Am Tag 3 nach den Wahlen in Bayern und Hessen brachte Kurt Kister, von 2011 bis 2020 Chefredakteur der โSรผddeutschen Zeitungโ, das Debakel auch seines einstigen Arbeitgebers auf den Punkt:
โEs gibt keine linke Mehrheit mehr โ und es wird sie vielleicht gar nicht mehr geben.“
Wie zum Trost fรผgte er in Klammern hinzu:
โยดGar nichtยด heiรt in der Politik, die nรคchsten zehn, fรผnfzehn Jahre.“
Dies Wort in Weidels und Chrupallas Ohr!, wird mancher AfD-Sympathisant jetzt rufen. Und in der Tat kรถnnte Kister richtig liegen: Der jahrelange mediale Dreiklang aus Hetze, Haร und Hรคme hat ebenso wenig gefruchtet wie das der AfD vom Verfassungsschutz aufgeklebte Etikett โin Teilen gesichert rechtsextremistischโ โ mรผndige Wรคhler lassen sich nicht mehr hinter die ideologische Fichte fรผhren, um 2023 mit 1933 zu verwechseln.
Die Resultate sind eindeutig: In Hessen kommen die drei Parteien der Berliner Ampelkoalition auf nur noch 34,9 Prozent, in Bayern stรผrzen sie gar auf 25,8 Prozent ab. Im Kontrast dazu erreichen CDU und AfD in Hessen mit 53 Prozent die absolute Mehrheit, ebenso in Bayern mit 51,6 Prozent (zรคhlt man die Freien Wรคhler hinzu, ergibt sich hier sogar eine bรผrgerliche Zweidrittelmehrheit von 67,4 Prozent). Auch wenn es sich lediglich um Landtagswahlen gehandelt hat, ist der bundesweite Kurswechsel eindeutig, denn fรผr 2024 dรผrften sowohl die Abstimmung zum EU-Parlament als auch die Wahlgรคnge in Sachsen, Thรผringen und Brandenburg den Prognosen zufolge รคhnliche Resultate zeitigen.
Folgt man Kurt Kister, begann der parteipolitische Linkskurs hierzulande 1998 mit der ersten rot-grรผnen Regierung unter Kanzler Gerhard Schrรถder und seinem Auรenminister Joschka Fischer, die 2002 mit knapper Mehrheit ihre Koalition fortsetzen konnten. Als Schrรถder 2005 die Vertrauensabstimmung verlor, รผbernahm Angela Merkel zusammen mit der SPD (zwischendurch mit der FDP) fรผr 16 verhรคngnisvolle Jahre nicht nur die Regentschaft, sondern setzte auch die linksgrรผne Transformation des Landes in eine โweltoffene, vielfรคltige und tolerante Demokratie“ fort. Fรผr den Autor Jรถrg Bong leben wir jetzt in einem Land, โdas nach katastrophalen nationalistischen Untaten sein neues Staatsbรผrgertum mit universellen Werten und nicht mehr mit der nationalen, biologischen Herkunft begrรผndet“ (SZ vom 11. Oktober).
Diese eindeutige Absage an den Nationalstaat ist es, was den Aufstieg der Alternative fรผr Deutschland im wesentlichen befeuert. Schlieรlich ist die soziale Absicherung des einzelnen Bรผrgers nur im Rahmen eines durch Grenzen festgelegten und von Menschen bewohnten Staatsgebietes mรถglich, die in ihrer Mehrheit durch gemeinsame Sprache, Kultur und Geschichte geprรคgt sind. Jรผngstes Beispiel fรผr die existenzielle Notwendigkeit eines derartigen Nationalstaates ist das erneut aufgeflammte Ringen um das รberleben von Israelis und Palรคstinensern. Im Kern geht es hierbei, sieht man vom terroristischen รberfall der Hamas ab, nicht um Recht gegen Unrecht, sondern seit 1948 um Recht gegen Recht.
Daร sich dieser bis heute ungelรถste Konflikt nun auch auf deutschen Straรen und in deutschen Schulen abspielt, ist selbstverschuldet, weil importiert. Durch den seit 2015 forcierten Zustrom kulturfremder Migranten nicht zuletzt aus dem muslimisch-arabischen Raum ist aus dem โdeutschen Volkโ, laut Grundgesetz nach wie vor nomineller Souverรคn der Bundesrepublik, eine multiethnische und multikulturelle โBevรถlkerung“ geworden. Die einstige Heimat der mehrheitlich Deutschen hat sich allmรคhlich in ein globales Asylheim mit angeschlossenem Sozialamt fรผr jedermann verwandelt.

Angesichts dieser ideologisch gewollten Transformation ist es nicht damit getan, jetzt eilig Verbote auszusprechen und die Zuwanderung durch den Einsatz diverser Hebel ein wenig zu drosseln. Dreh- und Angelpunkt bleibt โ wie in Deutschland so in nahezu allen europรคischen Lรคndern โ die Frage, ob an Volk und Nation als den Sรคulen des jeweiligen Staates festgehalten wird, oder ob sie der linken Utopie einer grenzenlosen universellen Gemeinschaft geopfert werden sollen. Mit ihrem moralischen Relativismus hat die liberale Demokratie traditionelle Werte wie Ehe, Familie, Volk und Nation als lรคngst รผberholte Relikte diskreditiert, die historischen Bindekrรคfte in forcierter Individualisierung bis hin zu freier Geschlechtswahl aufgelรถst und dadurch nicht nur sich selbst, sondern das ganze Land in eine gefรคhrliche Sackgasse manรถvriert.
Fรผr Deutschland ist daher zu hoffen, daร Kurt Kister mit seiner Prognose recht behรคlt und daร, wenn auch gegen seinen Wunsch, die grundlegende Wende eingeleitet wird:
โDie linke Mehrheit also ist perdu, auch wenn in manchen Groรstรคdten so gewรคhlt wird, als habe sie eine Zukunft. Die rechte Mehrheit, um es dichotomisch auszudrรผcken, ist vorhanden. Allerdings bleibt sie, parteipolitisch gesehen, so lange ernsthaft unorganisierbar, wie die Unionsparteien nicht mit der AfD kooperieren. Diese Versuchung wird grรถรer werden, je mehr Stimmen die AfD erhรคlt. Und dies wird in den kommenden Jahren vor allem in Thรผringen, Sachsen oder Brandenburg virulent werden.โ
(SZ, 11. Oktober)

