Mechanisch setze ich einen Fuร vor den anderen. Der Schnee knirscht unter meinen Stiefeln. Wegen des weiรen Schnees brauche ich in der mondlosen Nacht weder eine Stirnlampe noch ein Nachtsichtgerรคt. Wรคhrend ich auf dem Weg in die Stellung noch an den Ohren gefroren habe, stehen mir jetzt Schweiรperlen auf der Stirn. Der Maschinengranatwerfer Mk 19, den ich auf dem Rรผcken habe, wiegt immerhin 33 Kilo. Es ist nicht das erste Mal, dass ich das Ungetรผm fรผr ein paar Kilometer spazieren trage. Zum Glรผck habe ich nur eine Glock an der Splitterschutzweste. Ein Sturmgewehr wรคre in dieser Lage bloร hinderlich. Die Front ist an diesem Abschnitt seit einigen Tagen verhรคltnismรครig ruhig. Hin und wieder rattert dennoch ein Maschinengewehr, sieht man die Leuchtspurmunition am schwarzen Himmel hinter der Bรถschung aufsteigen und drรผben auf das von Putins Truppen gehaltene Stellungssystem niederprasseln. Ab und an blitzt es wie bei einem Gewitter. Ein oder zwei Sekunden spรคter hรถrt man den Knall. Das sind die 152-mm-Granaten der russischen Artillerie.
Von solch einer Artilleriegranate wurde wahrscheinlich der vรถllig zerstรถrte Humvee getroffen, an dem wir auf unserem Weg entlang eines Schienenstrangs in der Dunkelheit vorbeistapfen. Mรถglich natรผrlich, dass das Fahrzeug zunรคchst von einem Drohnenpiloten ins Visier genommen wurde. Die Vernichtung eines schlecht getarnten gegnerischen Artilleriegeschรผtzes durch eine FPV-Drohne habe ich eine Woche zuvor im Hauptquartier live am Bildschirm mitverfolgen kรถnnen. Persรถnlich habe ich vom Krieg an der nรถrdlichen Ostfront um Kupjansk noch nicht viel mitbekommen. Nicht eine Nacht habe ich bisher im Schรผtzengraben schlafen, nicht einen Schuss abgeben mรผssen. Diejenigen, die schon lรคnger hier sind, kรถnnen allerdings ein Lied singen von den Stellungskรคmpfen und dem Leben in der โBlindageโ. So wird im Stellungsbau der Unterschlupf bezeichnet, in den sich die Soldaten bei Artilleriebeschuss zum Schutz vor Granatsplittern zurรผckziehen. Bei einem Volltreffer mit einer 152-mm-Granate bietet die Blindage indes keinen ausreichenden Schutz. Ein Volltreffer bedeutet so gut wie immer: Game over. In diesen mit Baumstรคmmen und Aushub รผberdachten Erdlรถchern wird auch geschlafen. Schon nach wenigen Tagen sind die Gesichter der Soldaten ruรgeschwรคrzt von den Hindenburglichtern, die zwar das Atmen erschweren, aber wenigstens ein bisschen Wรคrme spenden.
Von dieser Wรคrme werden allerdings auch Mรคuse und Ratten angezogen. Da der Herbst sehr mild gewesen ist und es viel Futter auf brachliegenden รckern gab, konnten sich die Mรคuse stark vermehren. Es gehรถrt weiter nicht viel Fantasie dazu sich vorzustellen, von was sich die Ratten an der Front hauptsรคchlich ernรคhren. Immerhin fressen Ratten auch Aas, und Leichen gibt es hier reichlich. Dazu Rationen und Speiseabfรคlle. Kaum ein Soldat, der nicht schon ein paar Nager aus seinem Schlafsack geschรผttelt hรคtte. Dabei sind die Tiere nicht nur lรคstig, sie รผbertragen auch Krankheiten. Gerade in der Region um Kupjansk รถstlich der Stadt Charkiw ist im Dezember des zweiten Kriegsjahres bei vielen russischen Einheiten eine Erkrankung mit dem Hantavirus festgestellt worden. Laut dem Robert-Koch-Institut werden die Viren von infizierten Nagetieren รผber Speichel, Urin und Kot ausgeschieden. Auf den Menschen kann die รbertragung der Krankheit รผber aufgewirbelten Staub oder durch den Verzehr kontaminierter Lebensmittel erfolgen.
Als wir das Ziel unseres Marsches endlich erreichen, gibt ein junger, aber gleichwohl erfahrener Weiรrusse den Befehl noch zweihundert Meter weiterzumarschieren. Er hat vollkommen Recht, denn es ist gut mรถglich, dass die gegnerische Artillerie sich lรคngst auf die Kreuzung eingeschossen hat. Also weiter. Ein Fuร vor den anderen. โDas waren jetzt bestimmt zweihundert Meterโ, keuche ich. Der junge Mann, รผber dessen rechte Wange sich eine vertikale Narbe zieht, die dicht unter dem Auge endet, nickt. Die Narbe ist ein Andenken an eine Verwundung, die er in diesem Krieg erlitten hat. Ich nehme den Maschinengranatwerfer von meinem nassgeschwitzten Rรผcken und lasse mich neben ihn in den Schnee fallen. โWie in Kindertagenโ, denke ich, wรคhrend ich Arme und Beine ein wenig hin- und herbewege. Fรผnf Minuten spรคter ist der kanadische Rochel, ein gepanzerter Truppentransporter, da, um uns mitzunehmen. Der vorerst letzte Einsatz meiner Gruppe ist beendet. Bei der Internationalen Legion des ukrainischen Militรคrgeheimdienstes funktioniert es mit der Rotation. Jede Einheit wird nach einigen Monaten aus der Front herausgelรถst, um sich zu erholen. Im Anschluss folgt die Einsatzvorbereitungsphase fรผr das nรคchste Deployment.
Leider ist das lรคngst nicht bei allen ukrainischen Einheiten der Fall. Manche Verbรคnde stehen seit Beginn der ukrainischen Gegenoffensive Anfang Juni ununterbrochen im Kampf. Es mangelt der Ukraine an Soldaten, um ihre Einheiten angemessen rotieren zu kรถnnen, obwohl das Land ohne Weiteres ein bis zwei Millionen neue Rekruten ausheben kรถnnte, nicht nur die vom Generalstab geforderte halbe Million. Manchen Ukrainern geht mittlerweile das Bewusstsein dafรผr ab, dass dieser Krieg auch noch mit einer Niederlage enden kรถnnte. Wรผrden die Mรคnner in der Industrie sukzessive durch Frauen ersetzt, die Universitรคten, mit Ausnahme der medizinischen und technischen, vorรผbergehend geschlossen, damit jรผngere Jahrgรคnge eingezogen werden kรถnnen, und Frauen zu Logistik-, Sanitรคts- und Sicherungsaufgaben herangezogen, nรคhme man dem Aggressor seinen einzigen Trumpf: die quantitative รberlegenheit. Freiheit hat einen Preis.

