Würde Israel ein seine Staatsräson gesund und logisch ausschließlich auf sich selbst beziehendes Deutschland unterstützen? Wohl kaum. Denn die bundesrepublikanische Staatsräson, wie sie der politmediale Komplex seit Jahrzehnten propagiert, beißt sich zunehmend mit den Ansichten der BRD-Bevölkerung, insbesondere beim wachsenden Teil mit Migrationshintergrund. „Pro Palestine“ ist bei der Jugend und in den Subkulturen en vogue, antiisraelische Positionen sind längst Mainstream in der Bundesrepublik – vom Deutschrapper über den linken Studenten bis zum Food-Influencer, und diese Paste lässt sich nicht wieder zurück in die Tube pressen. Gleichzeitig wächst bei Umfragen die Kritik an Waffenexporten nach Israel, und das Vertrauen in den jüdischen Staat sinkt.Â
Kein Wunder: Die Staatsräson bleibt angesichts der islamistischen israelfeindlichen Exzesse auf deutschen Straßen nicht nur gratismutiges Lippenbekenntnis, sondern sie ist auch schlicht falsch und unnatürlich. Als Nationalstaat setzt man keine anderen fremden Staaten über den eigenen. Deutsche Staatsräson sollte einzig und allein die Sicherheit und Existenz Deutschlands sowie die Wahrung der deutschen Interessen sein, sprich Schutz und Mehrung von Freiheit, Sicherheit und Wohlstand des deutschen Volkes – mit allen Mitteln.
Hier kommt es zu einem Dilemma mit Israel. Egal, wie sehr man Israels Recht auf Selbstverteidigung oder den Freiheitsdrang der Palästinenser teilt und unabhängig davon, wie schockierend die grausamen Bilder von den palästinensischen Attacken auf israelische Zivilisten oder von israelischen Bombenangriffen auf arabische Familien sind, Deutschlands Interesse ist, dass der Nahostkonflikt und seine Protagonisten beider Seiten nicht nach Deutschland schwappen.Â
Leider ist dies im Schatten ebenjener „offiziellen“ missgebildeten Staatsräson bereits längst mit diversen Einwanderungswellen aus der Region geschehen, sodass Deutschlands Hauptaugenmerk auf der Ausweisung und Rückführung der entsprechenden Migranten liegen sollte. Israels Vorgehen in Gaza, im Südlibanon und am Persischen Golf wirkt dem allerdings entgegen und löst neue Migrationswellen aus.
Mit fatalen Folgen für Deutschland. Die heutige Misere mit anwachsenden, den Staat unterlaufenden arabischen Clans in der Bundesrepublik hat ihren Ursprung in den Libanonkriegen der 70er- und 80er-Jahre, als Libanesen, vertriebene Palästinenser und ursprünglich aus der Türkei stammende Mhallami-Kurden die Gunst der chaotischen Stunde nutzten, um per Asyl-Ticket nach Westdeutschland mit seinen Sozialtrögen zu gelangen. Und längst gibt es Berichte von neuen, vergleichsweise frisch angekommenen syrischen und palästinensischen Großfamilien.
Derart kann es übrigens gar nicht im israelischen Interesse liegen – auch wenn der Zentralrat der Juden in Deutschland skurrilerweise 2015 die Flüchtlingsaufnahme forderte –, dass sich die ausgelösten arabischen Abwanderungsbewegungen weiterhin in Europa festsetzen und alimentiert von den dortigen Sozialsystemen eine reichenweitenstarke und alltagsmächtige antisemitische Diaspora etablieren. Die Frage ist jedoch, ob Jerusalem dies angesichts der längerfristigen Planspiele eines Groß-Israel überhaupt erkennen möchte. Trotzdem glauben einige liberalkonservative Stimmen in Deutschland, Benjamin Netanjahu und seine Likud-Partei seien so etwas wie rechte Verbündete, von denen man lernen könne.
Darauf, dass Amerikaner, Briten und Franzosen einen Bodycount-intensiven Konflikt bis hin zu einem Atomkrieg für deutsche Lande riskieren, sollten wir uns ebenfalls lieber nicht verlassen. Wer sich auf diesen ausländischen Schutz verlässt, ist verlassen. Das zeigt auch das in der Tat tragische ukrainische Drama. Als die Ukraine 1994 auf ihre sowjetischen Atomwaffen verzichtet und sie an Russland abgegeben hat (was neben zu hohen Betriebskosten und maroder technischer Infrastruktur mehrere Gründe hatte), haben ihr Russland, aber auch die USA, Frankreich und das Vereinigte Königreich Sicherheitsgarantien gegeben. Für westliche Staaten war damals eine bankrotte und korrupte Ex-Sowjetrepublik, die über zahlreiche Atomsprengköpfe verfügt, ein absoluter Albtraum.
Man merke: Die russischen Garantien sind, wie man brutal sehen kann, nichts wert. Die westlichen aber eben auch nicht. Deutschland kann und darf sich nicht auf den A-Abwehrschirm anderer verlassen. Leider wird eine zielführende Debatte über deutsche Atomwaffen insbesondere von „konservativer“ Seite regelmäßig ablehnend abgewürgt („konservativ“ muss in diesem Zusammenhang tatsächlich in Anführungszeichen gesetzt werden). Lieber macht man es sich weiterhin in dem seit über 70 Jahren unterwürfig eingeübten Untertanen-Status-quo unter fremden Abschreckmechanismen gemütlich.Â
Ein einfältiger, an die linke Friedensbewegung erinnernder Abrüstungspazifismus von rechts kann allerdings auch keine ernste Alternative sein. Eine erstarkte und notwendigerweise völlig neu aufgestellte Bundeswehr wird es nicht über Nacht geben, wenn die AfD 2029 oder 2033 vielleicht in die Nähe einer Regierungsverantwortung gelangt. Und eine weitere militärische Schwächung und die damit einhergehende Platzierung an noch kleiner werdenden Katzentischen der internationalen Krisengespräche kann sich Deutschland nicht leisten.
„America first“ kollidiert und konkurriert aber bereits jetzt mit „Deutschland zuerst“. Doch diese Herausforderung wird erst gar nicht ernsthaft angenommen. Am Ende muss sich das deutsche Volk allerdings aus dem Schlamassel, den es sich selbst eingebrockt hat, auch selbst befreien. Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre es, dies zu erkennen und die eigenen Kräfte zu stärken, anstatt von fremden Heilsbringern aus allen Himmelsrichtungen zu träumen.
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