Dies ist ein Krautzone-Plus-Artikel, der normalerweise hinter einer Paywall liegt. Im Rahmen der Theodor-Körner-Woche ist er bei uns jedoch frei zugänglich.
Im Westen des Reiches wütet die Französische Revolution, in Deutschland herrscht die Blütezeit der Dichter, Denker und Musiker. Doch die kulturelle Hochphase des „Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation“ nutzt realpolitisch wenig: Das Reich wird Teilstaat für Teilstaat von Napoleon erobert und in neue politische Verhältnisse gezwungen. Theodor Körner (1791–1813) wächst zu dieser Zeit in einem wohlhabenden, gebildeten und kultivierten Elternhaus in Dresden auf. Bei Körners Großvater mütterlicherseits hatte Johann Wolfgang von Goethe einst das Zeichnen gelernt, Friedrich Schiller ist ein enger Vertrauter von Theodors Vater. Auch andere Größen der Zeit wie die Gebrüder Humboldt, Novalis oder der ebenfalls in Dresden wohnende Caspar David Friedrich sind der Familie persönlich wohlbekannt. Der Dichter der „Hermannsschlacht“, Heinrich von Kleist, wird dem jungen Theodor 1808 sogar ein Gedicht widmen.
Kein Wunder also, dass sich auch Theodor schon früh den schönen Künsten widmet und Gedichte verfasst. Von der Bergakademie Freiberg wechselt Körner im Jahr 1810 nach Leipzig und studiert dort Geschichte und Philosophie. Er schließt sich einer der zu dieser Zeit gegründeten Landsmannschaften an, die insgeheim den Befreiungskampf gegen die französischen Besatzer planen. Gegen den untätigen Adel und das Bildungsbürgertum an den Universitäten hegt er einen Groll. Um der „Relegation“ – also dem Ausschluss aus der Universität – zu entgehen, weil er sich trotz eines dort verkündeten Verbots und nach acht Tagen in einer Arrestzelle ein zweites Mal duelliert, zieht er nach Berlin. Auch dort wird Körner weiter sozialisiert: Er treibt Sport mit „Turnvater“ Jahn und hört Vorlesungen des deutschnationalen Philosophen Johann Gottlieb Fichte, der heutzutage vor allem für seine „Reden an die deutsche Nation“ bekannt ist. Weil die Berliner Universität mit der Leipziger ein vertragliches Abkommen pflegt, trifft die Relegation Körner nun auch in Berlin, woraufhin dieser im Jahr 1812 nach Wien zieht.
Dort angekommen, vernachlässigt er sein Studium und konzentriert sich auf die dramatische Dichtkunst. Damit feiert er schon in jungen Jahren Erfolge: Sein Theaterdrama „Zriny“ (1812), das den ungarischen Freiheitskampf gegen die Osmanen zum Inhalt hat und damit ganz klar auf die politischen Zustände anspielt, wird in Wien mit tosendem Beifall aufgenommen. Körner wird auch deshalb mit nur 20 Jahren zum Hofdichter ernannt – an der Wiener Hofburg lernt er unter anderem Ludwig van Beethoven (1770–1827) kennen, mit dem er gemeinsam arbeitet. Schon kurze Zeit später, ausgelöst durch Napoleons gescheiterten Russlandfeldzug, der das Leben vieler deutscher Soldaten kostet und die Stimmung im Volk endgültig kippen lässt, scheint die richtige Zeit für den nationalen Befreiungskampf gekommen. Der Staat Preußen kündigt das erzwungene Bündnis mit Frankreich auf und ruft sein Volk zu den Waffen. Körner beendet seine Karriere in Wien und macht sich auf in den Norden. Seine Motivation, die viele idealistische Gleichgesinnte dieser Zeit teilen, hält Körner in einem Brief an seinen Vater fest:
„Deutschland steht auf! Der preußische Adler erweckt in allen treuen Herzen durch seine kühnen Flügelschläge die große Hoffnung einer deutschen, wenigstens norddeutschen Freiheit. Meine Kunst seufzt nach ihrem Vaterlande; lass‘ mich ihr würdiger Jünger sein! Ja, liebster Vater, ich will Soldat werden, will das hier gewonnene glückliche und sorgenfreie Leben mit Freuden hinwerfen, um, sei‘s auch mit meinem Blute, mir ein Vaterland zu erkämpfen.“
Mit dieser Einstellung schließt sich Körner im März 1813 dem Freiwilligenverband von Major Ludwig Adolf Wilhelm von Lützow an, der vor allem aus idealistischen Patrioten, Handwerkern und Studenten besteht. Bereits zuvor hatte „Turnvater“ Ludwig Jahn den Geheimbund „Deutscher Bund“ zum Zweck der Einigung der Deutschen und der Befreiung von der napoleonischen Herrschaft gegründet, sodass die Mobilisierung tausender Freiwilliger in Breslau nur kurze Zeit dauerte.
In den folgenden Monaten zieht Theodor Körner als dichtender Soldat durch Deutschland. Bei einem Überfall der mit den Franzosen verbündeten Württemberger entgeht er nahe Leipzig nur knapp dem Tode; Napoleon selbst hatte befehlen lassen, „die Räuberbande des schwarzen Korps einzufangen und niederhauen zu lassen“. Nach seiner Genesung dient Körner als Adjutant seines Freikorps-Führers Major von Lützow. Obwohl Körner – sehr zu seinem Bedauern – an keiner großen Schlacht teilnimmt, fällt er am 26. August 1813 bei Gadebusch in Mecklenburg mit nur 21 Jahren in einem Gefecht, als er während einer waghalsigen Attacke auf französische Truppen von einer Kugel getroffen wird. Von seinen Kameraden wird er unter einer Eiche in Wöbbelin begraben, die dort bis heute steht.
Leyer und Schwert
Körners künstlerisches Schaffen ist von seinem unbedingten Idealismus geprägt. Noch während seines Feldzugs verfasste er zahlreiche patriotische Gedichte, die im Freikorps eifrig verbreitet und von seinen Kameraden begeistert gesungen wurden. Sein Vater veröffentlichte ein Jahr nach seinem Tod eine Sammlung von Körners Kriegsliedern unter dem Titel „Leyer und Schwert“, die den jung verstorbenen Dichter deutschlandweit berühmt machte.
Charakteristisch für Körners Dichtung ist die Verherrlichung der Aufopferung für die Freiheit, deren Preis er selbst bezahlte. Seine schwärmerische Todesbereitschaft spiegelt sich etwa im Gedicht „Aufruf“ wider:
Der Himmel hilft, die Hölle muß uns weichen!
Drauf, wackres Volk! Drauf! ruft die Freiheit, drauf.
Hoch schlägt dein Herz, hoch wachsen deine Eichen.
Was kümmern dich die Hügel deiner Leichen?
Hoch pflanze da die Freiheitsfahne auf!
Doch stehst du dann, mein Volk, bekränzt vom Glücke,
In deiner Vorzeit heil‘gem Siegerglanz:
Vergiß die treuen Toten nicht und schmücke
Auch unsre Urne mit dem Eichenkranz!
Selbst als Körner nach einer Verwundung bei Kitzen 1813 glaubte, im Sterben zu liegen, griff er zur Feder. Dem Sonett „Abschied vom Leben“ mangelt es auch deshalb nicht an Pathos:
Die Wunde brennt, die bleichen Lippen beben.
Ich fühl’s an meines Herzens mattem Schlage,
Hier steh ich an den Marken meiner Tage.
Gott, wie Du willst, Dir hab ich mich ergeben.
Die romantischen Zeilen Körners, verbunden mit der Mischung aus emotionaler Dichtung und tatsächlichem Kampfesmut, besitzen auch heute noch eine leidenschaftliche Eindringlichkeit. Sie tragen ebenfalls zu der Legendenbildung rund um Körner und das Lützowsche Freikorps bei.
Heldentod, Mythos und Vereinnahmung
Körners Grab in Wöbbelin im heutigen Mecklenburg wurde in den Jahren nach 1813 zu einer Pilgerstätte patriotischer Verehrung; in der sich formierenden deutschen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts avancierte Körner zu einer zentralen Erinnerungs- und Identifikationsfigur. Patriotische Dichterkollegen feierten ihn in Versen, Vereine gedachten seines Todestages und seine Lieder – etwa das von Carl Maria von Weber vertonte „Lützows wilde Jagd“ – wurden im ganzen Land populär und im Schulunterricht gelehrt.
Mit der Reichsgründung 1871 erfuhr der Mythos um Körner eine neue Blüte. Das freiwillige Opfer des jungen Dichters galt als vorbildlich: Die Körner-Biografie von 1898 ist all jenen gewidmet, „die in den Befreiungskriegen von 1813–1815 gefallen sind, den Lebenden zum ernsten Gedenken, den künftigen Geschlechtern zur Nacheiferung“. In diesem Sinne diente Körner auch der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ im Nationalsozialismus als Vorbild. In einem Flugblatt wird etwa das Gedicht „Aufruf“ zitiert: „Frisch auf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen.“
In der DDR stand Körner als Vorkämpfer freiheitlich-demokratischer Ideale, obwohl sich aus Körners Werk kaum ein republikanischer Geist herauslesen lässt: Nur eine einzige Zeile – „Es ist kein Krieg, von dem die Kronen wissen“ – kann als tendenziell antimonarchisch interpretiert werden. Diesen wenigen Worten stehen allerdings zahlreiche Werke gegenüber, in denen die Fürstenhäuser gepriesen werden.
In der Bundesrepublik ist die Heldenverehrung des Dichtersoldaten weitgehend verblasst; der Mythos ist der wissenschaftlichen Zergliederung und der Lupe der modernen Literaturwissenschaft zum Opfer gefallen. Dennoch lebt Körner in vielen Straßen, Plätzen und einigen Herzen fort. Zwischen Norddeutschland und Böhmen finden sich bis heute gar rund 45 Kunst- oder Naturobjekte, die an Theodor Körner, seinen Idealismus, seine Kunst und seinen Freiheitskampf erinnern.

Wusstest du schon? Die schwarzen Jäger
Jägerverbände gab es in vielen deutschen Teilstaaten. In Preußen gehörten einem Detachement im Durchschnitt 100 bis 150 Infanteristen und 60 bis 80 Kavalleristen an. Das Lützowsche Freikorps machte sich aufgrund seiner schwarzen Uniformen als „Schwarze Jäger“ einen Namen und bestand hauptsächlich aus Freiwilligen aus ganz Deutschland. Napoleon waren die „schwarzen Banditen“, wie er sie einmal genannt haben soll, ein besonderer Dorn im Auge. Nicht nur militärisch waren die Freischärler unberechenbar – ihre Aktionen waren ein Katalysator für eine antifranzösische Stimmung gegen die Besatzer aus dem Westen.
Nach Napoleons erster Abdankung und dem Einzug der Alliierten in Paris im Jahr 1814 wurden die nicht preußischen Freiwilligen entlassen – das Freikorps selbst, zu dem die Schwarzen Jäger gehörten, wurde aufgelöst. Als Napoleon im März 1815 aus dem Exil zurückkehrte, wurden aus den Resten des ehemaligen Freikorps preußische Linienregimenter gebildet. Lützow selbst erlitt in den darauffolgenden Gefechten schwere Verwundungen und geriet in Gefangenschaft; seine Regimenter kämpften in der Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815, die Napoleons endgültige Niederlage besiegelte.
Für das Kriegsgeschehen war der Freiwilligenverband Lützows zu keiner Zeit entscheidend, doch seine symbolische Kraft und deren Auswirkungen auf das Verbundenheitsgefühl der deutschen Nation waren enorm: In Jena gründeten ehemalige Mitglieder der Schwarzen Jäger an der Universität die gesamtdeutsche Urburschenschaft. Ihre Farben waren schwarz wie die Uniform, rot wie die Abzeichen und golden wie die Messingknöpfe daran. Sie wurden ein Jahrhundert später die Farben der ersten deutschen Republik.

