โAlea iacta est!“soll Cรคsar gerufen haben, als er am 10. Januar 49 v. Chr. mit seiner Armee den Rubikon รผberschritt, der die Provinz Gallia cisalpina vom italienischen Kernland trennte. Damit war die Entscheidung fรผr den rรถmischen Bรผrgerkrieg gefallen. Als Donald Trump am 10. April Zรถlle in Hรถhe von 145 Prozent gegen China verhรคngte, war auch Staats- und Parteichef Xi Jinping der Meinung, die Wรผrfel seien gefallen: Fรผr Peking, das mit einem Zollsatz von 125 Prozent konterte, schien der Handelskrieg gegen die USA jetzt unausweichlich zu sein.
Doch im Grunde geht es um viel mehr โ es geht um die globale Fรผhrungsrolle, die seit 1945 die Amerikaner innehaben. Im Westen ist die Verwunderung nach wie vor groร, wie es der 1949 gegrรผndeten Volksrepublik, einem Staat ohne individuelle Freiheitsrechte, gelungen ist, auf technologisch-wirtschaftlichem Gebiet an der Spitze des Fortschritts zu stehen. Noch in diesem Jahr, so die Einschรคtzung der Pekinger โ Volkszeitung“, wรผrden in China mehr als 10.000 โhumanoide Roboter“ hergestellt, das entspreche rund der Hรคlfte der weltweiten Produktion. Humanoide Roboter verbinden kรผnstliche Intelligenz mit physischer Interaktion und werden in der Industrie, in der Medizin und diversen anderen Zweigen eingesetzt.
Im Mรคrz hatte Chinas Regierungschef Li Qiang auf der Erรถffnungssitzung des Volkskongresses, der jรคhrlichen Parlamentstagung, die Entwicklung Kรผnstlicher Intelligenz zur nationalen Prioritรคt erklรคrt. Dabei stellte er Investitionen in Milliardenhรถhe fรผr moderne Sprachmodelle, autonome Systeme und KI-gestรผtzte Produktionsprozesse in Aussicht, verbunden mit einem Risikokapital-Fonds von umgerechnet rund 130 Milliarden Euro fรผr die Bereiche Robotik und KI. Gegenรผber der โSรผddeutschen Zeitung“ wies Antonia Hmaidi, eine Expertin des Berliner Merics-Instituts, auf den entscheidenden Unterschied der Vorgehensweise zwischen Chinesen und Amerikanern hin: In der Volksrepublik wรผrden KI-Modelle gezielt dort eingesetzt, wo bereits einfache, weniger leistungsstarke Chips Effizienzgewinne ermรถglichten. In Bereichen wie Spracherkennung, Kundenservice oder Industrieautomatisierung zรคhlten Zuverlรคssigkeit und niedrige Kosten mehr als die absolute Spitzenleistung von Chips. Gleichzeitig, so die Merics-Expertin, entstehe durch den flรคchendeckenden industriellen KI-Einsatz ein Schatz an Daten, der langfristig heimische KI-Modelle verbessern solle.
Hmaidi: โDiese praxisnahen Daten sind ein wichtiger strategischer Vorteil gegenรผber den USA, wo KI-Systeme oft stรคrker auf individuelle Verbraucher zugeschnitten sind.“ So richteten sich die Funktionen westlicher KI-Plattformen wie Chat-GPT oder KI-Assistenten von Apple und Google hauptsรคchlich an private Nutzer, um alltรคgliche Aufgaben zu erleichtern. In China hingegen sollen damit hauptsรคchlich Flieรbรคnder und Maschinen koordiniert werden. Doch mittlerweile hat sogar ein tanzender und winkender Roboter die Herzen vieler Chinesen erobert. Auch die Peking-Korrespondentin der SZ sah das โModell H1″ bei der Frรผhlingsgala zum chinesischen Neujahrsfest in Aktion. Mittlerweile vermieten private Anbieter den Roboter je nach Modell und Ausstattung fรผr 1.800 bis 8.000 Euro pro Tag. Wer mรถchte, so die SZ, bekomme noch einen Roboter-Hund dazu.
Entwickelt wurde der Tanzstar vom Start-up Unitree Robotics, einem der sogenannten โsechs kleinen Drachen“ โ einer Gruppe junger Privatunternehmen, die nach Alibaba und Tencent als neue Hoffnung in Chinas Tech-Sektor gelten. Dazu gehรถren das auch im Westen mit Staunen aufgenommene KI-Wunder Deep Seek, Brainco, ein Unternehmen fรผr Gehirn-Computer-Schnittstellen, und Manycore, spezialisiert auf KI-gestรผtztes 3D-Design. Unitree wurde 2016 von dem damals 26jรคhrigen Ingenieur Wang Xingxing gegrรผndet.
Sollte Donald Trump glauben, er kรถnne China in einem Handelskrieg besiegen, dรผrfte er sich tรคuschen. Seit Jahren hat sich Peking mit Hilfe seines Seidenstraรen-Konzepts neue Mรคrkte in Sรผdamerika, Afrika und Asien erschlossen. Die Volksrepublik, warnt Robin Brooks, frรผherer Devisenchef von Goldman Sachs, kรถnnte als Vergeltung eine gezielte Schwรคchung ihrer Wรคhrung einleiten, was dramatische Auswirkungen hรคtte:
โBei einer zehnprozentigen Abwertung des Yuans wรคre an den US-Mรคrkten der Teufel los, sie wรผrden zusammenbrechen. Die chaotischen Handelstage, die ich erlebt habe, waren immer die, wenn die Chinesen ihre Wรคhrung abgewertet haben.โ
Ob es so weit kommen wird, liegt bei Trump. Die Chinesen haben nicht vergessen, daร ihnen auslรคndische Mรคchte im 19. Jahrhundert Handelsbedingungen diktierten und damit das โJahrhundert der Demรผtigung“ einleiteten. Zur Zeit wird in China eine Mao-Rede von 1953 anlรครlich des Korea-Krieges millionenfach online geteilt:
โWie lange dieser Krieg dauert, liegt nicht an uns. Aber ganz egal, wie lange er dauert โ wir werden niemals aufgeben. Wir kรคmpfen bis zum Triumph!“
PS: Nach einem Treffen in Genf teilten Vertreter beider Seiten am 12. Mai mit, vorerst die Zรถlle fรผr 90 Tage rigoros zu senken โ die amerikanischen von 145 auf 30, die chinesischen von 125 auf 10 Prozent. Im Westen sahen viele darin eine โKehrtwende Trumps“, in China hieร es, auch die USA seien โnur ein Papiertiger“.

