„Jeder ist rechts in Bezug auf die Dinge, die ihm tatsächlich etwas bedeuten.“ So lautet eine unter rechten Internetessayisten gern verwendete Phrase – und sie ist korrekt. Im Tierreich, wo jeder Wille einfach und instinktgetrieben ist, existiert nichts Linkes: Alles ist kämpferisch, territorial, familiär oder clanorientiert und geprägt vom Recht des Stärkeren, dem rechtesten Prinzip schlechthin.
Jeder Mensch wird wieder zu diesem Tier, sobald seine ureigensten Interessen bedroht sind. Unter primitiven Verhältnissen kann nichts Linkes existieren; innerhalb menschlicher Gesellschaften tritt das Linkssein, der „Leftismus“, erst ab einem hohen Grad von sozialer Komplexität auf. Es gibt schwache Menschen und starke, aber keinen durch und durch linken: Wenn ihm die Möglichkeit gegeben – vor allem aber, wenn ihm die Notwendigkeit abverlangt wird –, dann bevorzugt jeder Mensch seine eigenen Interessen und die seiner Nächsten und nicht die große Gleichheit.
Mechanismen des sozialen Ausgleichs in der Vormoderne
In einer positiv wertender Lesart stellt der „Leftismus“ den Versuch dar, die starken Fliehkräfte einer komplexen Organisation abzumildern, um so den Fortbestand der Gemeinschaft als Ganzes zu wahren. Wo intergenerationelle Akkumulation möglich wird, stratifiziert sich jede Gesellschaft zugunsten ihrer talentiertesten Mitglieder. Das Auseinanderdriften der Schichten wird in Agrargesellschaften durch den Mangel an der Skalierbarkeit der Erträge begrenzt. Die Erntemenge hängt linear mit dem Besitz an natürlich begrenztem Boden zusammen, und selbst der beste Landverwalter kann im Vergleich zum Durchschnitt seiner Konkurrenten nur marginale Steigerungen der Erträge pro Flächeneinheit bewirken. Überdies bedingt der Charakter der Feldarbeit, dass viele einfache Leute täglich in direkten persönlichen Kontakt mit ihren Vorgesetzten treten: Der Gutsherr und der Knecht essen aus demselben Topf. Auch innerhalb der katholischen Kirche gab es nie ernste, andauernde Redistributionsbewegungen, weil in ihr keine mit fixem Erbrecht ausgestatteten Familien existieren und sich die Pfründe hierdurch nicht über Generationen hinweg in der Hand weniger konzentrieren.

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