Die Deutschen haben sich wie kein anderes Volk Europas selbst zum Freiwild degradiert. In freien Wahlen haben sie sich jahrzehntelang ihren Verderbern ohne jede Not ausgeliefert. „Ihr solltet selbst die niederträchtige, Euch unsäglich herabwürdigende Herrschaft von Euch schütteln, in deren Hand Ihr durch ein finsteres Verhängnis gefallen seid“, riet Thomas Mann im August 1941 aus dem sicheren US-amerikanischen Exil seinen in Deutschland verbliebenen Landsleuten. Und ein Jahr später rief er ihnen zu: „Wenn die Herren Deutschlands es im Geringsten gut mit Euch meinten, […] wenn es ihnen nicht ausschließlich um ihre eigene Haut, um die Bewahrung ihrer korrupten Machtschlemmerei zu tun wäre, so würden sie ihr verworfenes Spiel als verworfen und verloren anerkennen, so würden sie abtreten.“ Das taten die Herren Nationalsozialisten damals jedoch so wenig wie heute die Repräsentanten „unserer Demokratie“.
Die gegenwärtige Zeit der Neurasthenie findet in der deutschen Historie durchaus ihre Vorläufer, etwa in jenen fanatisierten Wiedertäufern, die unter dem Regiment ihres hysterischen „Königs“ Jan van Leyden die Stadt Münster im 16. Jahrhundert für einige Jahre in Angst und Schrecken versetzt hatten. Ihre zunächst in freien Wahlen legitimierte und vom Volke begrüßte Herrschaft erstickte schnell jede Opposition, flankiert von Vertreibungen, Bilderstürmen und Bücherverbrennungen. Doch das Gesetz galt nicht für Leyden und seine führenden Paladine, die in prächtigen Palästen dem Herumhuren und der Völlerei huldigten. Nach 14 Monaten Belagerung wurde Münster 1535 von den Truppen des Bischofs Franz von Waldeck zurückerobert und dem ganzen Spuk ein rasches Ende bereitet. Noch zwei Tage zuvor versprach Leyden dem Vernehmen nach seinen Anhängern das Paradies. Auch heute sehen wir wieder einen Anhauch modernen Täufertums in den Maßnahmen jener, die uns diktieren wollen, wie wir zu leben und zu sprechen, was wir zu essen und zu wählen oder wie wir zu heizen haben.
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