An meiner proukrainischen Haltung kann kein Zweifel bestehen, sonst hรคtte ich mich nicht freiwillig zum ukrainischen Militรคr gemeldet. Trotzdem werde ich auch nach der lauter werdenden Kritik an der im Deutschen etablierten Schreibweise fรผr die ukrainische Hauptstadt festhalten. Pointiert kรถnnte man sagen, ich sei zwar bereit fรผr dieses Land mein Leben aufs Spiel zu setzen, aber nicht dazu mir hinsichtlich des Gebrauchs meiner Muttersprache (eigentlich die Sprache meines Vaters) Vorschriften machen zu lassen.
Um was geht es genau? Martin Jรคger, der deutsche Botschafter in Kiew, hat sich unlรคngst dafรผr ausgesprochen, kรผnftig โKyivโ statt wie bisher โKiewโ zu schreiben. Erneut ins Rollen wurde die Debatte aber zuvor durch den ARD-Korrespondenten Vassili Golod gebracht, der auf X moniert hatte: โFรผr Ukrainerinnen und Ukrainer, die deutsche Medien konsumieren, ist diese Schreibweise jedes Mal aufs Neue hรถchst irritierend und verletzend.โ Ich gebe gerne zu, dass besonders jรผngere Ukrainer mitunter pikiert auf die Schreibweise Kiew oder (im Englischen) Kiev reagieren. Umbenannt wurde die Stadt bereits 1995. Im Jahr 2018 startete die Ukraine in der Anglosphรคre zudem eine Kampagne mit dem Motto #KyivNotKiev. In der Zwischenzeit haben fast alle groรen englischsprachigen Medien ihre Schreibweise der ukrainischen Hauptstadt umgestellt.
Auch ich folge im Englischen mittlerweile meistens der neuen Konvention. So wie ich seit Jahren den bestimmten Artikel vor dem Landesnamen im Englischen weglasse, der im Deutschen noch selbstverstรคndlich ist. Als ich 2013 zum ersten Mal in der Ukraine war, sagte man auch im Englischen noch the Ukraine. Ich kann mich an lebhafte Diskussionen mit patriotischen Ukrainerinnen erinnern, die mich schon damals darรผber aufklรคrten, dass ein Lรคndername keines Artikels bedรผrfe. Ich konterte das immer mit Beispielen wie dem Libanon, der Schweiz, der Tรผrkei oder dem Tschad. Das funktioniert freilich nur im Deutschen. Der Wechsel von the Ukraine zu Ukraine lag im Englischen nรคher als in der deutschen Sprache, in der es keine groรe Seltenheit ist, dass ein Lรคndername immer von einem Artikel begleitet wird. Trotzdem hรคtte sich das Weglassen des Artikels im Englischen 2013 noch seltsam angehรถrt, wรคhrend es mittlerweile umgekehrt ist. Eine Frage der Gewohnheit.
Keine Frage der Gewohnheit, sondern eine Frage der Leserlichkeit und des Artikulationsvermรถgens ist es hingegen, ob man im Deutschen von Kiew auf Kyjiw/Kyiv umsteigt. Es gibt in der deutschen Sprache keine Wรถrter, die die Buchstabenkombination โyjiโ aufweisen. Eine solche Lautfolge existiert im Deutschen einfach nicht. Es hat einen Grund, weshalb die Spanier ihr Land Espaรฑa nennen, aber die Deutschen nicht โEspanienโ. Der Englรคnder sagt Spain, der Norweger Spania und der Italiener Spagna. Bei der Frage, ob man im Deutschen Odessa (wie im Russischen) oder Odesa (wie im Ukrainischen) schreiben sollte, spielt auch die Aussprache eine entscheidende Rolle. Soll die Stadt im Deutschen so ausgesprochen werden wie bisher โ und damit wie im Ukrainischen โ, kann auf den Doppelkonsonanten schlechterdings nicht verzichtet werden. Das verlangen die Regeln der Orthographie, weil es sich beim vorhergehenden Vokal um einen kurzen Vokal handelt. Die Russen schreiben zwar Odessa, sprechen die Stadt aber eher Adjessa aus. Insofern trifft die Transkription des Russischen im Deutschen genau die ukrainische Aussprache. Fรผr Stรคdte, die (auch) รผber deutsche Namen verfรผgen, sollte man sich in einem deutschen Text fรผr diese Namen entscheiden. Daran, dass Lemberg (Lviv) ukrainisch, Laibach (Ljubljana) slowenisch und Hermannstadt (Sibiu) rumรคnisch ist, รคndert die Verwendung des deutschen Namens nicht das Geringste. Mit der Verwendung jener gutleserlichen Stรคdtenamen sind keinerlei Gebietsansprรผche verknรผpft, und das ist auch gut so.
Ein vernรผnftiger Kompromiss fรผr die Schreibweise der ukrainischen Hauptstadt im Deutschen wรคre mรถglicherweise โKiiwโ. Eine solche Kombination ist dem Ottonormalverbraucher von Fremdwรถrtern wie dem โInitiierenโ her schon bekannt. รsthetisch wรคre ein solches Wort allerdings nicht. Zudem kรถnnten sich die Ukrainer von einem neuen Eintrag im Brockhaus, in dem ihre Hauptstadt kรผnftig unter dem Lemma โKyjiwโ zu finden wรคre, nichts kaufen. Ich muss dem deutschen Botschafter widersprechen: Nicht eine Debatte รผber Schreibweisen von Stรคdtenamen tut not, sondern die unverzรผgliche Lieferung von mehr Artilleriegranaten und Marschflugkรถrpern wie dem Taurus. Selbst in Kiew sagen viele Menschen weiterhin ะะธะตะฒ. Und das keinesfalls, weil sie prorussisch wรคren, sondern schlicht und ergreifend aufgrund der Tatsache, dass sie Russisch sprechen. Zwar habe ich mittlerweile unzรคhlige Ukrainer aus den besetzten Gebieten sowie aus Charkiw und Odessa kennengelernt, die frรผher Russisch gesprochen haben und es jetzt nicht mehr tun, aber es gibt fast ebenso viele Ukrainer, die zwar Russisch sprechen, jedoch glรผhende ukrainische Patrioten sind. So handelte es sich etwa beim Asow-Bataillon ursprรผnglich um eine komplett russophone Einheit. Letztlich wird mit Debatten wie dieser dem Kreml-Narrativ, es handele sich beim Krieg in der Ukraine um einen Konflikt zwischen Russisch sprechenden und Ukrainisch sprechenden Ukrainern und nicht um einen brutalen Angriffskrieg eines Staates auf sein Nachbarland, Vorschub geleistet. Die russische Sprache und Kultur zum Problem zu erklรคren, wรคre schon insofern absurd, als auch russische Staatsbรผrger auf Seiten der Ukrainer kรคmpfen, die zwar den Despoten Putin loswerden, ihren Tschaikowski und ihren Dostojewski aber gerne behalten wรผrden.

