Es war jedes Jahr fast dasselbe Schauspiel, ganz wie in der Filmkomödie Und ewig grüßt das Murmeltier. Ein japanischer Premierminister besucht gemeinsam mit Regierungsmitgliedern den Yasukuni-Schrein in Tokio – und prompt folgen Proteste aus Peking und Seoul. Erklärungen der Empörung werden veröffentlicht, diplomatische Beschwerden übermittelt, gelegentlich eskaliert die Stimmung sogar auf der Straße: japanische Einrichtungen werden angegriffen, Autos demoliert, Demonstrationen schlagen in Ausschreitungen um.
Der Grund für diese Empörung ist bekannt. Im Yasukuni-Schrein werden rund 2,5 Millionen Gefallene der japanischen Kriege seit dem 19. Jahrhundert als kami verehrt, also als göttliche Seelen. Darunter befinden sich auch 14 im Tokioter Kriegsverbrecherprozess verurteilte Kriegsverbrecher der Klasse A.
Für China und Südkorea, die beide schwer unter Japans Angriffskrieg und der anschließenden Besatzung gelitten haben, ist jeder Besuch eines japanischen Regierungschefs dort ein Affront. In China sind die Erinnerungen an Verbrechen wie das Massaker von Nanking, bei dem Hunderttausende Zivilisten ermordet und zehntausende Frauen vergewaltigt wurden, oder an die grausamen Menschenversuche der Einheit 731 bis heute präsent. Auch in Korea wirken die Erfahrungen der Kolonialherrschaft von 1910 bis 1945 nach, etwa Zwangsarbeit, die Unterdrückung der eigenen Kultur und das System der sogenannten „Trostfrauen“, bei dem zahlreiche Frauen zur Prostitution gezwungen wurden.
Vor diesem Hintergrund erscheint der Schreinbesuch vielen als Symbol mangelnder Reue und – so lautet der Vorwurf – als Verherrlichung des alten japanischen Militarismus.
Als Deutscher, der mit der historischen Hypothek unseres eigenen Landes aufgewachsen ist, versteht man diese Konfliktlinie sofort. Auch Deutschland hat einige seiner Nachbarländer angegriffen, auch Deutschland hat Leid verursacht. Aber genau an diesem Punkt beginnt ein bemerkenswerter Unterschied zwischen beiden Ländern.
Deutschland hat nach 1945 – aufoktroyiert von den westlichen Siegermächten – eine politische Kultur entwickelt, die nicht nur extrem einseitig und selektiv an die Vergangenheit erinnert, sondern sie geradezu zum Mittelpunkt der eigenen nationalen Selbstdefinition gemacht hat. Ob es richtig war, die eigene historische Schuld so aufzuarbeiten, mag man angesichts einer inzwischen pathologischen Selbsterniedrigung bezweifeln. Diese Form der Aufarbeitung verkommt zu einer lügenhaften Eindimensionalität, die einer gezielten Lüge gleichzusetzen ist: Indem man wesentliche Teile der Geschichtserzählung – wie den Auftakt des Krieges sowie die Vertreibung und Ermordung von Millionen Deutschen – offensichtlich vorsätzlich ausblendet, betreibt man eine bewusste Geschichtsfälschung. Dem Grunde nach und rückblickend betrachtet, mag man die Aufarbeitung zwar vielleicht noch als teilweise notwendig ansehen. Doch aus dieser ursprünglichen Notwendigkeit ist über Jahrzehnte ein regelrechter politischer Schuldkult entstanden, der die historische Realität einseitig verzerrt. Ein Schuldkult, der von den eigenen Politikern und den mit ihnen verbandelten etablierten Medien zur Bekämpfung der demokratischen Opposition in absolut schändlichster Weise missbraucht und auch vom Ausland zur Durchsetzung von Interessen gegen Deutschland verwendet wird. Das öffentliche Bekenntnis zur Schuld hat sich zur moralischen Staatsräson verfestigt. Patriotismus steht unter Verdacht, nationaler Stolz gilt rasch als anstößig – während gleichzeitig ein demonstratives Schuldbewusstsein kultiviert wird, das immer wieder in eine Form ritualisierter Selbstanklage übergeht.
Besonders sichtbar wird dieser Ton in den Reden führender Repräsentanten des Staates, etwa beim amtierenden Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. In vielen seiner öffentlichen Ansprachen wird ein Gestus gepflegt, der nicht mehr wie nüchterne historische Erinnerung wirkt, sondern wie demonstrativer Schuldstolz. Immer wieder wird dabei ein düsteres Bild der eigenen Geschichte und Gegenwart beschworen, in dem Deutschland vor allem als moralisch belastete Nation erscheint, die sich ständig aufs Neue zu rechtfertigen habe.
Für mich ist das kein Zeichen souveräner historischer Verantwortung, sondern Ausdruck eines politischen Rituals. Dieser Schuldkult erhebt die permanente Selbstbezichtigung geradezu zum moralischen Ideal und drängt damit ein ganzes Volk ungefragt in eine Haltung dauernder Selbsterniedrigung. An die Stelle einer selbstbewussten, erwachsenen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte tritt so eine politische Kultur der Bußgesten, in der nationale Würde und normale Formen von Selbstachtung unter Generalverdacht geraten.
Japan hingegen geht mit seiner Vergangenheit völlig anders um. Dort existiert kein vergleichbarer Schuldkult. Japanische Regierungen sehen sich zwar regelmäßig mit Forderungen nach neuen Entschuldigungen konfrontiert, insbesondere aus China und Südkorea – doch sie verweigern sich der Erwartung eines endlosen Bußrituals. Man gedenkt der Gefallenen, man ehrt die eigenen Toten, und man betrachtet dies als legitimen Teil der eigenen nationalen Tradition.
Lange Zeit hatte ich – geprägt von deutschen Medienberichten – angenommen, auch in Japan selbst sei der Yasukuni-Schrein eine Art gespaltenes Symbol, von vielen Japanern mit Skepsis betrachtet. Diese Annahme erwies sich als Irrtum.
Vor einigen Jahren arbeitete ich mehrere Monate als deutscher Jurist in Tokio in einem japanischen Unternehmen. Natürlich nutzte ich die Gelegenheit, die Stadt kennenzulernen. Eines Freitagnachmittags verließ ich das Büro etwas früher und beschloss, den Yasukuni-Schrein selbst zu besuchen.

Schon die Anlage beeindruckt: Der Schrein wurde 1869 gegründet, um die Gefallenen zu ehren, die in den Kriegen Japans für Kaiser und Staat gestorben waren. In einem symbolischen „Seelenregister“ sind heute über 2,4 Millionen Namen verzeichnet – Soldaten, aber auch Zivilisten, die im Zusammenhang mit den Kriegen ums Leben kamen.
Es gibt eine Gebetshalle, in der Besucher Respekt erweisen und Opfergaben darbringen. In der Haupthalle sind die Seelen der Gefallenen eingeschreint. Ein weiteres Gebäude bewahrt das Register mit den Namen der Toten. Ein kleiner Nebenschrein ist sogar den Gefallenen der Gegenseite gewidmet – ein Detail, das im politischen Streit um den Ort oft übersehen wird.
Als ich an diesem Nachmittag gegen halb fünf das Gelände betrat, war es zunächst ruhig. Ich ging über das Areal, betrachtete die Gebäude, den Garten mit seinem Teich, die traditionellen Bühnen und Anlagen.
Doch plötzlich begann sich der Schrein zu füllen.
Aus allen Richtungen strömten Menschen herbei – Angestellte aus den Büros der Stadt, Familien, junge Leute. Besonders auffällig war, wie viele junge Japanerinnen und Japaner in traditionellen Kimonos erschienen. Die Atmosphäre war keineswegs bedrückt oder schuldbeladen, sondern eher festlich und würdevoll.

Dann erschien eine Trommlergruppe mit großen Taiko-Trommeln. Sie bereiteten ihren Auftritt mit ritualisierten Bewegungen vor. Die Trommler trugen Anzüge, die an Kampfkunstkleidung erinnerten, und Stirnbänder. Ein Kommandoruf hallte über den Platz – und dann begann das Trommeln.
Die Schläge waren hart, präzise, rhythmisch. Jeder Schlag wirkte wie ein Echo aus einer sehr alten Tradition. Die Zuschauer standen dicht gedrängt und verfolgten das Schauspiel mit sichtbarer Begeisterung.
Währenddessen senkte sich langsam die Dämmerung über Tokio. Und plötzlich begannen rund um den Schrein unzählige gelbe Lampions zu leuchten. Jede dieser Laternen steht symbolisch für eine der Seelen der Gefallenen. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich das Gelände in ein Meer aus Licht.
Das Trommeln hallte durch die warme Abendluft, über den Köpfen der Menschen flackerten die Lampions, und man hatte den Eindruck, einer jahrhundertealten Form des Gedenkens beizuwohnen.
In diesem Moment wurde mir bewusst, wie anders ein Land mit seiner Geschichte umgehen kann. Die Japaner versammelten sich hier nicht, um sich selbst zu verurteilen oder ihre nationale Vergangenheit zu verfluchen. Sie waren gekommen, um der eigenen Toten zu gedenken – ruhig, würdevoll und mit sichtbarem Stolz auf ihre Traditionen.
Das heißt nicht, dass Japans Geschichte frei von Schuld wäre. Aber es bedeutet, dass eine Nation sich nicht dauerhaft auf die Rolle des moralischen Angeklagten reduzieren lässt.
Während in Deutschland politische Reden zum Jahrestag historischer Ereignisse oft von Selbstanklage geprägt sind, zeigte sich mir in Tokio eine andere Haltung: Erinnerung ja – aber ohne jede Form der permanenten Selbsterniedrigung.
Dieser Abend im Yasukuni-Schrein hat meinen Blick auf nationale Erinnerungskultur grundlegend verändert. Er zeigte mir, dass es möglich und notwendig ist, Geschichte anzuerkennen, ohne sich dauerhaft von ihr definieren oder lähmen zu lassen.
Im scharfen Gegensatz dazu steht der Umgang Deutschlands mit der eigenen Vergangenheit: Was hier von politischen Repräsentanten wie Frank-Walter Steinmeier und anderen immer wieder öffentlich inszeniert wird, ist keine ehrliche Form der Erinnerung – es ist längst zu einer nicht enden wollenden, tief verinnerlichten und ritualisierten Form einer perversen Selbsterniedrigung geworden. Diese institutionalisierte Form des Schuldabwertung wirkt wie ein permanenter moralischer Hebel, der den politischen Diskurs verengt, abweichende Positionen delegitimiert und die Handlungsfähigkeit des Landes systematisch einschränkt.
Auch nach außen entfaltet diese Haltung Wirkung: Sie prägt Erwartungen, verschiebt Kräfteverhältnisse und trägt dazu bei, dass historische Fragen immer wieder politisch aufgerufen werden – nicht selten verbunden mit frechen Forderungen, die sich aus genau dieser demonstrativen Selbstverortung speisen.
Zu einer wirklich selbstbewussten deutschen Erinnerungskultur gehört deshalb mehr als das fortgesetzte Wiederholen einseitiger Schuldnarrative. Sie muss endlich die an Deutschen begangenen Verbrechen über die gesamte erste Hälfte des 20. Jahrhunderts sichtbar machen und angemessen einordnen – insbesondere im Zusammenhang mit Flucht, Vertreibung und Besatzung. Dazu zählen der Verlust etwa eines Drittels des deutschen Staatsgebiets, die Enteignung und Vertreibung Deutscher aus diesen Gebieten, sowie die schweren Menschheitsverbrechen, die von Polen in den Jahren 1919–1939 und 1945–1955 an Deutschen verübt wurden. Auch die Vertreibungsverbrechen der Tschechen, Russen, Slowaken und anderer Nachbarn müssen unsere Aufmerksamkeit bekommen. Ebenfalls berücksichtigt werden müssen die millionenfache Vergewaltigung deutscher Mädchen und Frauen jeden Alters durch alliierte Soldaten, die Tötung und Folterung deutscher Zivilisten durch die Rote Armee und andere alliierte Truppen sowie die vorsätzlichen Massentötungen deutscher Kriegsgefangener in den Rheinwiesenlagern der US-Armee. Erst ein solches Gegengewicht durchbricht die einseitige Perspektive, nimmt politischer Instrumentalisierung den Boden und entzieht Versuchen, Erinnerungskultur zur Beeinflussung von Öffentlichkeit und Wählerwillen zu nutzen, ihre Wirkung.
Tokio war in diesem Moment daher nicht nur eine ferne Metropole. Es wurde zu einem Spiegel – und zu einer unmissverständlichen Forderung an Deutschland: sich aus diesen von dem altparteimedialen Komplex perfektionierten und ritualisierten Formen der Selbstabwertung zu befreien und zu einem aufrechten, souveränen Umgang mit der eigenen Geschichte zurückzufinden – einen Umgang, der Verantwortung kennt, aber sich nicht dauerhaft in ihr gefangen hält, weil er um die Kausalitäten und die Verantwortung auch und gerade der anderen weiß.
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Über den Autor
Johannes Brandt, Rechtsanwalt aus Berlin. 2018 verbrachte ich mehrere Monate in Tokio, wo ich ein deutsch-japanisches Unternehmen bei Verhandlungen mit Investoren unterstützte und japanische Projetteams im Internationalen Vertragsrecht unterrichtete. Während meines Aufenthalts beeindruckten mich das Selbstverständnis der Japaner, der offensichtliche Wohlstand und der technische Fortschritt des Landes sowie die makellose Ordnung Tokios. Alle diese schweren dekadenz- und ideologiebedingten Verfallserscheinungen, die unser Land und die deutsche Gesellschaft inzwischen bereits schwer gezeichnet haben, scheinen an Japan vollständig vorbeigegangen zu sein. Diese Erfahrungen eröffneten mir neue Perspektiven auf kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge und regten zugleich zum Nachdenken über Deutschland an.


In Japan gilt: Ja, unsere Ahnen haben auch Fehler gemacht. Aber ohne sie gäbe es uns nicht. Das ist der Grund zur Dankbarkeit.
Oh – ich will noch: Das ist ein sehr interessanter Artikel von Johannes Brand!