Aus dem zweiten Kapitel von Odin, Nietzsche und der Pfad zur linken Hand
Am Anfang gab es nur Eis und Feuer. Im Norden lag das eisige Niflheim und im Sรผden das feurige Muspellheim. Dazwischen, da wo Feuer und Eis aufeinander trafen, da war Ginnungagap, der Urschlund in dem alles begann. Eis und Schnee schoben sich von der einen Seite in den Schlund, und Feuer und glรผhende Asche kamen von der anderen Seite. Da wo Hitze und Kรคlte zusammenkamen, da schmolz das Eis. Auch die Luft wurde mild und lebensfreundlich und so entstand im Schmelzwasser, ziemlich genau in der Mitte von allem, erstes Leben.
Das waren zunรคchst nur zwei Wesen: Ein Riese und eine Kuh. Der Riese nannte sich selbst Ymir, und die Kuh nannte er Audhumbla. Ob die Kuh das mit den Namen auch so sah, weiร man nicht genau. Wer weiร schon, was in so einem Kuhkopf vor sich geht. Aber eins ist klar: Kรผhe geben Milch. Und Audhumbla gab Milch und Ymir trank die Milch.
Es begann mit dem Riesen
Audhumbla gab so viel Milch und Ymir, der hatte ja sonst auch gar nichts zu tun, trank so viel Milch, dass er immer und immer grรถรer wurde. Er wuchs und wuchs und nahm immer monstrรถsere Ausmaรe an. Und รผberhaupt war dieser erste Riese ein besonderer Riese. Er hatte nรคmlich beide Geschlechter zugleich und konnte daher aus sich selbst heraus Kinder zeugen und gebรคren.
Und das tat er! Aus seinem linken Arm gebar er einen weiblichen und einen mรคnnlichen Riesen und aus seinen Beinen einen sechskรถpfigen Riesen. Das ging ja schon gut los, doch die Kuh war auch nicht untรคtig. Die gab nicht nur furchtbar viel Milch, sondern die leckte auch รผberall mit ihrer groรen rauen Zunge herum. Also vor allem an den salzigen Eisblรถcken, die noch nicht geschmolzen waren. Wie Kรผhe das eben so machen.
Und so leckte sie im Laufe von drei Tagen eine weitere Gestalt aus dem Eis. Die hatte nur einen Kopf, nicht sechs wie das eine Kind von Ymir, und auf diesem Kopf wuchsen auch hรผbsche Haare und รผberhaupt sah dieses Wesen ziemlich menschlich aus. Einen Namen hatte es auch: Buri.
Dann kam Buri
Buri war ein gut aussehender Mann, und da lag es nahe, dass sich eine von Ymirs Tรถchtern in ihn verliebte. Der Ymir soff ja die ganze Zeit weiter Audhumblas Milch, wusste gar nicht wohin mit all seiner Energie und gebar daher auch fortwรคhrend weitere Kinder. Ehrlich gesagt wurde das schnell ein ziemliches Durcheinander und deswegen weiร man auch nicht mehr genau, welche Tochter Ymirs das war, die sich da in den Buri verliebte.
Aber was man genau weiร, ist folgendes: Buri und eine der Tรถchter Ymirs zeugten gemeinsam einen Sohn und den nannten sie Bor. Und Bor heiratete dann eine andere Riesentochter, die Bestla. Und Bestla und Bor bekamen zusammen drei Sรถhne und das waren Odin, Vili und Ve.
Jetzt war es ja so, dass Ymir, Audhumbla, Ymirs zahlreiche Riesenkinder, Buri, Bor, Bestla, Odin, Vili und Ve alle miteinander in Ginnungagap lebten. Da hatte alles angefangen – und etwas anderes gab es ja auch gar nicht. Die konnten ja alle nur in der Mitte leben, da wo Feuer und Eis sich gegenseitig ausglichen und Wasser und Atemluft vorhanden war.
Eine schrecklich nette Familie
Das Problem war, dass Ymir fortwรคhrend weitere Kinder bekam, so dass es immer voller da in der Mitte von Ginnungagap wurde. Immer mehr Riesen liefen da herum, manche mit einem Kopf, manche mit sechs und manche mit irgendwas dazwischen. Klar war nur, dass es Riesen waren und dass sie sich zusehends vermehrten. Odin und seinen Brรผdern gefiel das nicht. Sie erkannten, dass sie immer weiter zur Minderheit wurden, immer mehr in die Unterzahl gerieten. Das machte ihnen Sorgen.
Dazu kam auch noch, dass die ganzen Riesen um sie herum eigentlich nichts anderes machten als sich zu vermehren. Die waren nรคmlich nicht besonders erfinderisch und hatten – es war ja noch der Anfang von allem – praktisch nichts anderes zu tun. Das bedeutete natรผrlich, dass das Problem fรผr Odin und seine Brรผder nicht nur grรถรer wurde, sondern insgesamt sogar mit immer weiter zunehmender Geschwindigkeit wuchs.
Immer mehr Riesen, die immer mehr Kinder bekamen, die dann ja immer untereinander noch viel mehr Kinder bekamen. Es musste also schnell etwas geschehen, da waren sich die Asen (so nannten sich alle Nachfahren von Bor und Bestla) einig. Odin, Vili und Ve beschlossen, das Problem bei der Wurzel zu packen: Ymir musste weg.
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