Seit beinahe sechs Monaten tobt der Krieg in der Ukraine und anders als zunรคchst erwartet, ist ein Ende nicht in Sicht. Die Front hat sich regelrecht festgefressen. Stellungssysteme und Artilleriebeschuss erinnern an den Ersten Weltkrieg, der Einsatz von Drohnen und die Propagandaschlacht in den sozialen Netzwerken zeigt hingegen, dass wir Mitten im „Modern Warfare“ sind. Kampfjets und Informationsรผbertragung sind so rasant wie nie zuvor, dennoch wirkt der Konflikt merkwรผrdig statisch und langatmig.
Andererseits: Was spricht eigentlich gegen einen langen, ressoucenintensiven Stellungskrieg im 21. Jahrhundert? Natรผrlich, das demographische Potenzial der Kriegsteilnehmer sieht nicht rosig aus (siehe dazu unsere 26. Ausgabe), aber etwaige Lรถcher stopft im Falle der Ukraine die Generalmobilmachung, auรerdem setzen beide Lรคnder in nicht unerheblichem Maรe Sรถldner bzw. auslรคndische Freiwillige ein.
Neben der Ressource Mensch bestimmt die Verfรผgbarkeit von Kriegsmaterial รผber die Weiterfรผhrung des Krieges. Aus Sowjetzeiten haben sich gigantische Bestรคnde von Rรผstungsmaterial erhalten, auf die allerdings hauptsรคchlich Russland Zugriff hat. Allein vom Kampfpanzer T-72 wurden zu Sowjetzeiten rund 17.000 Stรผck produziert, weitere 9.000 weitere Fahrzeuge entstanden nach dem Untergang des Ostblocks. Die russischen Streitkrรคfte verloren im Krieg bisher schรคtzungsweise etwa 450 T-72 verschiedenster Versionen, aber mit zigtausenden eingelagerten Panzern dieses Typs kรถnnen die Verluste – theoretisch! – ausgeglichen werden. Bei der Ukraine sieht es รคhnlich aus: Deren wichtigster Kampfpanzer ist der modernisierte T-64 und auch hier waren die Verluste bisher hoch: Etwa 150 Panzer dieses Typs verloren die Verteidiger. Lรผcken werden durch auslรคndische Rรผstungslieferungen gestopft: Allein 270 T-72 aus tschechischen und polnischen Bestรคnden erhielt die Ukraine bisher, um ihren Widerstand fortzusetzen.
Das ist nur ein Ausschnitt, wenn auch ein vielsagender. Denn hier zeigt sich, dass der Brennstoff, mit dem der Krieg heiร gehalten wird, noch lange nicht zur Neige geht. Wenn in unmittelbarer Zukunft keine der Kriegsparteien aus Erschรถpfung zusammenbrechen wird, dann ist ein vorzeitiges Ende des Konflikts nur unter der Bedingung mรถglich, dass das politische Regime der einen oder anderen Seite ausgetauscht wird. Diese Hoffnung schwang in westlichen Pressemeldungen zumindest in den ersten Kriegsmonaten deutlich mit: Der Krieg wรคre in Russland unbeliebt und Friedensaktivisten wรผrden auf offener Straรe verhaftet. Der Sanktionsdruck wรคre so groร, dass die Russen ihren Diktator – mutmaรlich totkrank und wahnsinnig – aus dem Amt jagen. Nichts davon hat sich bisher bewahrheitet. Ganz im Gegenteil: Es gibt gute Grรผnde zur Annahme, dass gerade der externe Druck die Verhรคltnisse in Russland stabilisert. Das Andenken an den „Groรen Vaterlรคndischen Krieg“ und seine horrenden Opfer lรคsst sich zur Schablone fรผr den aktuellen Konflikt transformieren, frei nach dem Motto: „Wir haben das damals gepackt, wir packen das auch jetzt!“
Dass das ukrainische Regime wiederum als Verteidiger den Heimvorteil bei der Etablierung eines stabilisierenden Narrativs besitzt, muss hier nicht weiter erรถrtert werden. Zur Rรผckeroberung der verlorenen Gebiete existiert keine Alternative. Sieg oder Tod.
Was bedeutet das fรผr ein mรถgliches Ende des Konflikts? Beide Seiten sind der Logik ihrer jeweiligen Erzรคhlung unterworfen und damit gezwungen, die Sache zu Ende zu bringen. Eine der beiden Seiten verfรผgt รผber ein nukleares Waffenarsenal. Was genau hรคlt also das russische Regime davon ab, irgendeinen dรผnnbesiedelten Punkt tief im Westen der Ukraine auszuradieren? Der Anlass: Zum Beispiel ukainische Angriffe auf die Krim oder russisches Staatsgebiet.
Unsere Grafik zeigt die theoretische Wirkung eines taktischen Nuklearschlags auf das Kiewer Stadtgebiet – nicht, weil wir einen atomaren Angriff auf die ukrainische Hauptstadt erwarten, sondern weil sich anhand der Dimensionen zeigen lรคsst, dass ein mittelschwerer taktischer Nuklearschlag (50 kT) im Vergleich zur Ausdehnung moderner Millionenmetropolen nicht so umfassend ist, wie man erwarten kรถnnte. Nein, wir verharmlosen damit nicht die Zerstรถrung einer Stadt und ja, fรผr eine Stadt wie Kiew wรคre ein solcher Angriff das sichere Ende. Aber in den dรผnnbesiedelten Regionen im Westen des Landes hรคtte ein angenommener Zerstรถrungsradius von etwa vier Kilometern relativ wenig Wirkung. Und gerade das macht taktische Atomwaffen so gefรคhrlich: Wer immer sie einsetzt, glaubt, ihre Wirkung kalkulieren zu kรถnnen. Ein solcher Einsatz ist nicht unwahrscheinlich, ganz im Gegenteil. Mit jedem verstreichenden Tag steigt die Gefahr. Denn wie sollte der Westen auf einen solchen Schlag reagieren? Das Sanktionsmittel sind ausgeschรถpft, die Superlative verschossen.
An dieser Stelle soll auf ein kurzes Interview mit Prof. Dr. Erich Weede aufmerksam gemacht werden. Weede hรคlt einen begrenzten Nuklearschlag mit der Dauer des Krieges fรผr immer wahrscheinlicher, begrรผndet einen solchen Einsatz aber mit dem steigenden militรคrischen und politischen Druck auf Russland, den der Westen mit seinen Waffenlieferungen erzeugt.
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