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Eigene Zusammenstellung. Hintergrundbild: Stephan Roehl https://www.flickr.com/photos/boellstiftung/44138259955

Buchkritik: „Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf“ (Robert Habeck)

2. Mai 2023
in 11 min lesen

Unser geschรคtzter Autor U. B. Kant hat einige Bรผcher von Robert Habeck zusammengeklaut, um sich ein eigenes Bild von dessen schriftstellerischen Kรผnsten zu verschaffen. Ausgangspunkt dieses Vorhabens war die Frage, weshalb sich die etablierten Medien โ€“ immerhin offene Unterstรผtzer des schรถngeistigen Wirtschaftsministers โ€“ mit Rezensionen zu dessem ล’uvres bisher zurรผckgehalten haben. Nun, Kant stieรŸ schnell auf die Antwortโ€ฆ

โ€žDer Tag, an dem ich meinen toten Mann trafโ€œ ist ein Roman von Robert Habeck und Andrea Paluch aus dem Jahr 2005. Protagonistin und Ich-Erzรคhlerin ist die dreifache Mutter und Witwe Helene. Im Jahr 2008 verfilmte der SWR den Roman unter der Regie von Matthias Luthardt.

Handlung (Vorsicht, Spoiler!):

Schon wieder ist jemand ertrunken. Dieses Mal Robert selbst. Er hinterlรคsst drei kleine Kinder und die trauernde Witwe Helene bei Aurich. Robert war Ingenieur. Kurz vor dem Beitritt Zyperns zur EU war Robert beauftragt, einen Windradpark im Mittelmeer zu errichten, das zentrale Schlรผsselprojekt der EU. Beim Schiffstransport der gigantischen Rotorblรคtter kam ein Sturm auf. Die Rotorblรคtter lรถsten sich und rissen Robert angeblich von Bord. Seine Leiche wurde nie gefunden. Kritische Journalisten finden Anhaltspunkte fรผr einen Mordanschlag der ร–l-Bosse und Atom-Lobbyisten, um den Ausbau der erneuerbaren Energien zu sabotieren.

Anderthalb Jahre spรคter ist Helene eine starke alleinerziehe Frau, die Beruf und Familie unter einen Hut bringt. Als Ingenieurin setzt sie Roberts Kampf fรผr erneuerbare Energien fort. Aus England erreicht sie ein GroรŸauftrag: Fรผr ein Gezeitenkraftwerk im niedersรคchsischen Wattenmeer soll Helene einen Staudamm errichten, der von Borkum รผber Juist bis Norderney reicht.

Doch Helenes Krรคfte schwinden. Da lรคdt ihr langjรคhriger Verehrer, der sie noch immer anschmachtende Matthias, Helene in die Hamburger Oper ein. Matthias ist ein groรŸer, athletischer Dirigent, dem ein Haus in Mรผnchen gehรถrt und dessen Karriere ihn von Basel und Freiburg รผber Frankfurt und Hamburg bis an die Opernhรคuser in New York und Tokio fรผhrte. In New York und Tokio kann Matthias sich Hotels und Restaurants leisten, die viel zu teuer sind, als dass ein einziger Reisefรผhrer sie auch nur erwรคhnte. Helene liest regelmรครŸig in der Zeitung รผber ihn. Selbstredend findet ein groรŸer, athletischer Mann von solchem Status keine Frau. Er spart sich auf fรผr eine gestresste Alleinerziehende, die stramm auf die vierzig zugeht, ihm bereits mehrere Kรถrbe gab, einem anderen Mann drei Kinder geboren hat und unter ihren vielen Schwangerschaftsstreifen leidet. Auf Roberts Beerdigung spielte Matthias anrรผhrend Klavier.

Nach langem, konfliktbeladenem Zรถgern entschlieรŸt sich Helene, Matthiasโ€˜ Einladung anzunehmen. Auf der Autofahrt nach Hamburg grรผbelt Helene รผber die vorbeisausenden Autofahrer nach. Was, wenn Helen unter ihnen eine dieser besten Freundinnen fรคnde, mit der sie sich รผber ihre Menstruationsbeschwerden austauschen kรถnnte?

Im Hamburger Opernhaus trifft sie Matthias, der frisch aus dem NDR-Studio herรผberkommt. Beim Pausensekt nach dem ersten Akt der โ€žEntfรผhrung aus dem Serailโ€œ begegnen Helene und Matthias einem gutaussehenden Mann. Es ist Robert! Oder doch nicht? Er sieht Robert zum Verwechseln รคhnlich, hat seine meerblauen Augen und Grรผbchen am Kinn, spricht mit seiner Stimme. Ihn begleitete eine hรถchst attraktive Blondine im engen roten Abendkleid. Sie ist um so viele Jahre jรผnger als Helene.

Wรคhrend des zweiten Aktes schleicht Helene sich ins Foyer. Dort knickt sie auf ihren Pumps um. Eine Seitentรผr รถffnet sich und der zweite Robert eilt zur Hilfe. Er nennt sich Torben. Helene sei ihm bereits in der Pause aufgefallen. Der Gong zur zweiten Pause ertรถnt und die hรถchst attraktive Blondine im enganliegenden roten Kleid stรถรŸt dazu. Torben stellt die beiden Damen einander vor. Die Blondine heiรŸt Claudia. Helene beharrt darauf: Torben heiรŸe Robert, sei ihr Mann und Vater ihrer drei Kinder! Torben verneint. Daraufhin verabredet sich Claudia mit Helene auf der Damentoilette. Beide Frauen sind sich auf Anhieb sympathisch. Claudia erzรคhlt, sie kenne Torben erst seit drei Monaten. Beide arbeiteten in einem Unternehmen fรผr Kommunikationsberatung.  

Torben gehรถre zu jener Sorte Mรคnner, wie sie die Firma brauche: Schnelle Kontakte knรผpfen, eingeschliffene Erwartungen widerlegen, jederzeit in der Lage, seinen eigenen Tod vorzutรคuschen. Wer sich gefรคlschte Urkunden besorgen kรถnne, sei hรถher qualifiziert als derjenige, der sie rechtmรครŸig erworben habe. AuรŸerdem habe Torben einen Flugzeugabsturz รผber dem australischen Busch รผberlebt, bei der europรคischen Biolandbauvereinigung gearbeitet und im NATO-Hauptquartier. Claudia und Helene tauschen die Platzkarten, damit Helene im dritten Akt neben Torben sitzen und ihn besser begutachten kann. Wรคhrend des dritten Aktes fordert Helene Torben auf, sich einem Gentest zu unterziehen.

Nach dem dritten Akt verlรคsst das vom bildungsbรผrgerlichen Dรผnkel geprรคgte Publikum den Saal. Bevor der Menschenschwall folgen kann und Claudia in Sichtweite gerรคt, zerrt Helene Torben ins Foyer. Da Torben davon ausgeht, seine Freundin werde ohne ihn nach Hause fahren, folgt er Helene hinter die Kulissenโ€ฆ

Im Foyer an der Bar treffen sie Claudia und Matthias wieder. Zwar hatte Matthias vor seinen Karrieresprรผngen nach New York und Tokio auch in Hamburg dirigiert, Fotos seiner Hamburger Premieren schmรผcken noch an diesem Abend das Foyer, doch selbst nach dem dritten Akt erkennt kein einziger Operngรคnger den neuen Furtwรคngler wieder. Selbst unter den Sรคngern hinter der Bรผhne hat sich nicht herumgesprochen, wer heute Abend im Publikum saรŸ. Matthias ist niedergeschlagen, doch Claudia unbesorgt. Im folgenden Gesprรคch stellt sich heraus: Weder Robert noch Torben haben Zwillingsbrรผder. Immerhin diesen Plot-Twist erspart uns Habeck.

Claudia und Torben ziehen von dannen in eine Diskothek auf St. Pauli. Nachdem Helene Matthias beim gemeinsamen Abendessen in der รถffentlichen Opernkantine abserviert hat, folgt sie Claudia und Torben. Auf der Tanzflรคche freut sich Claudia darรผber, ihre Nebenbuhlerin endlich wiederzusehen. Sie habe sich mit Torben gestritten, denn Torben sei Robert und Helene seine Frau! Abgang Claudia.  

Torben weint dem Frรคulein Schiffer keine Trรคne nach, denn vorhin sei ihm etwas eingefallen. Vor zwanzig Jahren habe Torben in der Hamburger U-Bahn wรคhrend eines Halts im benachbarten Zug ein wunderschรถnes Mรคdchen gesehen, in das er sich auf Anhieb verliebte. Das Mรคdchen habe einen grauen Wollpullover getragen und die Stirnstrรคhne um den Zeigefinger gewickelt. Die in unterschiedliche Richtungen abfahrenden Zรผge zerrissen das nur sekundenlange Liebesglรผck.  Heute Abend habe er das Mรคdchen von einst wiedererkannt. Da erinnert sich auch Helene wieder ganz genau: Vor zwanzig Jahren fuhr sie einmal in der Hamburger U-Bahn, trug dabei einen grauen Pullover und wickelte die Stirnstrรคhne um den Zeigefinger. An das Gesicht ihres verflossenen Liebhabers, mit dem sie wรคhrend ihres Au-pair-Jahres in Kopenhagen zusammen war und den sie auch im anschlieรŸenden Studium wiedersah, kann sich Helene dagegen nicht erinnern.

Helene und Torben ziehen sich auf das Doppelzimmer eines Hotels zurรผck. Beim Einchecken stellt Helene die eindeutige Identitรคt der Handschriften von Torben und Robert fest, obwohl Robert die Feder stets mit Eifer und verwischt fรผhrte, wรคhrend Torben besonnen und deutlich schreibt. Die beiden haben Sex miteinander. Helene ist sich unsicher, ob sie mit demselben Mann schlรคft, von dem sie bereits drei Kinder empfangen hat. Die Erleuchtung kommt Helene, als sie gegenรผber Torben ankรผndigt, noch heute Nacht Richtung Ostfriesland aufzubrechen. Doch Torben weiรŸ: Helene ist nachtblind und kann jetzt nicht mehr fahren. Woher sonst kรถnnte Torben von Helenes Nachtblindheit wissen?

Daher fรคhrt Torben sie noch in derselben Nacht zurรผck. Und zwar mit 300 km/h. Im Morgengrauen erreichen sie das familiรคre Haus.  In der Kรผche betrachtet Torben nur diejenigen Mรถbelstรผcke, welche Helene nach Roberts Tod anschaffte. Robert will die Polizei rufen, damit sie ihn verhaftet und den geforderten Gentest durchfรผhrt. Helene nimmt ihm das Handy aus der Hand. So viel Gewissheit verkraftet sie nicht. Auf der Treppe laufen drei aufgeregte Kinder zu ihnen herunterโ€ฆ


Die Herrschaft des Volkes

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Stil:

Ich habe die GEZ-Verfilmung nicht gesehen, doch wรคhrend des Lesens liefen in meinem Kopfkino verschiedene Arten von Szenen ab:

Zunรคchst die Klamauk-Szenen:

โ€žDer Elbtunnel schluckt mich mit leisem Plopp.โ€œ

S. 46

โ€žDer leere Klappsessel neben mir kommt mir vor wie ein erhobener Mittelfinger.โ€œ

S. 54

โ€žDer Sekt hรผpft in meiner Kehle.โ€œ

S. 63

Dann die Horror-Szenen:

โ€žIn meinem Kรถrper verlieren Muskeln und Sehnen ihre Spannung, verflรผssigen sich Lipide und Knorpel. Mein Kรถrper schmilzt an mir herab, bis ich nur noch ein Bรผndel von Nerven bin.โ€œ

S. 65

โ€žSeine Augen glรผhen, seine Wangen sind gerรถtet. Ich schlieรŸe die Augen. Keine Bilder zu sehen ist befreiend. Hinter den flackernden Mustern der Netzhaut versuche ich mich zu konzentrieren. Ich bin in ein paralleles Leben geraten. Als Jugendliche erlebte ich so etwas รถfter.โ€œ

S. 85

Insgesamt รผberwiegen klar die melodramatischen Szenen. Sie verursachen einen 172 Seiten anhaltenden Fremdscham.

Insbesondere, wenn eine Figur ihrem Gegenรผber unaufgefordert die eigene Pappkulisse erklรคrt.  

Zum Beispiel Matthias: Kurz bevor Helene ihn in der Kantine versetzt und noch ein Rosenverkรคufer zur Steigerung der Spannung herhalten muss, erzรคhlt Matthias ihr:

โ€žAls ich dich heute sah, eigentlich schon, als ich beim Pfรถrtner war und wusste, dass du die Karte abgeholt hast, da fรผhlte ich mich so, wie ich mich mit zwanzig gefรผhlt habe, weiรŸt du, als wir Zimmernachbarn im Wohnheim waren. Damals war es so, als sei die Wirklichkeit eine einzige Chance, als kรถnnte ich an jedem Tag die Richtung meines Lebens รคndern, als wรคre vieles mรถglich und wenig zu verantworten [hier unterbricht Helene und bittet ihn ausdrรผcklich um ein โ€žAberโ€œ, Anm. Redaktion] Aber in dem Moment, in dem du sagtest, Robert ist hier, war alles wieder weg. Mein Leben ist nicht mehr jung und unentschieden. Ich bin fast an der Hรคlfte meines Lebens angekommen. Die wichtigen Entscheidungen sind gefรคllt. Ich bin nicht ausgewandert und habe auch nicht Selbstmord begangen, ich werde nicht mehr mit vielen Frauen ins Bett gehen, ich habe keine Kinder.โ€œ

S. 116 f.

Wie, nicht ausgewandert? Also doch nicht den Sprung nach New York und Tokio geschafft? Das kรถnnte erklรคren, weshalb Helene in ihrem ostfriesischem Kรคseblatt regelmรครŸig รผber Matthias liest. Und warum fรผr Matthias das Waldorf Astoria in New York noch zu billig ist, er die Frau seines Lebens aber in eine รถffentliche Betriebskantine ausfรผhrt, zu der selbst Rosenverkรคufer Zutritt haben. Und selbst in der Opernkantine ist โ€žMister Metropolitanโ€œ ein Niemand.

โ€žDu weiรŸt, dass ich in dich verliebt war und es noch immer bin und immer wieder bin.โ€œ

S. 117

Oder die Dame in Rot: Auf der Toilette erklรคrt sie erst die dubiosen Einstellungspraktiken ihrer Kommunikationsberatung Import/Export:

โ€žMein Job verlangt von mir unentwegte Distanzierung. Im gewissen Sinne haben wir eine derart kรผhne Spielanordnung, wie ich sie mir nie ertrรคumt hรคtte.โ€œ

S. 81

โ€ฆ und erzรคhlt anschlieรŸend einen Schwank aus ihrem Leben:

โ€žAls ich fรผnfzehn war und alle ihre ersten Freunde mit nach Hause schleppten, als die Eltern sich nicht mehr trauten aus dem Haus zu gehen, weil ihre Tรถchter schon mit pickligen Halbstarken bereitstanden, die Bierdosen in einem Zug aussoffen, um danach Wettrรผlpsen zu veranstalten, suchte ich mir einen Brieffreund in Sรผdafrika. Ich verliebte mich in ihn. Und weil ich wusste, dass wir uns nie sehen wรผrden, beschrieb ich ihm nicht nur mein Leben, sondern auch meinen Kรถrper. Ich hoffte nur, meine Mutter wรผrde diese Briefe nie zu Gesicht bekommen. (โ€ฆ) Na ja, irgendwann stand er plรถtzlich vor der Tรผr. Und er war kein Typ, den ich mit gut mir Bierdose und Pickeln vorstellen konnte. Ich glaube, um zu lieben braucht man die Entfernung und die Ausweglosigkeit, sie zu รผberwinden. Ein bisschen habe ich bei Torben das Gefรผhl, dass er nie ganz da ist.โ€œ

S. 82

Was sagt Torben dazu?

โ€žMein ganzes Leben habe ich versucht, keine Spuren zu hinterlassen. Schon in der Schule wollten alle berรผhmt werden, FuรŸballer oder Rockstars, ich wollte mich nur immer wieder dรผnne machen kรถnnen. Ich wollte auf keinen Fall etwas Bleibendes schaffen oder so berรผhmt werden, dass sich noch nach dreihundert Jahren irgendwer an mich erinnert. Ich habe mich nie an einen Beruf gebunden, ich habe immer nur so viel Geld verdient, wie ich brauchte, um mich wieder absetzen zu kรถnnen Ich habe meine Wohnungen meist mรถbliert gemietet, hรคufig in Hotels, noch lieber aber unter freiem Himmel gewohnt. Irgendwann wusste ich, dass ich allein sein kann. Es war kein Abenteuer mehr (โ€ฆ) Kurz vor dem Aufprall der Cessna habe ich das Steuer doch rumgerissen (โ€ฆ) Irgendetwas hat mich im Leben gehalten. Ich habe zwar keine Ahnung, was es war, wรผrde es aber gerne wissen (โ€ฆ) Ich bin hier, weil es das Beste ist, was ich tun kann.โ€œ

S. 163

Ja, Nahtoderfahrungen kรถnnen zu den erstaunlichsten Erkenntnissen fรผhren:

โ€žAls ich in Australien zu den Sternen aufsah, wurde mir klar, dass die drei Weisen aus dem Morgenland die Krippe mit dem Heiland nur gefunden haben, weil sie aus dem Sรผdosten kamen. (โ€ฆ) Verstehst du, wenn ein vierter Kรถnig den Weihnachtsstern ebenfalls gesehen hรคtte, wenn er aber in Hamburg oder Bremen oder irgendwo nรถrdlich von Bethlehem gewohnt hรคtte und er hรคtte sich wie die Weisen aufgemacht, ihm zu folgen, wรคre er vermutlich nach Island oder Grรถnland gereist.โ€œ

S. 164

Alles klar: Torben ist Robert. Wenn in Roberts Geschichtsbild die Deutschen vor 1000 Jahren alle Bรคume gefรคllt haben, dann existierten vor 2000 Jahren auch schon die Hansestรคdte Bremen und Hamburg.

Aber immerhin, solange die anderen reden, kann Helene keine inneren Monologe fรผhren. Schlimm genug, wenn sie in den theologischen Diskurs einsteigt:

โ€žEntweder bedeutet das, dass die Erlรถsung, die der Gott des Christentums auf die Erde brachte, nur fรผr auserwรคhlte Menschen gedacht war, oder aber, dass jeder, der sich auf den Weg macht und dem Stern folgt, irgendwo eine Krippe finden kann. (โ€ฆ) Wenn Kรถnig Nummer vier aber keinen Stall und keine Krippe findet (โ€ฆ) und immer weiter dem Stern folgt, was dann?โ€œ

S. 165

Ich muss gestehen: Ich weiรŸ es nicht. Dabei weiรŸ Helene doch sonst so genau, wie Reisen fรผr gewรถhnlich enden:

โ€žIch bin die Frau, die ihren Mann nach langer Reise vom Bahnhof abholt, Liebende, die sich lange nicht gesehen haben, er der verlorene Sohn, der Gefangene aus einem sibirischen Straflager, der gerettete Robinson Crusoe mit Haaren, so lang, dass man einen Pferdeschwanz binden kรถnnte.โ€œ

S. 74

Und das ist nur ihre aktuelle Selbsteinschรคtzung. Kaum eine Seite, auf der sie nicht in Erinnerungen schwelgt:

โ€žDie gestutzten Rosen gaben dem Tag etwas Pathetisches. Ich dachte in Worten wie Wachstum, Blรผte und Kraft, erlebte das Licht als Klarheit, fรผhlte die Gegenwart mit einer Mischung aus Dankbarkeit und der Sehnsucht nach Dauer. Alles war richtig. Mareike atmete tief, die Erde war schwer, die Katze lag auf den warmen Steinen und betrachtete mich mit schlรคfrigen Augen. So war unser Leben. Schlafwandlerisch glรผcklich. Wenn wir uns das klarmachten, Robert und ich, dann hatten wir Angst, irgendwelche antiken Gรถtter wรผrden uns beobachten und neidisch werden. Selbst dass wir รคlter wurden und die Zeit rasch verging, erlebten wir als Gemeinsamkeit und konnten es annehmen.โ€œ

S. 30

Und dann erst die Tage ihres gemeinsamen Studiums der Ingenieurswissenschaften. Dieses Studium bestand aus: Weintrinken, Zigaretten drehen, geheime Nachtische in der Wohnheimkรผche schmausen, israelische Soldatinnen flachlegen, israelische Soldatinnen fรผr ihre Treue zur israelischen Regierung tadeln, eine progressive Hochschulgruppe grรผnden, die zuvor bestehenden sieben Hochschulgruppen links รผberholen, รผber den Hochschulrektor schimpfen, Brecht-Auffรผhrungen im Theater ansehen, nach durchtanzten Nรคchten im kalten Fluss baden, nach kaltem Bade Roberts Glied beim Schrumpfen zusehen, die verflossene Liebe aus dem Au-pair-Jahr in Kopenhagen wiedersehen, heimliche Zeit mit der verflossenen Liebe verbringen, die Zeit vor den Semesterferien im Freibad verbringen, die Zeit wรคhrend der Semesterferien in Irland verbringen, Eisenbahnfahrplรคne fรผr Reisen in den Norden studieren, wochenlang fรผr die nรคchste Reise ein- und dann doch wiederauspacken, in der Schweiz wandern, nach Florenz trampen, nach Mailand trampen, nach Bologna trampen, nach Lucca trampen โ€ฆ

โ€ฆ sag mal Helene, bist Du Dir sicher, dass ihr nicht vielleicht doch Philosophie und Politikwissenschaften studiert habt?

Denn philosophieren kann sie ja, die Helene:

โ€žUnd trotzdem, trotzdem ist die verwirrende ร„hnlichkeit zwischen beiden nicht der einzige Grund. Nicht mehr. Ich kann es mir nicht besser erklรคren, aber es liegt wohl daran, dass ich jetzt in Kategorien der ร„hnlichkeiten denke und nicht mehr der Gleichheit.โ€œ

S. 162

Mit den Kategorien der Logik stehen sie und Robert dagegen auf KriegsfuรŸ:

โ€žAus den anderen Zimmern hรถrten wir die Kinder schlafen. Hanna atmete so lautlos wie immer (โ€ฆ).โ€œ

S. 7

Und mit denen der Physik auch:

โ€žWenn eine Nutzung der Gezeiten die Energie der Erdbewegung umwandelt, dreht sich die Erde dann wegen des Energieverlustes langsamer um ihre eigene Achse? Werden die Stunden lรคnger, in Folge davon die Temperaturunterschiede extremer? Wird der Abstand zum Mond grรถรŸer, weil die Rotation den Trabanten nicht mehr halten kann? Vielleicht wรผrde eine Verรคnderung der Gezeiten sogar die Umlaufgeschwindigkeit um die die Sonne verlangsamen. Man kรถnnte die Erde bremsen. Und mit der Erde wรผrde schlieรŸlich die Zeit stillstehen. Wenn Roberts ertrunkene Seele im Wasser ist und meine auf der Erde, wรผrde ich die Hilfskonstruktion eines Dammes befรผrworten, um seine Energie fรผr mich nutzbar zu machen.โ€œ

S. 29

Fazit:

Ein Groschenroman fรผr alle, die in einem wirren Frauenkopf gefangen sind.   

ABOS

Bรผcher

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