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Die Revolution frisst ihre Rowlings und Meys

4. Oktober 2022
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Von Revolutionen ist seit jeher bekannt, dass sie ihre eigenen Kinder fressen. Auch in einer Zeit, in der Revolutionen nicht mehr blutig verlaufen mรผssen, bedeutet das: Die Revoluzzer werden selbst zu VerstoรŸenen von der Bewegung, die sie selbst angezettelt haben. Je mehr Kinder gefressen werden, desto extremistischer, spartenhafter und absurder wird eine politische Bewegung. Der reflektierte Mensch, insofern er von der Revolution nicht physisch bedroht wird, distanziert sich folglich immer mehr davon. Dass die Revolution ihre Kinder frisst, erfรผllt ihn schlieรŸlich mit einem gewissen MaรŸ an Genugtuung. Eine Blรผte dieses Umstands verkรถrpert die Autorin der โ€žHarry Potterโ€œ-Romane, J.K. Rowling.

Bis vor ein paar Jahren fรผtterte die begeisterte Diversitรคtsvollzieherin noch die Revolution und verkรผndete auf Twitter, dass der Zauberer Dumbledore jetzt ja wohl doch schwul sei und eine der Hauptfiguren, Hermine, niemals als โ€žweiรŸโ€œ beschrieben worden sei. Schnell machten sich AuรŸenstehende darรผber lustig, dass Schwulsein nichts Angeborenes sei, sondern eine Entscheidung, die J.K. Rowling fรผr einen trifft.

Genutzt hat das alles nichts: Linke beschweren sich, dass die โ€žHarry Potterโ€œ-Bรผcher und -Filme nicht divers genug seien und zu viele Klischees bedienten, wie zahlreiche Artikel, darunter einer von โ€žBuzzFeedโ€œ von letzter Woche, beweisen. Die รœberschrift des Artikels vom 27.09.2022:

โ€ž7 Hinweise darauf, dass die โ€šHarry Potterโ€˜-Filme leider alles andere als divers sindโ€œ.

Der erste Hinweis ist selbstverstรคndlich der โ€žbesonders weiรŸe Castโ€œ.

Dass J.K. Rowling trotz ihres Anbiederns vom linken Zeitgeist inzwischen gehasst wird, liegt allerdings nicht am weiรŸen Cast oder dem fehlenden Engagement fรผr โ€žPeople of colorโ€œ in ihren Bรผchern, sondern an ihrer Haltung, dass Transfrauen keine Frauen sind. Die โ€žTERFโ€œ (Trans-Exclusionary Radical Feminist / transexkludierende Radikalfeministin) stellte fest, dass man โ€žmenstruierende Menschenโ€œ frรผher einmal โ€žFrauenโ€œ nannte. AuรŸerdem kritisierte sie das schottische Pendant zum deutschen Selbstbestimmungsgesetz, nach dem biologische Mรคnner โ€“ selbst Vergewaltiger โ€“ nach einem Sprechakt in ein Frauengefรคngnis dรผrfen.

Ihre linksliberalen Kritiker werfen ihr seitdem vor, โ€žtransphobeโ€œ Agitation zu betreiben. Und wo vermeintliche Hetze betrieben wird, da dรผrfen โ€ždie Gutenโ€œ in ihrer Revolution gegen den Hass antworten, schlieรŸlich sind sie von keiner irrationalen Angst befallen. Rowling erhรคlt seitdem Todesdrohungen, zur Feier des 20-jรคhrigen Filmjubilรคums von โ€žHarry Potter und der Stein der Weisenโ€œ mit allen Filmstars fehlte die Autorin โ€“ โ€žThe Leaky Cauldronโ€œ und โ€žMuggleNetโ€œ, die zwei grรถรŸten Fanseiten des Internets, lรถschen jede Anspielung auf die Autorin der Bรผcher. Da hilft es auch nichts, dass sich Rowling gegen Trump positioniert und ihn mit ihrem Bรถsewicht Lord Voldemort vergleicht, wenn sie fรผr โ€ždie, deren Gedankenkonstrukt man nicht kritisieren darfโ€œ nicht den Steigbรผgelhalter macht. Ihr neuestes Buch handelt รผbrigens von einer Schriftstellerin, die sich in einer ihr รคhnlichen Lage befindet und von Aktivisten ermordet wird. Distanzeritis ist eben keine Impfung, die vor dem Ausschluss aus dem Diskurs schรผtzt. Ob man mit der reichsten weiblichen Schriftstellerin der Welt also Mitleid haben muss, ist fraglich.



Ein anderes Phรคnomen stellt allerdings der Liedermacher Reinhard Mey dar. Mey war zeit seines Lebens eigentlich sehr integer โ€“ bรผrgerlich, obrigkeitskritisch, sozialdemokratisch und in allen Aspekten pazifistisch. Michael Ebmeyer stellte dennoch 2020 auf โ€žZeit Onlineโ€œ fest:

โ€žParteienkartell, Lรผgenpresse, Feminazis: Ressentiments sind heute Sache der neuen Rechten. Doch erschreckend viele finden sich schon bei einem eher linken Liedermacher.โ€œ

Das โ€žEher linksโ€œ-Sein nรผtzt Reinhard Mey eben nichts, wenn er eine Meinungshegemonie kritisiert, die heutzutage nun mal in den Hรคnden von Linken ist.

Dabei wusste Reinhard Mey schon 1984 (eine geradezu Orwellsche Jahreszahl), dass man nicht alles glauben solle, was in der Zeitung steht. In โ€žSei wachsamโ€œ klรคrt der Liedermacher auf:

โ€žDoch sag die Wahrheit und du hast bald nichts mehr zu Lachen

Sie werโ€˜n dich ruinierโ€˜n, exekutierโ€˜n und mundtot machen

Erpressen, bestechen, versuchen dich zu kaufen

Wenn du die Wahrheit sagst, lass drauรŸen den Motor laufen

Dann sagโ€˜ sie laut und schnell, denn das Sprichwort lehrt:

Wer die Wahrheit sagt braucht ein verdammt schnelles Pferd!โ€œ

In einer Zeit, in der immer neue Revolutionen die alten Revolutionรคre aufs Schafott der untolerierbaren Meinung zwingen, haben es diese nicht leicht โ€“ vom Kulturkampf bleibt letztendlich keiner verschont. Wenn selbst Immanuel Kant, Karl May, Luther und Shakespeare aufgrund von dem, was sie sonst noch so gesagt haben, gecancelt werden kรถnnen, dann hรถrt diese Liste selbstverstรคndlich nicht bei J.K. Rowling oder Reinhard Mey auf.

Der Konterrevolution kommt es jedoch zugute, wenn die gemรครŸigten Dantons dieser Welt von den Robespierres aus dem Verkehr gezogen werden. Je mehr die Stimme der GemรครŸigten erstickt wird, desto voraussichtlicher wird die Revolution im Lรคrm der Vernunft untergehen. Soll die Revolution also ruhig weiter ihre Kinder fressen โ€“ der Widerstand wird wachsen.

ABOS

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