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Lucassens Querschüsse müssen Konsequenzen haben

10. Dezember 2025
in 4 min lesen

Rüdiger Lucassen, der verteidigungspolitische Sprecher der AfD, hat vergangenen Freitag eindrücklich unter Beweis gestellt, wie wichtig klare Grenzen und Verhaltensregeln im Ringen um die außenpolitische Ausrichtung der Partei sind. Es wirkt, als würde er eine Liste der wichtigsten Gegner der für ihn unverhandelbaren Westbindung und NATO-Treue abarbeiten: Zunächst griff er Mitte November Chrupalla in der „Bild“-Zeitung an: „Abstrus“ und „keine Politik mehr“ seien dessen übliche Ukraine-Positionen, die er zuvor mal wieder bei Lanz zum Besten gegeben hatte. Er „gefährde die Regierungsfähigkeit“ bis 2029.

Meinen damaligen Vorstoß will ich jetzt nicht wieder im Detail herunterbeten, nur so viel: Es musste eine rote Linie gezogen werden. Er paktierte mit einem der Gesamtpartei gegenüber feindlich eingestellten Medium, um die Nähe seiner außenpolitischen Ansichten zu denen des Mainstreams in Schwungmasse gegen seinen eigenen Chef umzumünzen.

Die reichweitenstärksten AfD-freundlich eingestellten Medien – „NIUS“, „Tichy“, „Junge Freiheit“, „Apollo News“ –, welche allesamt ebenfalls deutlich transatlantischer ausgerichtet sind als Partei, Vorfeld und Basis, hätten ihm dafür ebenso offengestanden. Aber es musste die Millionenreichweite der „Bild“ sein.

Zieht man bei solchem Feindzeugentum keine Grenze – kann also Lucassen signalisieren, dass er auf alles scheißt und ohne Skrupel jedem, der dem von ihm angestrebten Kurswechsel im Weg steht, nach Ruf und letztlich Amt trachten wird –, dann geht es eben weiter. Der Nächste auf seiner Liste hieß Björn Höcke.

Am Freitag ging es im Bundestag um die schrittweise Wiedereinführung der Wehrpflicht, zunächst mit einer Musterungspflicht. Im Oktober wurde die Parteilinie diesbezüglich offiziell an die Ukraine-Situation und die Unberechenbarkeit der derzeitigen Herrscher angepasst: Parlamentsgeschäftsführer Baumann sprach von „Bedenken, ob man dieser Regierung unsere jungen Leute anvertrauen kann“ sowie von „Missbrauchsmöglichkeiten wie dem Einsatz Wehrpflichtiger im Ausland. Es war eine innerparteiliche Schlappe für Lucassen, der zuvor einen eigenen Antrag auf die Wiedereinführung der Wehrpflicht entworfen hatte, in welchem er noch weiter ging als die Regierung in ihrem.

Als verteidigungspolitischer Sprecher war es nun trotzdem seine Aufgabe, die Ablehnung des Regierungsantrags an der Parteilinie orientiert zu begründen. Die dazu nötige charakterliche Reife dürfte als wichtigstes Eignungskriterium dafür anzusehen sein, ein solches Sprecheramt zu bekleiden. Dass er stattdessen diese Bühne dafür nutzte, zu bekräftigen, die Musterungspflicht gehe nicht weit genug, ging vor dem Hintergrund seines darauf aufbauenden Angriffs auf Höcke jedoch unter.

Höcke habe in seiner Rede vom Mittwoch behauptet, „dass Deutschland es nicht mehr wert sei, dafür zu kämpfen.

Eine Lüge, mit der er Springer-Presse und Co. die perfekte Vorlage gab, die wichtigste Symbolfigur des Vorfelds als fremdbeeinflussten Landesverräter zu brandmarken. Die Umschreibung der vom Kartell geschaffenen Zustände lastete Höcke mitnichten dem Volk an, um darauf aufbauend ein „Deutschland verrecke“ von rechts zu formulieren, sondern unmissverständlich den derzeitigen Herrschern: Vor Wiedereinführung der Wehrpflicht müsse „dieser Staat endlich wieder ein Staat für die Deutschen werden“.

„Bevor junge Menschen von der Politik in diesem Land wieder in die Pflicht genommen werden, muss zuerst die Politik endlich wieder in die Pflicht gegenüber dem eigenen Volk treten.

Dass das nichts mit einer Aufgabe Deutschlands zu tun hat, weiß Lucassen. Aber es ist ihm egal. Wenn es darum geht, die Partei von Elementen zu säubern, die bei der Annäherung an CDU-Positionen in Vorbereitung auf eine Regierungsbeteiligung 2029 stören, ist ihm alles egal: mit wem er sich gemein machen und welche Lügen er dafür verbreiten muss.

Wenn das (wieder) keine Konsequenzen hat, wird er sich ermuntert fühlen, die Partei aus seinem Sprecheramt heraus immer aggressiver in Geiselhaft zu nehmen. Jeden Vertreter des souveränistischen Kurses in Zusammenarbeit mit übermächtigen medialen Feinden so erheblich zu beschmutzen, dass ein Klima der Angst entsteht. Im Tonus der Selbstverständlichkeit regelmäßig im Bundestag entgegen der Parteilinie seine eigenen Ansichten zum Besten geben und damit im öffentlichen Bewusstsein zur De-facto-Parteilinie machen.

Addendum: Während ich diese Zeilen schreibe, hat er soeben die nächste Stufe seines Angriffs auf Höcke gezündet: In „The Pioneer“ verglich er ihn mit Rudi Dutschke und plädierte für eine „Realo“-Wende, wie sie auch die Linken an die Macht gebracht habe.

Dass die Linken dabei nie Vorfeld und radikalere parlamentarische Speerspitzen abschnitten, fällt unter den Tisch. So auch, dass die Linken den Luxus hatten, gegen einen Feind zu kämpfen, der nicht wusste, dass Krieg ist, während unsere Gegner Experten auf dem Gebiet der langsamen Subversion sind – und dementsprechend dagegen gewappnet. Er betrachtet sein Wirken also nach eigener Zugabe als Teil einer größeren Strategie, mit systematischen Angriffen auf „Fundis“ den Gesamtkurs der Partei an die CDU anzunähern.

Andere werden sich ermächtigt fühlen, ebenso nach Belieben Porzellan zu zerschlagen. Bei den Transatlantikern wird ein Selbstverständnis von „wir haben die Etablierten im Rücken, Gegenmaßnahmen traut die Spitze sich eh nicht“ entstehen, und sie werden – während an der Basis neun von zehn mit Chrupallas/Höckes Linie d’accord gehen – tonangebend.

Dieser Präzedenzfall eines Biegens der AfD, das eine Koproduktion von Springer-Presse und innerparteilichen Verrätern wäre, die offen aussprechen, dass eine baldestmögliche Regierungsbeteiligung das Ziel davon ist, würde die Tür für das Zurechtschnitzen der AfD in jeder der CDU unliebsamen Positionierung öffnen. Nach dieser Blaupause des Hebels der Millionenreichweite von Neocon-Massenmedien und Schockstarre in der Führung könnte man genauso Remigration, Familienbild, Geschlechterrollen und mehr abräumen.

Übrig bliebe eine Rest-Partei, die in Regierungsverantwortung plumper Mehrheitsbeschaffer für den Ausbau von Überwachungsstaat und Autoritarismus würde, um die ethnisch durchmischte Post-2015-Gesellschaft mit härterem Durchgreifen zu befrieden, ohne die ethnische Durchmischung anzutasten.

Das Cuckening in der Ukrainefrage ist der Testballon für eine Allianz flach denkender Rechter mit dem Feind, um die AfD im Sinne des Systems umzuformen. Ulf Poschardt pries diese Strategie im Sommer anlässlich Krahs Kreuzzug gegen Remigration als „machiavellistisch-liberalen Move“ an: eine feindliche Übernahme im Gewand der Realpolitik.

6 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Die geschilderten Gefahren sind sehr real. Das politmediale Establishment, so schräg und unbeholfen es manchmal scheinen mag, versteht sich durchaus auf die Kunst der Manipulation und weiß, mit welchen Schlüsselthemen es Rechte anschmiegsam machen kann: mehr Militär und Tschingderassabum, „den Gürtel enger schnallen“, mehr Überwachungs- und Durchgriffsrechte für Staatsorgane und welche Fetische sonst noch so beschworen werden.

    Auch die Libertären in der AfD werden ihre Zückerchen bekommen: endlich weg mit dem nervigen Sozialstaat, runter mit den Steuern, der globale Markt will es.

    Ich würde mal vermuten, dass die zahlenmäßig dominierenden „Westmächte“ hier durchaus in wohlwollende Überlegungen geraten. Bin gespannt auf die Entwicklungen.

  2. Lucassen stützt Helferich im Machtkampf gegen Vincentz. Vermutlich mit wohlwollen von Weidel, bei der ist Vincentz unten durch.
    =es wird nichts passieren.
    Ist mir in dieser Sache auch egal

  3. Die Blauen sind gut um das Overton-Fenster wieder zurechtzurücken.
    Mehr sollte man nicht erwarten, ein Wahlsieg ist ein Etappensieg, nicht die Lösung aller Probleme.
    Es gilt für die kommende Zeit vorauszudenken, ein Zurücklehnen nach dem Fall der Brandmauer würde sonst nur eine Neuauflage des alten BRD-Filz samt aller Schäden bedeuten.

  4. Die Wehrpflicht steht im Grundsatzprogramm der AfD, ebenso wie die NATO-Mitgliedschaft. Die Wehrpflicht wurde vor der letzten Bundestagswahl als Position noch einmal per Mitgliederbefragung bestätigt.

    Die AfD strebt Regierungsbeteiligung an. Darum hat sie schließlich einen Kanzler-Kandidaten aufgestellt. Da diese nur mit einer Koalition mit der CDU/CSU möglich ist, steht die AfD natürlich für eine Kooperation mit der Union. Das gilt im übrigen sogar für Björn Höcke, dieser hat schließlich schon einmal mit der CDU zusammen einen FDP-Ministerpräsidenten gewählt. Dass das gescheitert ist, lag nicht an der AfD.

    Der Autor kann das natürlich alles ablehnen, doch sollte er sich dann eine andere Partei als Projektionsfläche suchen. Was er sich wünscht, wird er mit der AfD nicht bekommen.

    • Da ist sie wieder, die Moral lieber jungfräulich erfolglos im Theoriewunschwunderland zu bleiben als für praktische kleine Erfolge auch mal unschöne Kompromisse einzugehen.

      Die Beteiligung an der per Anruf von Angela aus Afrika rückgängig gemachten Thüringen-Wahl war keine Anbiederung sondern Abwehr eines größeren Übels. Und zudem ein großer metapolitischer Meilenstein, denn offensichtlicher als damals konnte nicht aufgezeigt werden was die „UnsereDemokraten“ wirklich von Wahlentscheidungen halten die nicht gesinnungskonforme Ergebnisse liefern.

      Die Kunst ist es auf dem schmalen Grat zwischen realitätsblindem Purismus und bequemer Büttelei wirksame Fortschritte zu erzielen ohne dabei seine Seele zu verlieren. Und da gilt es wachsam zu sein und Fehltritte konsequent aufzuzeigen.

      Wunschpartner C-Unholde? Untragbar.
      Zeitweise Zusammenarbeit in Sachangelegenheiten? Sinnvoll, solange es im Sinne der eigenen Ziele ist.

  5. Die Festlegung auf die CDU als wahrscheinlichster Koalitionspartner ist ein strategischer Fehler. Damit wird schon eine bestimmte Richtung vorgegeben und das Potenzial der Erpressung gegenüber der AFD steigt. Warum also nicht mal in andere Richtungen denken? Auch mit dem BSW gibt es Schnittmengen und auch dort gibt es vernünftige Leute. Eine dritte Option wäre eine liberale Partei als Juniorpartner in Koalition.

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