Mittelaltermärkte – Kindheitserinnerungen, Kitsch und Kulturkampf

16. Mai 2026
in 3 min lesen

Über das Mittelalter als neuen, alten Sehnsuchtsort lässt sich viel erzählen. Dieser ehrenvollen Aufgabe bin ich an anderer Stelle bereits nachgekommen, erschöpft hat sich das Thema für mich damit allerdings nicht – im Gegenteil! Gerade im Frühling tauchen auf Plakatwänden und an Straßenlaternen die obligatorischen Hinweise auf anstehende Mittelalterveranstaltungen auf. Wer sich beim Anblick derselben nicht in heimelige Kindheitstage zurückversetzt sieht, der muss ein hartes Leben gehabt haben.

Mittelaltermärkte und ‑feste sind etwas Besonderes. Zunächst einmal sind sie einer der wenigen öffentlichen Orte, an denen wir unter uns sein können. Je nach Standort und Abschirmung der Veranstaltung (Museumsveranstaltung, Eintrittspreise, Umzäunung) entfällt selbst bei regem Betrieb der unterschwellige Stressfaktor, der sich beim Abfall einer weitestgehend homogenen Hochvertrauensgesellschaft in eine multikulturelle Misstrauensgesellschaft automatisch einstellt.

Einatmen, ausatmen. Zurück ins Mittelalter – oder zumindest das, was wir dafür halten. In der Regel finden diese Veranstaltungen nicht auf der grünen Wiese statt, sondern in unmittelbarer Nähe einer Burgruine, eines Museums oder einer schönen Altstadt. Wir können also unter Umständen ein neues, altes Stück Deutschland entdecken.

Der wichtigste Grund ist schließlich die metaphorisch gesprochene Weitergabe des Feuers. Kinder müssen lernen, was ein Tjost ist, wie schwer ein Topfhelm auf den Schultern wiegt und wie sich eine Bogensehne spannt. Keine andere Epoche regt die kindliche Fantasie derart an wie das schillernde, bunte, heldenhafte Mittelalter. Keine Zeit eignet sich besser, um lebendige Geschichte zu vermitteln, und auch für Erwachsene gibt es immer wieder etwas Neues zu entdecken. Die Qualität vieler Darstellungen dieser Epoche hat sich in den letzten Jahren massiv verbessert, die Enthusiasten der Reenactment- bzw. Living-History-Szene stecken viel Zeit und Geld in möglichst akkurate Kleidung, Ausrüstung und selbst Wohnausstattung.

Das Turnierspektakel lockt die Masse, aber die interessanten Gespräche ergeben sich oftmals am Rande der zur Schau gestellten Wohnzelte und Handwerke. „Wie lebte/arbeitete man früher?“, ist ja auch so ein Topos, der auffallend oft mit dem Mittelalter in Verbindung gebracht wird. Ich finde es jedenfalls immer wieder aufs Neue faszinierend, dass sich Menschen neben ihrem Broterwerb mit historischen Arbeitspraktiken beschäftigen – das hat ein bisschen was von dem Witz über den Busfahrer, der sich nach getaner Arbeit vor dem heimischen PC niederlässt und dort den Busfahr-Simulator startet.

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Als Rückzugs- und Sehnsuchtsort muss das Mittelalter schließlich auch Szene sein. Damit gehen allerdings auch Probleme einher, die sich wiederum negativ auf die Qualität der Veranstaltungen auswirken können. Das Mittelalter war immer extrem anschlussfähig für Kitsch. Ein Stück weit ist das auch gut so, gerade die kindliche Begeisterung für diese Epoche hängt sich nun mal an der Vorstellung auf, dass jeder Ritter selbstverständlich den ganzen Tag in seiner blankpolierten Rüstung steckte, die über alle Jahrhunderte hinweg aus jeder Menge klappernder Eisenplatten bestand. Man kann darüber hinwegsehen, als interessierter Erwachsener wird man schon zwischen „Mittelaldi“ und qualitativ hochwertiger Darstellung unterscheiden können.

Ein weiterer Punkt ist das Abrutschen ins Rollenspiel, immerhin ist der Übergang zwischen Living History, Reenactment und LARP fließend. Ich bin kein Freund gekünstelter Dialoge auf Mittelniederdeutsch, ich finde so etwas außerhalb einer klar abgegrenzten Theaterbühne knirschig, aber quisque quam vult. Davon abgesehen werden gerade jene Veranstaltungen, die nicht klar als Museums- oder Bildungsprogramm beworben sind, von jenen Exzentrikern überfrequentiert, die auch außerhalb der fünften Jahreszeit das Bedürfnis verspüren, irgendeinen „alten“ Fummel anzuziehen, um dann als lederhosentragender Wikingerpiratenritter zwischen den Ständen umherzustreifen (nur echt mit dem Trinkhorn am Gürtel).

Eigentlich verdient diese „Szene in der Szene“ eine besondere Betrachtung – in dem ostentativ zur Schau gestellten Willen, der Moderne zu entfliehen, aber dann doch nicht den entscheidenden Schritt zu einer professionellen Darstellung zu gehen, steckt viel, worüber man nachdenken kann. Apropos „Szene in der Szene“: Ein sehr aktiver Darsteller und Besucher beschwerte sich neulich in einem Video über den qualitativen Verfall der Mittelaltermärkte und verwies dabei auf das immer häufigere Auftreten von Fetisch-Liebhabern.

Gegen das „Great Awokening“, das sich über die letzten 10 bis 15 Jahre in jedem westlichen Kulturbetrieb wie ein Krebsgeschwür ausgebreitet hat, scheint auch die Mittelalterszene nicht gefeit. Sie ist eben leider doch nicht nur Rückzugsort, sondern ein Spiegel der Gesellschaft oder – um es martialisch auszudrücken – ein Schlachtfeld der Weltanschauungen.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Mittelalter-Märkte sind zuerst eines, Flucht aus einer Gegenwart, einer Realität die uns alle gerade vor große Herausforderungen stellt. Natürlich wird dort „das einfache Leben“ romantisiert. Aber das Mittelalter war in vielen Bereichen auch viel klarer, vernunftgeprägter und logischer als die heutige Zeit. Und solche Märkte dienen natürlich dazu das Interesse daran zu wecken, die schönen Seiten zu präsentieren, sie sind Kurzweil oder neudeutsch „Mikroabenteuer“, Spektakel, Klamauk und Balsam für die Seele fernab von Tochscreen, App-Anwendungen ect.

    Allerdings treiben die aktuellen Gesetze auch hier wieder Stilblüten. Wurden früher dort oft einfache Messer, Zwillen und Bögen verkauft, so ist dies heute die Ausnahme. Früher leuchteten die Augen der Knaben (und Väter) an solchen Ständen…

    • Ich habe früher auch an Märkten teilgenommen, das Klientel ist stark gespalten zwischen Links und Rechts aber es gibt Häufig eine Art Burgfrieden da es schön ist wenn der Markt ein Ort ist auf dem man sich kaum politisch begegnet sondern mit Themen wie:Ist das Feuer noch an? Was kochen wir Heute? Schwertkampf für die Zuschauer, gemeinsames singen, erzählen, trinken abends am Lagerfeuer besteht.
      Ich bin selbst trainer für historisches Fechten nach Joachim Meyer. Das ist für mich auch eine möglichkeit einen kleinen teil unseres kulturellen Erbes weiterzuführen.

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