคer wird zudem noch die Massenmigration und die Zerstรถrung kultureller Eigenheiten (aus naheliegenden Grรผnden auch โ€žKulturmarxismusโ€œ genannt) beschรคftigen.

Hat man den Begriff โ€žFortschrittโ€œ erst einmal durch den Begriff der Entwicklung ersetzt, lassen sich die Bestrebungen derjenigen, die momentan die Herrschaft รผber die Definitionen der Begriffe besitzen, einordnen. Man muss anschlieรŸend nicht Spenglers โ€žUntergang des Abendlandesโ€œ gelesen haben, um festzustellen, dass Kulturpessimismus eher angebracht ist als jeglicher Fortschrittsoptimismus. Als Konservativer kรถnnte man sogar behaupten, die derzeitige Entwicklung Westeuropas widerlege einen jeglichen โ€žFortschrittโ€œ im Sinne einer Verรคnderung zum Besseren.

Fรผr mich wรคre es jedenfalls eine positive Entwicklung der Gesprรคchskultur, von jeglichen Argumenten ร  la โ€žmomentanes Jahrโ€œ Abstand zu nehmen (also fortzuschreiten). Andernfalls rate ich dazu, denjenigen โ€žFortschrittโ€œ definieren zu lassen, der dieses schwachsinnige Scheinargument im Jahr 2022 immer noch benutzt โ€“ die Antwort darauf ist in den meisten Fรคllen entlarvend.

ABOS

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