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Sklaverei auf Teilzeit

6. September 2020
in 7 min lesen

Die Abgabenquote in Deutschland liegt laut dem Bund der Steuerzahler konstant รผber 50 %. So war beispielsweise der Steuerzahlergedenktag, also der Tag, bis zu dem der durchschnittliche Steuerzahler nur fรผr Zwangsabgaben gearbeitet hat, in 2020 am 9. Juli. รœber die Hรคlfte eines Arbeitsjahres arbeitet man also nicht fรผr sich, sondern fรผr den Steuerstaat. Gleichzeitig gibt es in Deutschland immer noch viele Menschen, die unser System als grundsรคtzlich gut, gerecht und frei verteidigen.

Eine wesentliche Sรคule dieser Verteidigung des Status quo ist die Feststellung, dass es uns insgesamt (noch) gut geht und wir uns รผber viele Jahrzehnte vergleichsweise groรŸer Freiheit erfreut haben. Und natรผrlich stimmt das, wenn man sich die dafรผr passenden Vergleiche raussucht. Fakt ist, dass Deutschland fรผr zwei verlorene Weltkriege heute gut dasteht. Das gilt es anzuerkennen und zu wรผrdigen. Ich vermute, dass von Menschen, die mit dieser Argumentation das bestehende System gegen libertรคre Kritik verteidigen, Formulierungen wie „Steuersklave“, „Zwangssystem“ und „Ausbeutungsrendite“ als vรถllig realitรคtsfern aufgefasst werden. Daher mรถchte ich im Folgenden vorrechnen und argumentieren, warum derart harte Formulierungen durchaus ihre Berechtigung haben.

Das mรถchte ich anhand des Begriffes der Sklaverei tun. Wikipedia als Quelle von im Allgemeinen anerkanntem Wissen schreibt: „Sklaverei ist ein Zustand, in dem Menschen vorรผbergehend oder lebenslang als Eigentum oder Handelsware anderer behandelt werden. Bei der Sklaverei im engen Sinne der Geschichtsschreibung war das Recht, Sklaven zu erwerben, zu verkaufen, zu mieten, zu vermieten, zu verschenken und zu vererben, gesetzlich verankert. Die โ€žSklavengesetzeโ€œ regelten die privat- und strafrechtlichen Gesichtspunkte der Sklavenhaltung und des Sklavenhandels; darรผber hinaus bestimmten sie auch, welche Rechte den Sklaven zugestanden wurden.
In vielen sklavenhaltenden Staatswesen und Gesellschaften behielten Sklaven eine gewisse Rechtsfรคhigkeit und konnten z. B. die Gerichte anrufen oder Eigentum mit Einschrรคnkungen erwirtschaften, das es ihnen in manchen Gesellschaften und Lรคndern erlaubte, durch Selbstkauf die Freiheit zu erlangen. In manchen Staatswesen war Sklaverei erblich, d. h. die Nachkommen von Sklaven waren ebenfalls unfrei.
Im weiteren Sinne zรคhlen zur Sklaverei auch Freiheitsberaubung und Nรถtigung von Menschen ohne gesetzliche Grundlage, beziehungsweise als VerstoรŸ gegen die geltenden Gesetze und die Menschenwรผrde sowie Ausbeutung illegal Aufhรคltiger. Die Grenzen zwischen Sklaverei und ’sklavereiรคhnlichen‘ Erscheinungen wie etwa Zwangsarbeit (in Industrie, Bergbau, Plantagen etc.) oder Prostitution sind flieรŸend.“

Wir sehen sofort, dass Sklaverei etwas Relatives ist, mit verschieden Formen und Ausprรคgungen, also ein nicht trennscharfer Begriff, an dem man vortrefflich herumdefinieren kann. Es muss auch klar sein, dass jeder Mensch natรผrlich die Neigung hat, bei eben diesem Definieren zu seinen Gunsten zu definieren – denn wer will sich schon als Sklave sehen?

Aber gehen wir mal vertiefend auf den letzten Satz ein: „Die Grenzen zwischen Sklaverei und ’sklavereiรคhnlichen‘ Erscheinungen wie etwa Zwangsarbeit (in Industrie, Bergbau, Plantagen etc.) oder Prostitution sind flieรŸend.“

Wie definiert Wikipedia denn Zwangsarbeit? „Als Zwangsarbeit werden Arbeiten bezeichnet, zu denen Menschen unter Androhung einer Strafe oder eines sonstigen empfindlichen รœbels gegen ihren Willen gezwungen werden. Sie ist โ€“ mit verschwimmenden รœbergรคngen โ€“ die schรคrfste Form der โ€žArbeitspflichtโ€œ. Die Sklaverei und die Leibeigenschaft beschreiben รคhnliche Abhรคngigkeitsverhรคltnisse, bei denen allerdings Menschen als Eigentum bzw. Objekte des Menschenhandels im Vordergrund stehen. Zwangsprostitution ist eine der aktuell verbreitetsten Formen von Zwangsarbeit.“

Zwangsarbeit ist also Arbeit, zu denen Menschen unter Androhung einer Strafe oder eines sonstigen empfindlichen รœbels gegen ihren Willen gezwungen werden und die รœbergรคnge zwischen Sklaverei und Zwangsarbeit sind flieรŸend. Namen sind ja bekanntlich Schall und Rauch, es kommt auf den Inhalt an. Und dieser Inhalt ist hier schlicht und einfach Arbeit, รผber deren Frรผchte der Arbeitende nicht frei verfรผgen kann. Zwangsarbeit und Sklaverei sind darin offensichtlich identisch. Schauen wir uns nun mal den arbeitenden Teil der deutschen Bevรถlkerung an und erinnern uns daran, dass der durchschnittliche Steuerzahler in 2020 bis zum 9. Juli nur fรผr Zwangsabgaben gearbeitet hat. Wahrscheinlich ist fรผr so manchen Verteidiger des Status quo allein der Begriff „Zwangsabgabe“ schon verdรคchtig.

Selbstverstรคndlich gibt es Menschen, die bereitwillig Steuern und Sozialabgaben zahlen – da sie ja auch etwas dafรผr bekommen und das Verhรคltnis von Geben und Nehmen als insgesamt stimmig empfinden. Diese Tatsache รคndert jedoch nichts daran, dass diese Abgaben letztendlich mittels Zwang (z.B. Beugehaft) eingetrieben werden, sollte man sie nicht zahlen. Jemand, der gerne Abgaben zahlt, wozu der Staat ihn nรถtigenfalls zwingen wรผrde, empfindet zwar subjektiv keinen Zwang – unterliegt jedoch dem gleichen System, wie jemand, der nur aufgrund des Zwanges zahlt. Ist der Begriff „Zwangssystem“ hier angemessen oder nicht?

Alle noch so guten Argumente zur Verteidigung von Zwangsabgaben wie den Steuern, den Sozialabgaben und den Raubfunkbeitrรคgen kรถnnen immer nur eins: Zwang rechtfertigen. Kein noch so guter Grund fรผr Zwangsabgaben รคndert etwas daran, dass es Zwang ist. Auch die Tatsache, dass viele Menschen gar nicht tatsรคchlich gezwungen werden mรผssen, รคndert nichts daran. Ich will an dieser Stelle hier gar nicht weiter auf die psychologische Dimension dieses Themas eingehen, sondern lieber noch ein paar simple Rechnungen anstellen. Unterstellen wir dazu mal eine Zwangsabgabenquote von 50 %, auch wenn sie gemรครŸ den Berechnungen des Bund der Steuerzahler hรถher liegt. So bleiben dem durchschnittlichen Steuerzahler in 2020 von einem verdienten Euro 47,9 Cent zur selbstbestimmten Verfรผgung. Aber der Einfachheit halber rechnen wir mal mit 50 %.

Nehmen wir an, du arbeitest pro Woche 40 Stunden bzw. 160 Stunden pro Monat. Dein so verdienter Arbeitslohn geht jedoch (optimistisch gerechnet) zu 50 % fรผr Zwangsabgaben drauf. Du bekommst nur die Hรคlfte von dem ausgezahlt, was dein Arbeitgeber pro Monat fรผr deine Arbeit bezahlt. Das bedeutet doch nichts anderes, als dass du jede Woche 20 Stunden bzw. 80 Stunden im Monat unfreiwillig fรผr die Regierung gearbeitet hast – die รผber deine Zwangsabgaben verfรผgen kann und sowohl deren Hรถhe als auch deren Verwendung bestimmt. Wenn wir 30 Tage bezahlten Urlaub im Jahr unterstellen, dann sind das 46 Wochen x 20 Stunden = 920 Stunden Arbeit fรผr Zwangsabgaben im Jahr.

920 Stunden / 24 Stunden pro Tag sind 38,33 Tage Arbeit fรผr Zwangsabgaben im Jahr. Nehmen wir mal an, du kommst in deinem Berufsleben auf 45 Arbeitsjahre, dann ergeben sich 45 x 38,33 = 1.724,85 Tage Arbeit fรผr Zwangsabgaben. Das entspricht 4,73 Jahre Arbeit fรผr Zwangsabgaben. Und gibt es einen Unterschied zwischen „Arbeit fรผr Zwangsabgaben“ und „Zwangsarbeit“? Und zwischen „Zwangsarbeit“ und „Sklaverei“?

Jetzt kann man natรผrlich sagen: „Geht ja noch! Nur knapp 5 Jahre Zwangsarbeit ist doch besser als ein ganzes Leben als Sklave!“ Das stimmt natรผrlich – gleichzeitig ist auch das wieder nur Rechtfertigen und Schรถnreden. 0,0 Jahre Zwangsarbeit wรคren gut.

Aber wir mรผssen nochmal darauf eingehen, dass man ja etwas fรผr seine Zwangsarbeit bekommt, StraรŸen, Krankenversicherung, Polizei und so weiter. Als erstes sollten wir anerkennen, dass jeder Sklave, jeder Leibeigene und jeder Zwangsarbeiter immer etwas von seinem Herren bekommen hat – denn sein Herr will seine Arbeitskraft, nicht seinen Tod. Du kannst Menschen nur ausbeuten, solange du sie am Leben erhรคltst und sie in der Lage sind, fรผr dich zu arbeiten. Es geht um Ausbeutungsrendite – und nur was lebt und arbeitsfรคhig ist, kann ausgebeutet werden. Deswegen war es schon immer im Interesse der Herr
en, die Sklaven hinreichend zu versorgen. Aus Eigeninteresse.

Aus der gleichen Logik heraus haben die Sklavenhalter auch ein Interesse daran, die Sklaven nicht nur am Leben und halbwegs gesund, sondern auch bei Laune zu halten. Die Grundidee der Sklaverei ist ja, sehr billige Arbeitskrรคfte zu haben, um die Rendite zu steigern. Anstatt einen Lohn zu zahlen, der zu freiwilliger Arbeitsaufnahme fรผhrt, werden die Sklaven gezwungen. Dieser Zwang hat jedoch auch Kosten, beispielsweise das Gehalt fรผr den Aufseher. Diese Kosten kรถnnen wir die Kosten der Repression nennen. Der Sklavenhalter wird immer bemรผht sein, diese Repressionskosten mรถglichst gering zu halten. Und das gelingt ihm durch die Kombination der Peitsche mit dem Zuckerbrot. Umso netter er zu seinen Sklaven ist, desto weniger wahrscheinlich ist ein Sklavenaufstand und desto weniger Aufseher muss er bezahlen. Es kommt also auf das richtige Verhรคltnis von Zuckerbrot und Peitsche an, um die Repressionskosten zu minimieren und die Ausbeutungsrendite zu maximieren.

รœbertragen auf den Steuerstaat der Gegenwart ist die Ausbeutungsrendite das Aufkommen an Zwangsabgaben wie Steuern, Sozialabgaben und Raubfunk im Verhรคltnis zu den Kosten der Peitsche (Polizei usw.) und den Kosten des Zuckerbrotes (StraรŸen usw.). Oder als Formel ausgedrรผckt: Ausbeutungsrendite = Zwangsabgaben / Repressionskosten, wobei die Repressionskosten die Summe der Kosten der Peitsche und der Kosten des Zuckerbrotes sind.

Wir mรผssen eine simple Tatsache anerkennen: Der Zwang ist das konstitutive Element der Sklaverei, nicht das Verhรคltnis zwischen Zuckerbrot und Peitsche. Und unser System ist voller Zwang. Ob dieser Zwang von den Gezwungenen als solcher empfunden wird ist letztlich irrelevant. Das konstitutive Element des Zwanges ist die Unterdrรผckung der freien Entscheidung, nicht die subjektive Wahrnehmung dessen. Ich erspare es uns hier, endlose Beispiele fรผr staatlichen Zwang in der Praxis aufzuzรคhlen. Klar muss nur sein, dass aus Perspektive des Zwingenden im Regelfall solcher Zwang am besten ist, der von den Gezwungenen nicht als solcher erkannt bzw. empfunden wird. Das hรคlt die Kosten der Repression gering und trรคgt somit zu einer guten Ausbeutungsrendite bei.

Ich will zum Schluss kommen. Gerade bei solchen unangenehmen Themen wie der Fremdbestimmung des eigenen Lebens muss man ja in kleinen Schritten vorgehen, da nun mal niemand gerne realisiert, in welchem MaรŸe er fremdbestimmt und ausgebeutet wird. Das ist vor allem ein psychologisches Problem, Stichwort kognitive Dissonanz. AbschlieรŸend mรถchte nur noch auf zwei banale Tatsachen hinweisen:

Erstens: Es gibt einen Unterschied zwischen legal und legitim. Der Holocaust war auch legal – eben weil die Nazis die Regierungsmacht hatten und sich ihre Gesetze selbst schreiben konnten. Was legal ist รคndert sich im Laufe der Zeit und jedes Regime wird per Legislatur die Regeln und Gesetze der beherrschten Bevรถlkerung im Laufe der Zeit zu seinen Gunsten beeinflussen. Was moralisch-ethisch legitim ist und bleibt, das hat damit nichts zu tun.

Zweitens: Es gibt keinerlei vertragliche Grundlage fรผr das Zwangsverhรคltnis zwischen Staat und Bevรถlkerung. Niemand von uns hat jemals einen Vertrag unterschrieben, in dem er sich mit der Regierung darauf einigt, wie viele Steuern, Sozialabgaben und Raubfunkbeitrรคge er zahlen muss und welche รถffentlichen Gรผter wie StraรŸen usw. er dafรผr in welcher Qualitรคt zur Verfรผgung gestellt bekommt. Oft wird an dieser Stelle dann auf das Grundgesetz als Basis unserer Gesellschaftsordnung, inklusive Zwangsabgaben, verwiesen. Auch diese Grundgesetz wurde jedoch nicht von der Bevรถlkerung, sondern von der Obrigkeit installiert. Wikipedia schreibt: „Der von September 1948 bis Juni 1949 in Bonn tagende Parlamentarische Rat hat das Grundgesetz im Auftrag der drei westlichen Besatzungsmรคchte ausgearbeitet und genehmigt. Es wurde von allen deutschen Landtagen in den drei Westzonen mit Ausnahme des bayerischen angenommen. Eine Volksabstimmung gab es mithin nicht.“

Natรผrlich hat jeder Mensch die Freiheit, all das zu leugnen und sich schรถn zu reden, was immer er will. Individuelle Freiheit inkludiert das Recht auf Selbstbetrug und es gibt psychologisch gesehen gute Grรผnde dafรผr, genau das zu tun. Wenn wir jedoch eine gesรผndere Gesellschaft mit weniger Zwang und mehr Selbstbestimmung des Individuums wollen, dann mรผssen wir diesen und vielen weiteren unangenehmen Tatsachen ins Auge sehen.

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