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Ich habe die Maul- und Klauenseuche überlebt

24. Juni 2025
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Ich war die letzten zehn Tage krank. Das Kratzen im Hals, das ich zunächst als beginnende Erkältung deutete, entpuppte sich als etwas weitaus Obskureres. Es bildete sich nicht etwa Schleim in den Atemwegen, sondern Aphthen, die vom Rachen an den Hals eroberten. Dann bekam ich ein Fieber, das aber nur von kurzer Dauer war. Abgelöst wurde es von roten Punkten auf den Händen und Fußsohlen. Meine Fingerspitzen wurden extrem empfindlich, kamen sie beim Haarewaschen mit heißem Wasser in Kontakt, fühlten sie sich an, als drohten sie, zu explodieren. Dieselbe Überempfindlichkeit breitete sich schließlich auch auf meine Fußsohlen aus, sodass Herumlaufen zu einer Herausforderung wurde. Die letzteren beiden Symptome fand ich aber fast amüsant, weil ich so etwas noch nie erlebt hatte – jedenfalls nicht in einem Alter, in dem es bleibende Erinnerungen hinterlassen hätte. Ich hatte nämlich eine Kinderkrankheit: Hand-Fuß-Mund.

Es ist ziemlich selten, dass Erwachsene diese Krankheit mit nennenswerten Symptomen bekommen. Mein Sohn hatte sie gerade überstanden, schon zum zweiten Mal dieses Jahr. Meine Frau bekam sie nicht, weder damals noch jetzt. Was noch mehr Salz in die Wunde streute, war der Name des Erregers: das Coxsackie-Virus. Ein Name, der auch meinem Sohn sehr gefiel und ihm unwissentlich die ersten englischen Flüche entlockte: „Cock-Sucky! Cock-Sucky!“. Laut „DocCheck“ nennt man die Krankheit auch „falsche Maul- und Klauenseuche“. Den Namensgebern scheint besonders wichtig gewesen zu sein, schwächliche Erwachsene, die sich damit infizieren, auf linguistischem Wege maximalem Spott preiszugeben.

Tatsächlich fiel ein Interview, das ich in persona geben wollte, deswegen ins Wasser, denn der Host war wenig scharf darauf, anderthalb Wochen lang mit Pusteln rumzurennen, egal, wie witzig der Name ihres Erregers ist. Wahrscheinlich war es besser so, denn ich war merklich geschwächt. Glücklicherweise ist „Cock-Sucky“, anders als andere Kinderkrankheiten wie etwa die Windpocken, auch für Erwachsene recht ungefährlich. Inzwischen sind die Symptome bis auf eine besonders hartnäckige Aphthe wieder verschwunden.

Die vorangegangene Woche, in der ich mich infiziert hatte, war sogar ziemlich schön gewesen: Mein Sohn blieb deswegen den ganzen Tag zu Hause, was, trotz der Zipperlein, ein wohliges Nachholen von so einigem bedeutete, das wir im letzten Dreivierteljahr versäumt hatten. Was sich gerade am rasantesten bei ihm entwickelt, sind Erinnerungen. Er erinnert sich etwa schlagartig an etwas aus einem seiner Bücher und plappert dann bruchstückhaft davon, während er sich zum Regal aufmacht, um danach zu suchen. Vor ein paar Tagen hat er auf einem Ausflug einen Paraglider gesehen, woran er sich jetzt vor allem draußen immer mal wieder lebhaft erinnert und davon erzählt. Ginge es nach der Potsdamer Richterin, die meine Zwei-Drittel-Entlassung abgelehnt hatte, könnte ich ihn dabei immer noch nicht begleiten, weil „das Sicherheitsinteresse der Allgemeinheit überwiegt“.

Im Gefängnis habe ich auch hin und wieder virale Mitbringsel von ihm bekommen, in der Regel Erkältungen. Sie waren das Einzige, was man vom Besuch mit auf die Zelle nehmen konnte, weil sogar an einem Automaten der Anstalt erworbene Schokoriegel unter Verdacht standen, Drogenverstecke zu sein. Wir sahen uns zweimal im Monat, zunächst noch in einem größeren Besuchsraum mit anderen Häftlingen und deren Angehörigen, später dann in einem Einzelraum.

In Ersterem kam es einmal zu einem sehr unangenehmen Moment mit einer Beamtin, die sich berufen sah, meinen damals noch anderthalbjährigen Sohn zurechtzuweisen, weil er die Spielsachen zu weit über den Raum verteile. Das einzige andere Besuchergrüppchen, etwa vier katzenspielende und teils laut fluchende Talahons, war in einer hinteren Ecke des Tischbereichs, wir waren in der Spielecke zugange, wo keine Tische standen. Die Beamtin hatte wohl über die Kameras beobachtet, dass mein Sohn diverses Spielzeug aus den Kisten geholt und in der Spielecke ausgebreitet hatte – ein Umstand, den sie nicht dulden konnte. Sie tauchte in der Tür auf und bat uns gebieterisch, „doch nicht den Raum so für uns einzunehmen, hier sind noch andere Besucher“. Die Talahons kratzte es naturgegeben nicht die Bohne, in welchem Umkreis die Spielecke am anderen Ende des Raumes mit Bauklötzen gepflastert war, was sie sogar deutlich machten: Ey was? Nein, das ist uns egal. Kann spielen, ist egal.

Die Beamtin blickte sich kurz um, sagte nichts und wandte sich dann wieder mit demselben genüsslichen überlegenen Lächeln an uns: Achten Sie drauf, ja. Das geht so nicht. Weg war sie. Ich habe selten zuvor in meinem Leben einen derart glühenden Zorn verspürt wie in diesem Moment. In dieser einen Stunde, die ich mit meinem Sohn habe, muss sie ihre Dominanzspielchen mit uns treiben, um zu kompensieren, dass der übliche Talahon, mit dem sie es hier zu tun hat, einen feuchten Scheißdreck darauf gibt, was sie sagt. Ich kann eigentlich immer noch kaum glauben, dass das alles nicht nur ein Maul- und Klauenseuchen-bedingter Fiebertraum war, sondern wirklich passiert ist.

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